"Der Zusammenhalt war einzigartig"

WDR 14.07.2026 06:42 Min. Verfügbar bis 14.07.2028

Fünf Jahre nach der Flut in Hagen "Der Zusammenhalt war einzigartig"

Stand:

Fünf Jahre nach der Flut in Hagen hat sich der Alltag längst wieder normalisiert und die Hagener sind sich einig: Der Zusammenhalt war einzigartig und sollte so etwas nochmal passieren, sind sie vorbereitet.

Von Jan Schulte

Hagen-Dahl, an einem sonnigen Vormittag im Juli 2026. Zwischen den hohen grünen Hügeln schlängelt sich gemütlich der Fluss Volme durch das enge Tal. Vorbei an alten Fachwerkhäusern, wie sie hier, am Rande des Sauerlands, typisch sind. Michael Böttcher steht auf einer Brücke gegenüber der Kirche. Er lächelt und schwelgt in Erinnerungen - obwohl das Thema ernst ist.

"Das war einfach nur Wahnsinn", erinnert sich Böttcher kopfschüttelnd, als könne er es noch immer nicht glauben. "Wildfremde Menschen, aus allen Teilen von Deutschland, kamen hier an und haben anderen, wildfremden Leuten geholfen, Keller auszuräumen. Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut", so Michael Böttcher weiter.

Ein Proträtfoto von Michael Böttcher. Böttcher hat stoppelige, graue Haare und trägt eine Brille.

Michael Böttcher koordinierte 2021 bei der Flut Hilfe in Hagen-Dahl.

Hilfe über soziale Medien in Hagen-Dahl

Der Stadtteil Dahl, etwa 20 Autominuten von der Hagener Innenstadt entfernt, war beim Hochwasser 2021 zeitweise komplett abgeschnitten. "Es kamen keine Hilfstruppen an", erinnert sich Böttcher, der hier, wo die Volme gerade einmal knöcheltief ist, groß wurde. "Wir mussten uns selbst organisieren. Und dank Social-Media haben wir das auch hinbekommen."

Eine von Böttcher betriebene Facebook-Gruppe wurde zu einer Art digitalem Marktplatz. "Da konnten Leute reinschreiben, die Hilfe brauchten und wiederum Leute antworten, die helfen wollten", berichtet er. Das Wir-Gefühl sei zwar mittlerweile abgeflacht, weil in Hagen der Alltag eingekehrt sei, doch die Flutkatastrophe 2021 habe die Menschen zusammengeschweißt. Für Michael Böttcher keineswegs so erwartbar.

"Leute, die sich vorher mit dem Popo nicht angeschaut haben, haben zusammen geschaufelt, im Dreck gestanden, abends ein Würstchen gegessen und ein Bier getrunken. Und am nächsten Tag ging es weiter." Michael Böttcher, über die Hilfsbereitschaft nach der Flut

Ein Bierchen zum Jahrestag

Böttcher selbst lebt zwar im höhergelegenen Breckerfeld, fährt aber mehrmals die Woche durch Hagen-Dahl. "Natürlich denke ich oft darüber nach, was wir hier zusammen geleistet und wo wir angepackt haben." Am fünften Jahrestag, dem 14. Juli 2026, wird Michael Böttcher mit weiteren Helfern auf der Dahler Brücke zusammenkommen, auf der er auch während unseres Interviews steht. "Wir werden hier dann ein Bier zusammen trinken und über damals sprechen", sagt er, "und ich bin mir sicher, wir würden das auch noch mal schaffen. Wir wissen jetzt, wie es geht."

Selbstgebauter Schutzwall als persönliches Mahnmal

Ein paar Kilometer weiter, im Nahmertal, das zu Hagen-Hohenlimburg gehört, stehen Maike und Michael Hauck in ihrem Garten. Der Nahmerbach plätschert direkt nebenan.

Maike und Michael Hauck aus Hagen-Hohenlimburg.

Maike und Michael Hauck aus Hagen-Hohenlimburg sind dankbar für den Zusammenhalt in der Stadt.

Nur ein selbstgebauter Schutzwall erinnert hier noch an die Flut vor fünf Jahren. Der Bach lief damals über, flutete das gesamte Grundstück der Haucks und riss mit, was nicht niet- und nagelfest war. Im frischen Beton des neuen Schutzwalls hat die Familie vor vier Jahren ihre Handabdrücke und Namen hinterlassen. Ein persönliches Mahnmal und eine Erinnerung an das, was Familie Hauck - wie viele andere auch - überstanden hat.

Handabdrücke im Beton-Schutzwall der Familie Hauck.

Familie Hauck hat sich in ihrem selbst gebauten Schutzwall verewigt.

Aus Nachbarn wurden Freunde

Die Haucks geraten schnell ins Schwärmen, wenn sie heute an die Flutkatastrophe zurückdenken - so paradox es klingen mag. Immerhin standen ganze Teile des Hauses unter Wasser. Zurück blieben Unmengen an Matsch und Geröll. Monatelang sahen große Teile des Nahmertals aus wie eine einzige Schlammwüste.

"Wir hatten sofort Helfer aus der Nachbarschaft", kann sich Michael Hauck erinnern. Zwei Wochen lang sei das nach dem Hochwasser so gegangen, erzählt der Familienvater. "Es haben sich immer wieder welche gemeldet, weil wir so lange keinen Strom hatten und auch nicht duschen konnten. Der Zusammenhalt war einzigartig."

Flutschäden im Haus von Familie Hauck: Der Keller stand damals komplett unter Wasser.

Das Haus von Familie Hauck wurde bei der Flut komplett verwüstet.

Die vergangenen Jahre haben die Haucks nicht nur genutzt, um ihr Grundstück wieder fit zu machen. "Wir haben einen persönlichen Notfallplan und auch Geräte angeschafft", erzählt Maike Hauck, "außerdem gucken wir regelmäßig in den Bach, wenn es wieder mal regnet. Ich weiß jetzt auch, was Regenmengen in Litern bedeuten."

Der 13. Juli, der Tag an dem das Hochwasser in Hohenlimburg für Chaos sorgte, ist für die Haucks aus gleich zwei Gründen ein besonderes Datum. "Wir haben da Hochzeitstag", lacht Maike Hauck, "jetzt feiern wir ihn immer mit noch mehr lieben Menschen, die wir seit der Flut kennen." Denn auch die Nachbarschaft im Nahmertal habe die Katastrophe enger zusammengeschweißt.

Feuerwehr Hagen wurde selbst zum Flutopfer

Ein Phänomen, das auch die mehr als 1.000 Hagener Einsatzkräfte aus hauptamtlichen und freiwilligen Löschzügen bestätigen können. "Wir waren hier ja selbst betroffen", erinnert sich Löschzugführer Christian Reichelt. Während seine Kameradinnen und Kameraden im ganzen Stadtgebiet unermüdlich gegen die Wassermassen kämpften, Keller leer pumpten und Menschen in Sicherheit brachten, schoss das Wasser durch die eigene Halle.

"Auch Tage nach der Flut kamen Feuerwehrleute aus anderen Einheiten zu uns und feudelten hier Wasser und Schlamm aus der Halle", erzählt Reichelt. Hagens Feuerwehrchef Veit Lenke ist noch immer stolz auf das, was seine Kräfte damals geleistet haben. Dass so etwas überhaupt passieren würde - damit hatte er nicht gerechnet.

Aufräumarbeiten bei der Feuerwehr Hagen.

Die Feuerwehr in Hagen war selbst von der Flutkatastrope betroffen.

Die Nacht der Flut - "Hagen säuft gerade ab!"

"Hagen säuft gerade ab!" Der Satz, den ihm sein Stellvertreter damals in der Nacht in den Telefonhörer sprach, ist Lenke bis heute nicht aus dem Kopf gegangen. "Ja, es ist ein bisschen Hochwasser", zitiert er das Telefonat. Doch sein Stellvertreter blieb dabei: "Nein! Hagen säuft gerade ab!"

Die Volme in Hagen-Dahl.

Die Volme in Hagen-Dahl überflutete 2021 große Teile des Stadtteils.

Kritik an Arbeit der Feuerwehr

Den mehrtägigen Einsatz während des Jahrhunderthochwassers bewertet Michael Funke, Hochwasser-Experte der Feuerwehr Hagen, als gut. "Wir haben da alle funktioniert", so Funke weiter. Im Nachgang habe er aber auch mit Flutgeschädigten gesprochen, die sich vergessen vorgekommen seien. "Da mussten wir uns auch harte Kritik anhören", schildert er, "wir haben uns das zu Herzen genommen." Künftig wolle man besser und transparenter kommunizieren.

Insgesamt sei die Arbeit der Feuerwehr Hagen sowie der weiteren Kräfte von Rettungsorganisationen oder dem THW aber verlässlich angekommen. Nicht zuletzt deswegen erfreut sich die Hagener Feuerwehr regen Zulaufs: Allein die Kinder- und Jugendfeuerwehr platzt aus allen Nähten. Und auch erwachsene Menschen zeigten Interesse daran, bei den Freiwilligen Feuerwehren mitzumachen. "Die sagen sich: Ihr habt uns geholfen. Jetzt wollen wir euch helfen", bringt es Feuerwehrchef Veit Lenke auf den Punkt.

"Hier bin ich. Was kann ich tun?"

Ähnlich hat es auch Robin Figge aus Hagen-Holthausen erlebt. Das Haus, in dem er mit seinen Eltern Katharina und Andreas wohnt, liegt direkt am Hang. Grüne Wiesen. Wälder. Es riecht nach Sommer. Die Fassade ist sichtbar frisch gestrichen. An den Eingängen sind klickbare Hochwasserbarrieren angebracht, damit kein Wasser mehr durch die Türen laufen kann. Denn nebenan, hinter der Terrasse, fließt der Holthauser Bach - ein Rinnsal, das an Tagen ohne Starkregen wie in einem Heimatfilm durch den idyllischen Hagener Stadtteil plätschert.

Robin und Andreas Figge im Porträt. Beide lächeln.

Robin und Andreas Figge aus Hagen-Holthausen freuen sich über die Hilfe beim Wiederaufbau nach der Flut.

"Uns hat hier unter anderem ein Landschaftsbauer geholfen", erzählt Robin Figge, "als wir hier aus dem Gröbsten raus waren, bin ich zu ihm gegangen und habe gesagt: Hier bin ich! Was kann ich tun?" Der freundliche Helfer habe zunächst gar nicht gewusst, was Figge von ihm wollte. Doch für den Informatik-Studenten war klar, dass er etwas zurückgeben wollte. Schließlich hatten sich auch um seine Familie unzählige Menschen selbstlos gekümmert.

Schaufeln, Schubkarren, Schlamm

"Wir waren ja abgeschnitten", erzählt Familienvater Andreas Figge, der hier aufgewachsen ist und schon als Kind im Holthauser Bach planschte. "Dann kamen plötzlich Leute mit Handschuhen, Schaufeln und Schubkarren und haben unser Grundstück vom Schlamm befreit." Das habe im Stadtteil etwas verändert, ist sich Figge sicher. "Der Zusammenhalt ist ein ganz anderer. Es ist über die fünf Jahre weniger geworden, ja. Aber ich weiß: Passiert so etwas noch mal, dann sind wieder alle da und helfen mit."

Dabei macht Andreas Figge auch den Hagener Fluthilfen ein großes Kompliment. Seine Familie wurde etwa von der Diakonie unterstützt, sowohl was das Ausfüllen von Formularen als auch die Bereitstellung von Spenden angeht. "Zu meinem Vollzeitjob habe ich mittlerweile auch noch eine Ausbildung zum Bauleiter gemacht", scherzt Figge, dessen untere Etage im Elternhaus wegen der Flut jahrelang nicht bewohnbar war - auch, weil kaum Handwerker zu bekommen waren.

Dieses Jahr wird am Haus der Familie Figge alles fertig sein. Es fehlen nur noch die Fensterbänke auf der Terrasse. Andreas Figge freut sich: "Und dann reden wir nur noch in der Vergangenheitsform über die Flut." Das einzige, was optisch dann noch an die Flut erinnern soll, ist eine Erinnerungsplakette. Die zeigt, wie hoch das Wasser damals stand. 55 Zentimeter hoch.

Unsere Quellen:

  • Beobachtungen des WDR-Reporters vor Ort
  • Feuerwehr Hagen
  • Interview mit Michael Böttcher in Hagen-Dahl
  • Interview mit Maike und Michael Hauck in Hagen-Hohenlimburg
  • Interview mit Andreas und Robin Figge in Hagen-Holthausen

Sendung: WDR.de, Fünf Jahre nach der Flut: "Der Zusammenhalt war einzigartig", 14.07.2026, 05:01 Uhr

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