Anfang August hat Nicole Kozalla ein Freiwilligenjahr in der Suchthilfe begonnen. Jetzt hat sie sogar ein offizielles Diensthandy. Eins mit Tasten. Eine gewaltige Umstellung für die 18-Jährige. Aber in ihrem Alltag ist es unabdingbar.
Tag für Tag besucht sie Klienten in ihren Wohnungen, macht mit ihnen Erledigungen, muss erreichbar sein für schnelle Absprachen.
Seit August im Freiwilligenjahr: Nicole Kozalla
Bildquelle: WDR / Simon Kaufmann"Heute Morgen habe ich eine Klientin kurzfristig zum Zahnarzt begleitet, weil sie Zahnschmerzen hatte. Sie hat Angst vor solchen Terminen, deshalb wollte ich sie unbedingt dabei unterstützen", erzählt Nicole Kozalla.
Doppelt so viele unbesetzte Stellen
In ihrer Einsatzstelle wird sie als Freiwillige flexibel eingesetzt, hilft an verschiedenen Stellen aus und kann sich Zeit für die Menschen nehmen. Ein Bonus, der dieses Jahr in vielen Einrichtungen fehlen wird.
Stefan Homann leitet die Freiwilligenagentur in Bethel
Bildquelle: Stiftung Bethel"Im Bereich Bielefeld und OWL rechnen wir damit, dass etwa 8 bis 9 Prozent unserer Stellen im Freiwilligendienst unbesetzt bleiben", berichtet Stefan Homann von der Freiwilligenagentur in Bethel: "Das ist etwa doppelt so viel, wie in bisherigen Jahren."
Lücken in ganz NRW
Landesweit ist die Lage tendenziell noch angespannter. Die Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege berichtet von durchschnittlich 20 Prozent unbesetzten Stellen bei ihren Mitgliedern.
Der Grund: Wegen der Umstellung von G8 auf G9 an den meisten Gymnasien in NRW haben dieses Jahr deutlich weniger Schülerinnen und Schüler ihr Abitur gemacht. Auch Hochschulen und Ausbildungsbetriebe berichten deshalb von unbesetzten Plätzen.
Auch in der ambulanten Sozialpsychiatrie und Suchthilfe in Hagen, einer Betheler Außenstelle, zeigt sich die Lücke. Statt vier oder sogar fünf Freiwilligen, wie in den vergangenen Jahren, konnte Einrichtungsleiter Marcel Schmidt dieses Jahr nur eine Stelle besetzen.
Zeit für besondere Projekte
"Die Freiwilligen sind ein großer Bonus. Die sind nicht so eng getaktet wie unsere Festangestellten und können besondere Ausflüge oder Projekte für die Klienten organisieren: Open-Air-Kino oder Tretbootfahren zum Beispiel", erklärt Marcel Schmidt.
Marcel Schmidt weiß, wie wichtig die Freiwilligen sind.
Bildquelle: Marcel SchmidtDurch zwei neue Azubis wird die Lücke in Hagen ausgeglichen. Ein Glücksgriff: "Unsere ehemalige Auszubildende hat zwei ihrer Freundinnen angeworben. Normalerweise läuft es andersherum."
Junge Menschen für Berufe begeistern
Die Freiwilligen sind nicht nur zusätzliche Arbeitskräfte. "Unser Ziel ist vor allem, junge Menschen für die sozialen Berufe zu begeistern und eventuell langfristig halten zu können", erklärt Stefan Homann von der Freiwilligenagentur Bethel.
Deshalb hat man in Bethel versucht, die Lücke durch den verkleinerten Abi-Jahrgang möglichst klein zu halten: "Wir sind seit einiger Zeit verstärkt auf Realschulen, Sekundarschulen und Hauptschulen zugegangen und haben versucht, die jungen Menschen dort gezielt anzusprechen."
Bei Nicole Kozalla hat die Strategie funktioniert: Nach ihrem Betheljahr will die 18-Jährige studieren. Soziale Arbeit. Denn bei ihrer Einsatzstelle in der Suchthilfe gefällt es ihr jetzt schon richtig gut.
Unsere Quellen:
- Gespräch mit Stefan Homann, Freiwilligenagentur Bethel
- Gespräch mit Marcel Schmidt, Ambulant Betreutes Wohnen Hagen
- Gespräch mit Mathias Schmitten, Arbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrtspflege NRW
- Besuch bei Nicole Kozalla, Freiwillige in der Suchthilfe in Bethel
Sendung: WDR.de, Doppelt so viele unbesetzte Stellen in Bethel, 11.09.2026, 04:58 Uhr
