Menschen mit Behinderungen helfen auf dem Dong Festival
Bildquelle: wdrWDR. 4 Min. 27 Sek.. Verfügbar bis 21.07.2028.
Ein Tag vor Festivalbeginn: Die ersten Besucher reisen an und schlagen ihre Zelte auf der Halde Norddeutschland auf. Kurz vor dem Start des Dong Open Air in Neukirchen-Vluyn. Dennis Lindvers schiebt eine große schwarze Mülltonne über den Zeltplatz, umgeben von seinen Kollegen und zwei Betreuern. Es ist heiß und staubig.
"Es ist anstrengend, aber es macht auch Spaß“, sagt er. Lindvers ist 37 Jahre alt und war noch nie auf einem Festival - jetzt arbeitet und zeltet er hinter der Bühne. Lindvers ist bei der GSE Essen beschäftigt. Sie bietet Menschen mit Behinderung Beschäftigungsmöglichkeiten in eigenen Werkstätten und auf Außenarbeitsplätzen.
Sechs Teilnehmer ausgelost
Dennis Lindvers schiebt eine schwarze Tonne über den Zeltplatz des Dong Open Air
Bildquelle: WDR/ Agata PilarskaAuf einem solchen Außenarbeitsplatz arbeitet auch Lindvers. "Ziel ist es, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen irgendwann auf den freien Arbeitsmarkt zu vermitteln“, sagt Einrichtungsleiter Lars Endrigkeit. Auch er schiebt gerade eine schwarze Tonne über den Zeltplatz.
Gemeinsam mit seinem Kollegen Sven Stegmann hat er das Festivalprojekt entwickelt. Stegmann hat selbst auf vielen Festivals gearbeitet und festgestellt: Viele der dort anfallenden Aufgaben können auch Menschen mit geistiger Behinderung übernehmen. Die sechs Teilnehmer wurden ausgelost, denn es gab mehr Interessenten als Plätze.
Festivalprobe mit Ravioli
Bevor es auf die Halde geht, bereitet sich die Gruppe gemeinsam auf die ungewohnte Woche vor. Einige der Teilnehmer haben noch nie in einem Zelt übernachtet. "Wir haben die Zelte einmal zum Üben aufgebaut“, erzählt Stegmann. Auch eine Dose Ravioli habe die Gruppe gekocht, "um das Festivalfeeling mal richtig zu erleben“. Auf dem Dong schlafen jeweils zwei Teilnehmer in einem Zelt.
Allein das ist eine große Herausforderung: Eine Woche lang weg von zu Hause, auf einem Feldbett schlafen, viele neue Geräusche, raus aus den Routinen, keine genaue Feierabendzeit. Gearbeitet wird, wenn Arbeit anfällt. Regelmäßige Pausen sollen ihnen helfen, mit der Hitze und den neuen Bedingungen zurechtzukommen.
Körperlich anstrengende Arbeit
Jeder Teilnehmer kann sich auch darüber hinaus zurückziehen, wenn es ihm zu viel wird. Die Arbeit auf der Halde ist körperlich anstrengend. Die Gruppe stellt Zäune und Bierbänke auf, verteilt Mülltonnen auf dem weitläufigen Gelände und füllt Getränke im Künstlerbereich auf.
Lars Endrigkeit (links) und Sven Stegmann von der GSE Essen
Bildquelle: WDR/ Agata PilarskaTrotzdem muss niemand über seine persönlichen Grenzen hinausgehen. Ein Teilnehmer bricht nach vier Tagen ab. "Dann stehen wir da hundert Prozent hinter“, sagt Stegmann. Die Gruppe sei stolz darauf, dass er vier Tage lang mitgearbeitet habe.
Ein erster Schritt in die Veranstaltungsbranche
Die Teilnahme an dem Projekt ist freiwillig, die reguläre Vergütung der GSE-Beschäftigten läuft währenddessen weiter. Zusätzlich bezahlt werden sie vom Festival nicht – das Dong Open Air wird von einem gemeinnützigen Verein und größtenteils von ehrenamtlichen Helfern organisiert.
Für die GSE geht es deshalb zunächst darum, ein neues Arbeitsfeld praktisch auszuprobieren: Welche Aufgaben können ihre Beschäftigten übernehmen? Welche Unterstützung brauchen sie dabei?
Projekt wissenschaftlich begleitet
Das Projekt wird sogar wissenschaftlich begleitet: Festivalforscher Prof. Dr. Matthias Johannes Bauer von der IST-Hochschule für Management in Düsseldorf will herausfinden, was funktioniert hat und was künftig verbessert werden könnte. Die Ergebnisse sollen auch anderen Veranstaltern helfen.
Bauer sieht darin nicht nur eine Frage gesellschaftlicher Teilhabe. Seit der Corona-Pandemie hätten viele Beschäftigte die Veranstaltungsbranche verlassen. Nun müsse geprüft werden, ob Projekte wie dieses schrittweise neue berufliche Möglichkeiten eröffnen können.
"Wenn wir eine Gesellschaft haben wollen, die Teilhabe ermöglicht, dann ist das einfach eine wichtige Facette davon." Prof. Dr. Matthias Johannes Bauer, IST Hochschule für Management
Aus Teilnehmern wird ein Team
Am Samstagnachmittag ist das Festival in vollem Gange. Während vor der Bühne gefeiert wird, räumt die Gruppe Getränkekisten weg - Hand in Hand mit der restlichen Festivalcrew. Auch die Betreuer packen bei allen Tätigkeiten mit an.
Gut gelaunt reicht Lindvers eine Cola-Kiste nach der anderen weiter in den Lkw. "Dennis ist schon mal über sich hinausgewachsen. Er traut sich jetzt ein bisschen mehr“, sagt Stegmann über Lindvers. "Mittlerweile ist wirklich viel Selbstständigkeit da und die Teilnehmer fangen an, auf uns zu achten: Habt ihr euch denn schon eingecremt? Und das ist wow, das ist toll.“
Aufgabe für Aufgabe arbeitet sich die Gruppe durch den Tag. Immer wieder versammelt sie sich unter großen Schirmen an Bierbänken im Mitarbeiterbereich. Mitveranstalter Bo Soremsky holt einen Geländeplan heraus und erklärt der Gruppe, wie nachts der Abbau ablaufen soll. Keiner erwartet, dass die Gruppe auch das noch mitmacht.
"Wahnsinnig gute" Zusammenarbeit
Aber das GSE-Team möchte dabei sein. Für Soremsky ist die Gruppe eine echte Unterstützung: "Die waren wie alle anderen Mitarbeiter auch“, sagt er. Die Zusammenarbeit habe "wahnsinnig gut funktioniert“. Auch im kommenden Jahr seien die Teilnehmer beim Dong Open Air jederzeit wieder willkommen. Auch Stegmann ist glücklich über den Verlauf des Projekts:
"Egal von welcher Stelle: Wir sind familiär aufgenommen worden. Wir werden sehr wertgeschätzt. Wir werden gesehen und das ist ganz wichtig.“ Sven Stegmann
Die Dankbarkeit und die Entwicklung der Teilnehmer seien jedoch das Allerschönste für ihn. "Wir haben viel Herzblut reingesteckt, wir haben viel dafür gearbeitet – aber das ist der Lohn", fügt Endrigkeit hinzu.
Lindvers und die Gruppe haben jetzt eine lange Pause und streifen über das Festivalgelände. Er zeigt auf die Bierzeltgarnituren: "Die Bänke haben wir aufgebaut.“ Es sei toll, das Ergebnis der eigenen Arbeit jetzt zu sehen.
Allein hätte er es aber nicht geschafft, sagt er. Seine Kollegen und die beiden Betreuer hätten ihn unterstützt: "Das ist wie eine Familie, mit der Crew.“ Auf die Frage, ob er wieder bei Festivalprojekt mitmachen würde, muss er nicht lange überlegen: "Ja, auf jeden Fall.“
Unsere Quellen:
- WDR-Interview mit Dennis Lindvers
- WDR-Interview mit Lars Endrigkeit
- WDR-Interview mit Sven Stegmann
- WDR-Interview mit Festivalforscher Johannes Bauer
- WDR-Interview mit Veranstalter Bo Soremsky
- Beobachtungen der Reporterin vor Ort
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit Ruhr, 20.07.2026, 19:30 Uhr