Netze an den Gerüsten sollen verhindern, dass Kinder abstürzen.
Bildquelle: Kristin TrübJahrelange Notlösung : Rettungsweg an Kamener Schule sorgt für Kritik
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An einer Grundschule in Kamen-Methler führt der zweite Fluchtweg seit fast fünf Jahren über provisorische Gerüsttreppen an der Fassade. Eigentlich sollte damit nach diesen Sommerferien Schluss sein. Die Schule sollte feste Rettungstreppen bekommen. Die beauftragte Metallfirma hat das aber nicht rechtzeitig geschafft.
Hinter Bauzäunen ragen auf dem Gelände der Jahnschule in Kamen-Methler zwei Gerüsttreppentürme in die Höhe. Eigentlich sollten sie längst verschwunden sein. Stattdessen dienen sie weiter als provisorischer zweiter Rettungsweg für die Schülerinnen und Schüler. Bei einigen Eltern löst genau das Unbehagen aus.
2022 war bei einer brandschutztechnischen Begehung festgestellt worden, dass nicht alle Klassenräume über einen sicheren zweiten Rettungsweg verfügen. Als Übergangslösung ließ die Stadt daraufhin zwei Gerüsttreppentürme errichten.
Feste Rettungstreppen sollten in den Sommerferien kommen
Eigentlich sollten diese nach den Sommerferien in diesem Jahr durch feste Rettungstreppen ersetzt werden. Doch daraus wurde nichts. Die beauftragte Metallfirma konnte die Arbeiten nach Angaben der Stadt wegen Personalmangels nicht ausführen. Deshalb wurden die Gerüste nach den Ferien erneut aufgebaut.
Eltern äußern Sicherheitsbedenken
Zu den Kritikern gehört Sina Sostmann. Ihre Kinder besuchten vier Jahre lang die Jahnschule. Sie bezweifelt, dass die Gerüsttreppentürme den Anforderungen an einen Rettungsweg gerecht werden.
Sina Sostmann glaubt nicht, dass die Gerüste den Anforderungen an einen Rettungsweg gerecht werden.
Bildquelle: Kristin TrübBereits im Frühjahr wandte sie sich an Schulleitung und Stadtverwaltung. Sie wollte wissen, wie die Sicherheit der Kinder gewährleistet wird und ob es für die Anlage eine Baugenehmigung sowie ein Brandschutzkonzept gibt.
Nach einer Akteneinsicht sei sie enttäuscht gewesen. "In der Akte war nichts außer ein allgemeiner Aufbauplan für eine Gerüsttreppe", berichtet sie. Als die Gerüste nach den Sommerferien wieder aufgebaut wurden, sei sie schockiert gewesen. "Da habe ich es mit der Angst zu tun bekommen, weil ich die Treppen wirklich für gefährlich halte."
"Vertrauen ist erschüttert"
Auch andere Eltern äußern Kritik, möchten aber anonym bleiben. Eine Mutter sagt: "Man kommt sich veräppelt vor, dass die Treppe jetzt wieder aufgebaut wurde. Uns geht es nicht um die Farbe von der Fassade, uns geht es um die Sicherheit unserer Kinder."
"Jahrelang hat man ein Rappelgerüst vor sich rumgammeln lassen. Das Vertrauen ist erschüttert." Vater, der anonym bleiben möchte
Stadt weist Vorwürfe zurück
Die Stadt Kamen weist die Kritik zurück. Man sei überzeugt, rechtmäßig gehandelt zu haben. Um die Bedenken auszuräumen, habe man inzwischen dennoch eine Baugenehmigung eingeholt.
Baustelle oder Rettungsweg? Eltern sorgen sich um die Sicherheit ihrer Kinder.
Bildquelle: Kristin Trüb"Es gab bisher keine Baugenehmigung, weil es nicht zwingend eine braucht", erklärt Uwe Liedtke von der Stadt Kamen. "Genehmigungsfrei heißt aber nicht rechtsfrei."
Im Brandfall stelle die Gerüsttreppe ein Hilfsmittel für die Feuerwehr dar und sei "ausschließlich im Zusammenwirken mit einem Feuerwehreinsatz nutzbar. Eine eigenständige Flucht von Personen über diese Gerüsttreppentürme ohne Unterstützung durch die Feuerwehr oder Lehrkräfte ist nicht vorgesehen", teilt die Stadt Kamen schriftlich mit.
Unfallkasse verweist auf gesetzliche Vorgaben
Ralf Huihsen von der Unfallkasse NRW verweist auf die sogenannte Schulbaurichtlinie. Diese schreibt grundsätzlich zwei voneinander unabhängige Rettungswege für Schulgebäude vor.
Ein Bauzaun soll Kinder daran hindern, auf das Gerüst zu klettern. Eigentlich soll das im Notfall Leben retten.
Bildquelle: Kristin TrübEine provisorische Gerüsttreppe müsse dieselben baulichen Anforderungen erfüllen wie reguläre Schultreppen. "Gerade bei den physikalischen Anforderungen, wie Breite, Höhe, Ausführung der Treppenstufen oder Handläufe - da gibt es wenig Spielraum", so Huihsen. "Ausnahmen sind möglich, die müssen aber beantragt werden."
Zudem verlange das Arbeitsstättenrecht, dass sich Menschen im Gefahrenfall selbstständig in Sicherheit bringen können. "Es gibt eine einzige Ausnahme, das sind Kindertageseinrichtungen", sagt Huihsen.
Grundsätzlich kann eine Gerüsttreppe als zweiter Rettungsweg eingesetzt werden. Das bestätigt auch das Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen. Voraussetzung ist jedoch, dass sämtliche baulichen Anforderungen erfüllt werden.
Ob dies bei den Gerüsttreppen an der Jahnschule der Fall ist, muss nun geklärt werden.
Unsere Quellen:
- Sina Sostmann
- Vertreter der Stadt Kamen, unter anderem Uwe Liedtke
- Ralf Huihsen, Unfallkasse NRW, Abteilung Schulen
- Schulbaurichtlinie NRW
- Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes NRW
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