Schornstein am Gersteinwerk in Werne erfolgreich gesprengt | Kurzvideo
00:30 Min.. Verfügbar bis 12.10.2027.
Ein dumpfer Knall, und fast in Zeitlupe fiel der 280-Meter hohe Schornstein um. Um 11:30 am Sonntagmittag wurde das Wahrzeichen des RWE-Gersteinwerks in Werne im Ruhrgebiet Geschichte. Der 280 Meter hohe Schornstein wurde kontrolliert gesprengt.
"Der Kamin gehört zu Werne dazu"
Familie Große-Drenkpohl will die Sprengung live miterleben
Maik und Lisa Große-Drenkpohl aus dem Werner Ortsteil Stockum sind mit dem dreijährigen Henry und dem Baby Paul unter den ersten, die am Feld am Rande der Sicherheitszone eintreffen: "Das Kraftwerk gehört zu Stockum einfach dazu, das kennt jeder", sagt Lisa Große-Drenkpohl. "Wenn wir mit dem Auto unterwegs sind, sagen wir den Kindern immer: Wenn das Kraftwerk und der Kamin kommen, dann sind wir gleich zu Hause."
Vor allem für ihren Mann Maik ist es ein "komisches Gefühl", dass es den Kamin gleich nicht mehr geben wird. Er war dort vor vielen Jahren Praktikant, sein verstorbener Vater hat dort jahrelang gearbeitet. "Das wäre für ihn heute sehr emotional gewesen."
Über 100 Jahre lang Strom erzeugt
Seit 1917 wird im Gersteinwerk Strom erzeugt, in den ersten Jahren wurde er mit Steinkohle aus den umliegenden Zechen produziert. In den 1970er Jahren wurde das Werk schließlich um erdgasgefeuerte Blockanlagen erweitert.
34 Jahre lang wurde im Block K Kohle verfeuert - zum letzten Mal im Frühling 2019. Seitdem steht der Steinkohleteil von Block K still. RWE betreibt in Deutschland keine Steinkohlekraftwerke mehr. Die Sprengung des Kamins ist Teil der Rückbauarbeiten von über 40 Anlagen und Gebäuden, die im Zuge der Energiewende nicht mehr benötigt werden.
Wasserstofffähiges Gaskraftwerk soll entstehen
Das Gerstein-Kraftwerk in Werne, noch mit Schornstein
Damit will RWE auch Platz schaffen für Neues: Entstehen soll nach dem Wunsch des Energieunternehmens am Standort ein wasserstofffähiges Gaskraftwerk mit einer Nennleistung etwa 800 Megawatt. Die entsprechenden Planungen laufen, eine finale Investitionsentscheidung sei aber noch nicht gefallen, heißt es von RWE.
Hunderte Schaulustige wollen dabei sein
Allmählich füllen sich der Weg und das angrenzende, abgeerntete Feld mit Schaulustigen. Der Bauer, dem das Maisfeld gehört, hat einen Grillstand aufgebaut. Die Sprengung ist ein Event, das offenbar keiner verpassen will. "Gefühlt ist ganz Werne hier", sagen Große-Drenkpohls, die auch ohne verabredet zu sein, schon etliche Bekannte getroffen haben.
Picknick am Kraftwerk
Zena Azizi ist für die Wartezeit bestens gerüstet
Viele Zuschauer haben selbst Bollerwagen, Klappstühle und Proviant mitgebracht. So, wie Zena Azizi. "Für mich macht es keinen Unterschied, ob der Kamin steht oder nicht, aber die Kinder sagen immer, wenn das Kraftwerk am Horizon auftaucht: 'Ey, da wohnen wir doch'"
140 Kilo Dynamit für Sprengung des Schornsteins
Eduard Reisch ist für die Sprengung zuständig
Für die Sprengung ist Eduard Reisch verantwortlich. Der Sprengmeister hat 40 Jahre Berufserfahrung. Die besondere Herausforderung beim Kamin im Gersteinwerk: Kühltürme, Kesselhäuser und andere Gebäude im Werk dürfen nicht beschädigt werden. Dafür wurden im Kamin insgesamt 140 Kilo modernes Dynamit verbaut, wie Reisch im Vorfeld erläuterte.
Damit der fast 15.000 Tonnen schwere Koloss in die geplante Richtung kippen würde, waren zuvor riesige Kippgelenke aus Stahl verbaut worden. Jedes Gelenkpaar wird mit 6000 Tonnen belastet. "Das sind 4000 Pkws, die auf jeder Seite auf einem Gelenk stehen."
Um 11:30 Uhr endet eine Ära
Außerhalb der Sicherheitszone verfolgten hunderte Menschen die Sprengung
Kurz vor elf Uhr, dem erwarteten Sprengtermin, verstummen die meisten Unterhaltungen. Alles blickt auf den Kamin, die Handys sind gezückt. Ein Warnton erklingt. Dann heißt es aber nochmal Warten, denn die Sprengung verzögert sich. Um 11:30 Uhr, ist es dann wirklich so weit: Gebannt verfolgen alle, wie sich der Kamin fast schon feierlich langsam neigt. Exakt in die von Sprengmeister Reisch vorberechnete Richtung.
Zwei Helfer von fliegenden Erdklumpen verletzt
Zwei Absperrposten seien nach der Detonation von umherfliegendem Material getroffen und leicht verletzt worden, teilte RWE mit. Die beiden Helfer seien vor Ort untersucht worden. Ansonsten verlief alles nach Plan.
Neuer Anblick: "irgendwie komisch"
"Man hat den Fall ja richtig gespürt, ein Wackeln in den Beinen!" Maik und Lisa Große-Drenkpohl sind beeindruckt. "Ich hätte nicht damit gerechnet, dass es auch für mich so emotional wird", sagt die Stockumerin, die "nur" zugezogen ist. Baby Paul hat den Moment einfach verschlafen, der dreijährige Henry will dagegen "nochmal". Maik Große-Drenkpohl fasst zusammen, was in diesem Moment vermutlich viele hier denken: "Wenn man jetzt da hin guckt, das ist komisch irgendwie."
Unsere Quellen:
- RWE
- Nachrichtenagentur dpa
- Reporterin vor Ort
- Gespräche mit Zuschauenden
Über dieses Thema berichten wir am 13. Oktober 2025 auch im WDR Fernsehen: Lokalzeit aus Dortmund, 19.30 Uhr.
