Amari mit seinen Freunden im Friedensdorf Oberhausen
Bildquelle: WDR / Marie VandenhirtzFriedensdorf in Oberhausen : Herz-OP rettet Achtjährigen aus Angola
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Der achtjährige Amari (Name geändert) kam über das Friedensdorf nach Deutschland – eigentlich wegen einer Beinverletzung. Bei der Untersuchung entdeckten die Ärzte aber einen seltenen, angeborenen Herzfehler, den einige Spezialisten für nicht operabel hielten. Zwei Ärzte wagten es trotzem.
"Eins, zwei, drei: Frieden – und guten Appetit", hallt es durch den Speisesaal im Friedensdorf International in Oberhausen. Es gibt Reis mit Gemüse und Hähnchenkeule. Der Saal ist bunt gestrichen, an den Wänden hängen Bilder, die die Kinder selbst gemalt haben.
An den Tischen sitzen Kinder aus verschiedenen Teilen der Welt zusammen. An einer der langen Tafeln sitzt Amari, zusammen mit seinen engsten Freunden, und nagt am Knochen seiner Hähnchenkeule. Er scherzt und turnt zwischendurch auf seinem Stuhl herum.
Beim Mittagessen achtet das Friedensdorf auf Gerichte, die den Kindern bekannt sind.
Bildquelle: WDR / Marie Vandenhirtz"Nach dem Essen gehen wir noch Fußballspielen", sagt er und erzählt von seinem Lieblingsspieler Rafael Leão, einem portugiesischen Fußballer. Wenn er groß ist, will er selbst Profi werden – und für Portugal spielen.
Zwischen Fußball und Herz-OP
Wenn man dem Achtjährigen zusieht und zuhört, wie er von Fußballspielen gegen die "großen Kinder" oder vom Kicker im Spielzimmer erzählt, kommt man kaum darauf, dass er vor zwei Wochen noch eine große Operation am Herzen hatte.
Eigentlich war Amari im Frühjahr 2025 wegen einer Entzündung im Unterschenkel aus Angola ins Friedensdorf nach Oberhausen gekommen. Der Verein holt kranke und verletzte Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten zur medizinischen Versorgung nach Deutschland – finanziert ausschließlich durch Spenden.
Aktuell leben 133 Kinder im Friedensdorf. Manche sind gerade erst angekommen, manche erholen sich von einer Operation. Nach ihrer Behandlung kehren sie dann zurück in ihre Herkunftsländer und zu ihren Familien.
Lebensrettender Zufallsbefund
Amaris Entzündung war schnell behandelt, doch den Ärzten machte noch etwas anderes Sorge: die Herztöne des Jungen. Nach weiteren Untersuchungen stand fest, dass Amari auch am Herzen operiert werden muss.
Der Achtjährige hatte eine angeborene Fehlbildung an einer Herzklappe und zusätzlich eine gefährliche Aussackung an einem Blutgefäß. Einige Kliniken hatten die Kombination der beiden Befunde als zu riskant eingeschätzt und einen Klappenersatz empfohlen.
Die Klappe erhalten statt ersetzen
Für Amari wäre das allerdings kompliziert geworden. Weil Kinder wachsen, hätte er regelmäßig eine neue Klappe eingesetzt bekommen müssen. Und außerdem braucht es nach einem Klappenersatz meist lebenslang Medikamente zur Blutverdünnung. Eine Therapie, die in Angola kaum zuverlässig zu überwachen gewesen wäre.
Schließlich landete Amari im Herzzentrum Leipzig. Auch hier war man von dem Befund überrascht: "Beides habe ich in meiner kompletten beruflichen Laufbahn zuvor so noch nicht gesehen", sagt Prof. Martin Kostelka, Chefarzt der Kinderherzchirurgie.
Martin Kostelka (1. v. r.) und Michael Borger (2. v. l.) aus dem Herzzentrum Leipzig haben Amari operiert.
Bildquelle: Helios Kliniken GmbHDie Fehlbildung an Amaris Herzklappe sei bei Kindern extrem selten. Probleme mit dieser Klappe würden normalerweise erst im Erwachsenenalter auftreten. Kostelka, der auf Herzoperationen bei Neugeborenen und Säuglingen spezialisiert ist, holte sich daher Prof. Michael Borger hinzu, den Chefarzt der Erwachsenenherzchirurgie.
Ich habe wirklich geschwitzt, als ich gesehen habe, wie groß die Öffnung war. Prof. Michael Borger
Rund drei Stunden lang operierten die beiden Amari. Während sein Herz für etwa eine Stunde stillstand, rekonstruierte Borger die Herzklappe mit einer Vielzahl einzelner Nähte – ganz ohne künstliches Material.
Drei Stunden am offenen Herzen
Kostelka übernahm parallel die zweite seltene Fehlbildung. Er entfernte die Aussackung, die gefährlich nah an einem Herzkranzgefäß lag, und baute das Gefäß mit körpereigenem Gewebe wieder auf.
Erst als das Herz wieder ans Blutsystem angeschlossen war und die Chirurgen die Klappenfunktion direkt überprüfen konnten, war klar: Die Rekonstruktion hatte funktioniert.
Was auf dem Spiel stand
Wie ernst die Lage war, machen die Ärzte im Rückblick deutlich: Wäre die Herzklappe erneut undicht geworden, hätte das Herz auf Dauer versagen können und die Aussackung hätte reißen können – in Angola, sagt Borger, "hätte Amari dann wahrscheinlich gar keine Chance gehabt."
Dass die Operation überhaupt stattfinden konnte, war längere Zeit nicht klar. Denn Operationen an Herzfehlern wie bei Amari sind schwierig zu finanzieren. Die Klinik übernahm die Kosten nicht und die Wartelisten für spendenfinanzierte Zuschüsse zu Herzoperationen sind lang.
Claudia Peppmüller vom Friedensdorf International und Amari auf dem Fußballfeld.
Bildquelle: WDR / Marie VandenhirtzNormalerweise nimmt das Friedensdorf deshalb gar keine Kinder mit einem solchen Befund auf. "Aber so einen Zufallsbefund kann man ja nicht einfach so stehen lassen", sagt Claudia Peppmüller vom Friedensdorf International. Schließlich teilte sich das Friedensdorf die Kosten mit dem Verein Kleine Herzen Westerwald.
Fern von zu Hause
Amari erholte sich nach der Operation schnell. Heute spielt er wieder Fußball mit seinen Freunden. Doch das Heimweh wird größer. Auch, weil sein bester Freund Osman vor einiger Zeit zurück nach Hause konnte.
Kontakt zu ihren Familien haben die Kinder im Friedensdorf nur über die Partnerorganisationen in den Herkunftsländern, erzählt Peppmüller. Ein direkter Austausch etwa per Telefon sei zu kompliziert.
Bald zurück nach Hause
Nicht überall gebe es verlässliches Netz und man könne die Kinder deswegen nicht alle gleich behandeln. Stattdessen schreiben die Kinder Briefe, die Mitarbeitende bei ihren Flügen ins Herkunftsland mitnehmen.
Amari weiß jedoch auch, dass es richtig ist, hier zu sein, damit er gesund wird. "Die Kinder bemühen sich darum schnell gesund zu werden", sagt Peppmüller. "Denn schnell auf die Beine zu kommen bedeutet auch: schnell nach Hause."
Vor dem Abflug wartet auf jedes Kind noch eine große Abschiedsfeier im Dorf – mit allen zusammen. Darauf freut sich auch Amari schon. Ende des Jahres soll ein Flug nach Angola gehen. Alle hoffen, dass er dann mitfliegen kann.
Kontrolliert werden muss seine Herzklappe trotzdem auch noch nach der Rückkehr: einmal jährlich per Ultraschall, wenn möglich vor Ort in Angola, in Abstimmung mit dem Herzzentrum Leipzig und dem Friedensdorf International.
Unsere Quellen:
- Gespräch mit den behandelnden Ärzten des Helios Herzzentrum Leipzig
- Gespräch mit dem Friedensdorf International
- Gespräch mit Amari
- Reporterin vor Ort
Sendung: WDR.de, Herz-OP rettet Achtjährigen aus Angola, 05.09.2026, 05.00 Uhr
