Immer mehr Hebammenkreißsäle in Ostwestfalen-Lippe
Bildquelle: WDR/Christina StrunkWDR. 03:17 Min.. Verfügbar bis 23.08.2028.
Mit den Händen tastet Hebamme Svea Härig nach dem Kopf, dem Rücken, den Beinen von Janika Dieckmanns Baby. Sie ist heute das letzte Mal vor der Geburt im Hebammenkreißsaal.
Das Sagen haben hier die Hebammen - nicht erst während der Geburt, auch schon während der Voruntersuchungen. Das machen sie so, wie sie es in ihrer Ausbildung gelernt haben. "In den letzten zehn Jahren haben viele verlernt, wie wir mit unseren Händen arbeiten. Es gibt die Ultraschalldiagnostik, es gibt CTG-Geräte, und jetzt gehen wieder einen Schritt zurück", erklärt Svea Härig.
Hebamme Svea Härig untersucht, ob das Baby richtig liegt.
Bildquelle: WDR/Christina StrunkMehr Selbstbestimmung während der Geburt
Aber auch die Schwangeren wollen es häufig wieder natürlich, ohne dauerhafte maschinelle Kontrollen oder präventive Venenzugänge während der Geburt. Das beobachtet die leitende Hebamme seit Jahren. Auch soziale Medien sorgten dafür, dass Frauen aufgeklärter über Geburtshilfe sind.
"Sie gehen nicht mehr ins Krankenhaus und lassen alles über sich ergehen." Svea Härig, stellv. Leiterin Kreißsaal Franziskus Hospital
Für Janika Dieckmann aus Bad Salzuflen ist es das erste Kind. Sie hat sich entschieden, nur von Hebammen begleitet zu gebären. Am Anfang der Schwangerschaft war sie sich noch sicher, sie möchte in eine Kinderklinik mit maximaler Sicherheit. "Das war wirklich so ein Prozess, dass ich immer mehr dachte: Ich will zurück zur Natur und mein Körper weiß schon, was er braucht."
Es werden immer mehr Hebammenkreißsäle
So wie Janika Dieckmann sehen es viele andere Frauen. Deswegen antworten Kliniken mit der Eröffnung von Hebammenkreißsälen. Den ersten in OWL gab es vor drei Jahren in Paderborn - gefolgt von unter anderen Detmold, Herford, Gütersloh und jetzt Bielefeld.
Das Besondere ist, dass die Geburt nicht von Ärzten, sondern von den Hebammen geleitet wird. Im Unterschied zu einem Geburtshaus ist die Infrastruktur des Krankenhauses aber unmittelbar verfügbar. Ob Geburt mit oder ohne Ärztin - es bleibt derselbe Kreißsaal. Möchte die Frau doch ein starkes Schmerzmittel, kann sie das System wechseln.
Verzicht auf starke Schmerzmittel und Wehenschreiber
Die Hebammen setzen auf alternative Methoden zur Schmerzlinderung wie Massagen, Öle oder eine gemütliche Atmosphäre. Auch Lachgas kann eingesetzt werden. Den Unterschied mache oft die 1:1-Betreuung, erklärt Svea Härig. Eine Hebamme ist für nur eine Frau da, was im normalen Kreißsaal nicht gewährleistet ist.
"Wir können wieder den Ursprung unseres Berufs richtig ausleben. Es macht viel mehr Spaß, zur Arbeit zu kommen", sagt Hebamme Antonia Wowerat. Sonst hatten die Ärzte die führende Rolle, die Hebamme hat zugearbeitet.
Weniger Verletzungen während der Geburt
Christina Baum hat als eine der ersten im Hebammenkreißsaal entbunden. Ihr erstes Kind kam noch ärztlich begleitet zur Welt mit vielen Interventionen, wie einer Saugglocke und einem Katheter. "Das war natürlich kein schönes Geburtserlebnis", erzählt die 35-Jährige aus Leopoldshöhe.
Christina Baum fühlte sich mit Hebammen geborgener.
Bildquelle: WDR/Christina StrunkBei ihrer zweiten Geburt im Hebammenkreißsaal habe sie sich entspannen können. Die Hebamme war immer da und wusste zum Schluss ohne Worte, was sie sich wünscht. Auch eine Geburtsverletzung blieb dieses Mal aus.
"Es war super, total schön und ich konnte mich entspannen." Christina Baum, zweite Patientin im Hebammenkreißsaal
Selbstbestimmt die Geburt erleben - das ist das Konzept des Hebammenkreißsaals. Und im Zweifel auch selbst zu entscheiden, dass Ärzte helfen sollen.
Unsere Quellen:
- Recherchen der WDR-Reporterin vor Ort
- Franziskus Hospital
- Landesverband der Hebammen NRW
Sendung: WDR.de, Geburt nur mit Hebamme, statt mit Ärztin oder Arzt, 24.08.2026, 05:33 Uhr
