Ein Lehrer schreibt an eine Tafel, Schüler sitzen vor ihm im Raum

Sexualisierte Gewalt Wieso die Schule zum Tatort wird

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Mehrere Fälle sexualisierter Gewalt an Schulen werfen Fragen auf: Wie entstehen solche Taten, warum bleiben sie oft unentdeckt und welche Muster gibt es? Studien und frühere Fälle aus NRW zeigen strukturelle Probleme in der Schule.

Vor dem Bonner Landgericht muss sich seit dieser Woche ein 36 Jahre alter Lehrer verantworten. Ihm wird vorgeworfen, eine damals 13-jährige Schülerin in drei Fällen sexualisierte Gewalt angetan zu haben. Der Mann soll an einer Schule im Stadtteil Plittersdorf als Nachhilfelehrer gearbeitet haben. In einem Fall soll es laut Anklage auch zu Geschlechtsverkehr in einem Hotelzimmer gekommen sein.

Mehrere Fälle sexualisierter Gewalt an Schulen zeigen wiederkehrende Muster. Studien und frühere Verfahren deuten darauf hin, dass Machtgefälle und fehlende Schutzstrukturen eine zentrale Rolle spielen.

Um diese Fragen geht es in diesem Beitrag:

Gründe für sexualisierte Gewalt an Schulen

WDR 19.05.2026 1 Min. 24 Sek. Verfügbar bis 18.05.2028 WDR Online

Sexualisierte Gewalt bezeichnet jeden Übergriff auf die sexuelle Selbstbestimmung. Die Täter zwingen den Betroffenen ihren Willen auf. Es geht nicht um Lust oder Erotik, sondern um Machtverhalten. Sexualisierte Gewalt wertet Menschen durch sexuelle Handlungen oder Kommunikation gezielt ab, demütigt und erniedrigt sie. Neben körperlichen Übergriffen wie Vergewaltigung, sexueller Nötigung oder Missbrauch zählt auch jede Form unerwünschter sexueller Kommunikation dazu: Obszöne Worte, Gesten, Blicke oder das Zusenden sexueller Inhalte.

Zwei leere Stühle stehen in einem Klassenraum vor einer Tafel

Konstellationen an Schulen ermöglichen Übergriffe

Bildquelle: Michael Brandt/ dpa

Studien und Fallauswertungen zeigen, dass Schulen ein Umfeld sind, wo es viel Vertrauen zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern gibt. Genau dieses Vertrauensverhältnis kann in manchen Fällen gezielt ausgenutzt werden. Hinzu kommt, dass Schule ein alltäglicher und geschlossener Raum ist, in dem Nähe und Autorität stark wirken. Dadurch entstehen Konstellationen, in denen Übergriffe möglich werden können.

Eine Fallstudie der Unabhängigen Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs kommt zu dem Ergebnis, dass viele Betroffene keine klaren Anlaufstellen kennen oder sich nicht ernst genommen fühlen. In mehreren Fällen wurde Schule zudem nicht als Schutzraum wahrgenommen. Teilweise berichten Betroffene auch, dass Hinweise im Umfeld nicht konsequent verfolgt wurden. Dadurch bleiben Vorfälle oft länger verborgen.

In der ausgewerteten Studie waren über 90 Prozent der Tatpersonen männlich. Die größte Gruppe stellten Lehrkräfte dar, daneben gab es auch Fälle unter Gleichaltrigen. Besonders auffällig ist, dass das Machtverhältnis zwischen Erwachsenen und Jugendlichen eine zentrale Rolle spielt. Dieses Gefälle wird in vielen Fällen gezielt ausgenutzt.

Ein Schüler schreibt mit einem Kugelschreiber in ein Heft

Fachleute haben Muster beim Vorgehen identifiziert

Bildquelle: Michael Brandt/ dpa

Fachleute beschreiben häufig ein schrittweises Vorgehen. Dabei bauen Täter zunächst Vertrauen auf und schenken ihren Opfern besondere Aufmerksamkeit. Diese Nähe entwickelt sich oft langsam und wird von außen schwer erkannt. Der Deutschlandfunk-Podcast „Die Lieblingsschülerin“ beschreibt ähnliche Dynamiken unter dem Begriff „Grooming“.

Die Fallstudie der Unabhängigen Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hat 133 Berichte und Anhörungen ausgewertet. Sie zeigt, dass sexualisierte Gewalt an Schulen kein neues Phänomen ist. Die Fälle reichen teilweise bis in die 1950er-Jahre zurück. Viele Betroffene berichten dabei von langen Zeiträumen, in denen Übergriffe unentdeckt blieben.

Auch in Nordrhein-Westfalen gab es mehrere vergleichbare Verfahren. 2024 verurteilte das Landgericht Bonn einen ehemaligen Vertrauenslehrer aus dem Oberbergischen zu einer mehrjährigen Haftstrafe. Bereits in den 2000er-Jahren wurde ein Lehrer im Kreis Heinsberg wegen sexuellen Missbrauchs einer 13-Jährigen verurteilt. 2017 gab es dort zudem ein Unterrichtsverbot nach einer Beziehung zu einer minderjährigen Schülerin.

Eltern können eine wichtige Rolle als Vertrauenspersonen spielen. Studien zeigen jedoch, dass sich viele Betroffene zunächst eher Gleichaltrigen anvertrauen. Deshalb ist es wichtig, aufmerksam zu sein und Gesprächsangebote offen zu halten. Gleichzeitig sollten Kinder wissen, dass sie sich bei Problemen auch außerhalb der Schule Hilfe suchen können.

Sexualisierte Gewalt: Interview mit Dr. Claudia Nikodem

WDR Studios NRW 2 Min. 24 Sek. Verfügbar bis 16.05.2028 WDR Online

Ein leerer Gang in einer Schule

Schutzkonzepte für Schulen gefordert

Bildquelle: Christian Charisius/ dpa

Expertinnen und Experten betonen die Bedeutung klarer Schutzkonzepte an Schulen. Dazu gehören feste Ansprechpersonen, transparente Beschwerdewege und regelmäßige Schulungen. Ziel ist es, mögliche Übergriffe früh zu erkennen und Betroffenen sichere Wege zur Hilfe zu bieten. Viele Studien zeigen jedoch, dass diese Strukturen noch nicht überall ausreichend vorhanden sind.

Unsere Quellen:

  • WDR-Archiv
  • Aachener Nachrichten vom 06.10.2007
  • Aachener Nachrichten vom 09.10.2017
  • Hintergrundinformationen vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend
  • Fallstudie "Sexualisierte Gewalt und Schule" von der Unabhängigen Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs
  • Mitteilung des Deutschen Jugendinstituts vom 15. April 2025
  • Podcast "Lieblingsschülerin" vom Deutschlandradio 2026

Sendung: WDR.de, Sexualisierte Gewalt an Schulen: Fälle zeigen strukturelle Probleme, 19.05.2026, 19:00 Uhr

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