Probleme bei der Instandhaltung der Bonner Stadtbahnen | WDR aktuell
WDR. 03:39 Min.. Verfügbar bis 22.07.2028.
Eigentlich dürfte gar nicht passieren, was in Bonn derzeit passiert. Dort sind am Dienstag über Nacht vorsorglich 80 Prozent aller Stadtbahnen wegen Zweifeln an der technischen Sicherheit vorübergehend aus dem Betrieb genommen worden.
Straßenbahnen in NRW unterliegen ständigen Kontrollen
Straßenbahnen unterliegen ständigen Kontrollen und werden nach rechtlichen Vorgaben in größeren Abständen auf Herz und Nieren geprüft, um weiterhin Fahrgäste transportieren zu dürfen. Ein vorsorgliche massenhafte Außerbetriebnahme von Stadtbahnen wie jetzt in Bonn - eigentlich unvorstellbar.
"Die Entscheidung beruhte nicht auf einem einzelnen technischen Mangel, sondern auf der Gesamtheit der festgestellten sicherheitsrelevanten Sachverhalte", teilte die zuständige Bezirksregierung Düsseldorf am Dienstag auf WDR-Anfrage mit. Zu ihr gehört die Technische Aufsichtsbehörde (TAB) für alle Straßenbahnen in NRW. Der Betreiber Stadtwerke Bonn (SWB) sprach zuvor von "frühzeitiger Materialermüdung".
Kölner KVB hilft kurzfristig in Bonn aus
KVB Straßenbahn
Wie viele Züge tatsächlich von den Problemen betroffen sind, wird jetzt geprüft. Die ersten der 60 aus dem Betrieb genommenen Stadtbahnen will die SWB noch diese Woche wieder aus der Werkstatt holen. Jetzt fahren nur noch 15 eigene Züge. Die Kölner KVB hilft kurzfristig mit 20 Stadtbahnen aus. Auf diese Weise sollen die Einschränkungen für die Fahrgäste abgemildert werden.
Kann so etwas auch bei den zehn anderen Verkehrsbetrieben passieren, die in zahlreichen NRW-Städten mit Straßenbahnen unterwegs sind? Kann es auch dort zu massenhaften Ausfällen wie in Bonn kommen? Sogar Pannen im laufenden Betrieb, die schlimmstenfalls zu Unfällen mit Toten und Verletzten führen könnten?
Bahnen unter ständiger Beobachtung
In Dortmund etwa sind die Stadtwerke (DSW21) für den Betrieb von Straßenbahnen und Bussen zuständig. Die DSW21 sagte dem WDR, in Dortmund könne es nicht dazu kommen, dass wie in Bonn Stadtbahnen wegen Zweifeln an der technischen Sicherheit aus dem Verkehr genommen werden. Die Dortmunder Stadtbahnen seien neuen Baujahres. Die DSW21 beobachte aber generell sehr genau, ob es auch in Dortmunder Bahnen zu "Materialermüdung" kommen könne.
Auch in Düsseldorf werden nach Angaben der Rheinbahn die Straßenbahnen regelmäßig kontrolliert. Die Wartung der Straßen- und Stadtbahnen erfolge nach klar definierten technischen und sicherheitsrelevanten Standards, so die Rheinbahn gegenüber dem WDR. Alle Fahrzeuge würden regelmäßig in den Werkstätten auf den Betriebshöfen überprüft, gewartet und instandgesetzt. Ab dem kommenden Jahr werde die Flotte der Straßen- und Stadtbahnen sukzessive erneuert.
1.700 Straßenbahnen in NRW im Einsatz
In Nordrhein-Westfalen sind etwa 1.700 Straßenbahnen im Einsatz. Sie fahren teils im Untergrund, teils mitten im wuseligen Stadtverkehr neben Autos, Rädern, Rollern und Fußgängern. Im vergangenen Jahr transportierten sie laut Statistischem Landesamt 670 Millionen Fahrgäste. Auf die Sicherheitstechnik muss man sich stets verlassen können.
Auf die technischen Kontrollen könne man sich verlassen, versichert der in Köln ansässige Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), dem auch die Bonner Stadtwerke angehören, auf WDR-Anfrage. "Die Züge werden gemäß dem geltenden Regelwerk, der Bau- und Betriebsordnung der Straßenbahnen (BOStrab) regelmäßig gewartet und inspiziert", erklärt ein Verbandssprecher.
Bahnen werden für 500.000 Kilometer bzw. acht Jahre Einsatz fit gemacht
Darüber hinaus erfolgt laut der rechtlichen Vorschriften eine planmäßige Inspektion nach 500.000 Kilometern Laufleistung oder spätestens nach acht Jahren. Dabei werden die Bahnen laut des Sprechers "grundhaft inspiziert". "Im Rahmen dieser Inspektionen werden die Fahrzeuge und ihre Komponenten instandgesetzt und für die folgenden 500.000 Kilometer bzw. acht Jahre Einsatz fit gemacht."
Verantwortlich für den sicheren Betrieb der Fahrzeuge, für die vorgeschriebenen Wartungs- und Instandhaltungsmaßnahmen seien zunächst die Verkehrsunternehmen, teilt die Bezirksregierung Düsseldorf auf WDR-Anfrage mit.
"Werden neue sicherheitsrelevante Erkenntnisse bekannt, werden diese unverzüglich durch die Bezirksregierung Düsseldorf bewertet und, wenn erforderlich, die notwendigen Maßnahmen zum Schutz der Fahrgäste getroffen", teilt die Behörde weiter mit.
Viele Stadtbahnen in Bonn schon seit 50 Jahren in Betrieb
Straßenbahnen können mit Modernisierungen laut VDV drei Jahrzehnte und mehr im Betrieb bleiben. In Bonn sind viele Bahnen sogar schon ein halbes Jahrhundert im Betrieb. Möglich ist das, weil die Stadtwerke die alten Stadtbahn-Wagen in Eigenregie modernisiert hat - unter anderem um Kosten zu sparen.
"Zweiterstellung" hieß das Großprojekt. Die Stadtwerke rühmen sich dafür auf ihrer Website mit einem Tolstoi-Zitat: "Es sind immer die einfachsten Ideen, die außergewöhnliche Erfolge haben."
Nun kommen genau an dieser "Idee" Zweifel auf. Denn es sind auch ebenjene Stadtbahnen aus dem Verkehr gezogen worden, die diese "Zweiterstellung" durchlaufen haben. Die 60 betroffenen Bahnen stammen aus den 70er- bis 90er-Jahren.
Kritik an Modernisierung alter Bahnen in Bonn
Aus Fachkreisen ist Kritik zu hören: Die "Zweiterstellung" sei zwar kostengünstig gewesen. Den Bau von Straßenbahnen solle man aber lieber der Industrie überlassen. Die Expertise sei dort einfach größer, sagt ein unabhängiger Experte, der anonym bleiben möchte, im Gespräch mit dem WDR.
Dazu passen auch Schilderungen anderer WDR-Quellen: Demnach soll in Bonn festgestellt worden sein, dass nicht zugelassene Bauteile verwendet wurden und die Arbeiten an den Bahnen nicht vollständig dokumentiert sind. Es bestehe die Gefahr, dass Bremsen und Teile des Fahrwerks unvermittelt ausfallen könnten. Die SWB konnte das nicht bestätigen.
Der VDV widerspricht der Kritik an der "Zweiterstellung" vehement: Bei dem Projekt seien die besonders robusten Teile der Fahrzeuge wie Wagenkasten oder Drehgestelle - gegebenenfalls nach Instandsetzung - weiter verwendet worden. "Komponenten mit kürzerem Lebenszyklus wurden dagegen durch völlig neue Technik ersetzt. Deshalb kann man gerade bei den zweiterstellten Bonner Fahrzeugen nicht von einem 'Altwagen' sprechen." Das gelte auch für andere Straßenbahnen in NRW, so der VDV:
"'Alt' bedeutet nicht zwangsläufig 'untauglich'." Ein Sprecher des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen
In NRW sind noch zahlreiche alte Straßenbahnen unterwegs. Die Erneuerung der Flotten ist allerdings in vollem Gange: Mal ist sie weit vorangeschritten wie bei den Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen (Bogestra), mal hinkt sie hinterher wie bei den Kölner Verkehrs-Betrieben (KVB). Der Grund in Köln: Lieferschwierigkeiten des Herstellers. Auch auf die Industrie ist also nicht immer Verlass. Mehr dazu hier:
So gravierend die Ausfälle in Bonn auch sind, zeigt der Fall laut VDV auch etwas Positives: "Dass in diesem Fall Fahrzeuge vorsorglich aus dem Betrieb genommen wurden, bevor etwas passiert ist, zeugt von Sicherheitsbewusstsein und Verantwortung", so der Sprecher. "Offensichtlich ist ein Problem erkannt worden, bevor es zum Problem wurde - das ist gut!"
Auch der unabhängige Experte zeigt sich überzeugt, dass sich Straßenbahn-Fahrgäste in NRW sicher fühlen können. Trotzdem gebe es Nachholbedarf: "Im Allgemeinen sehe ich bei den Straßenbahnen in NRW kein akutes technisches Problem, aber ein erhöhtes Störgeschehen." Der Fall in Bonn sei "ein Warnruf der Technik".
Unsere Quellen:
- Mitteilung der Stadtwerke Bonn (SWB)
- WDR-Interview mit dem SWB-Bereichsleiter Schienenfahrzeuge, Gregor Frohne
- Mitteilung der Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB)
- Auf WDR-Anfrage: Antwort der Bezirksregierung Düsseldorf mit ihrer Technischen Aufsichtsbehörde für die Straßenbahnen in NRW
- Auf WDR-Anfrage: ein Sprecher des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV)
- WDR-Gespräch mit einem unabhängigen Experten aus Fachkreisen
- WDR-Quellen, die mit den Bonner Stadtbahnen vertraut sind
- Statistisches Landesamt IT.NRW
- DSW21 gegenüber dem WDR
- Rheinbahn gegenüber dem WDR
Sendung: WDR Fernsehen, WDR aktuell, 21.7.2026, 21:45 Uhr
