Zwischen Wahlkampf und dem Wunsch nach Wechsel | Aktuelle Stunde
Bildquelle: AFP / Jens SchluterAktuelle Stunde . 30.08.2026. 30 Min. 15 Sek.. UT. Verfügbar bis 30.08.2028. WDR.
Die letzte ARD-Umfrage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zeichnet ein deutliches Bild. Demnach käme die AfD auf 42 Prozent und würde damit mit deutlichem Abstand die stärkste Kraft werden. Dahinter käme die CDU auf 22 Prozent, was für die Partei ein historischer Tiefstand in einem Bundesland wäre.
Die Linke läge aktuell bei elf Prozent, die SPD bei acht Prozent und die Grünen bei sechs Prozent. Alle drei Parteien bewegen sich damit etwa auf dem Niveau von 2021. Das BSW würde derzeit mit vier Prozent an der Mandatsschwelle scheitern, die FDP mit drei Prozent. Alle übrigen Parteien kämen zusammen auf vier Prozent.
AfD im Umfragehoch: Merkel ruft zum Kampf für die Demokratie auf
Es sieht also so aus, als würde die AfD das erste Mal in ihrer Parteigeschichte eine Landtagswahl gewinnen - nicht nur deshalb schaut ganz Deutschland und auch viele im Ausland mit Spannung auf den Ausgang der Wahl.
Altkanzlerin Angela Merkel (CDU)
Bildquelle: dpa / Annette RiedlSo rief Altbundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei einer Veranstaltung in Berlin am Samstag dazu auf, sich für die Demokratie einzusetzen. "Ich glaube, wir müssen jetzt mal wieder, was wir viele Jahrzehnte nicht mussten, richtig für diese Demokratie kämpfen."
Das sei nicht nur eine Aufgabe für die Menschen in den ostdeutschen Bundesländern, so Merkel. Denn die AfD "ist ein gesamtdeutsches Phänomen geworden." So habe die Partei auch bei den jüngsten Landtagswahlen in Baden-Württemberg und in Rheinland-Pfalz zugelegt.
Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Sorge in Münster
Und mit welchen Gefühlen schauen die Menschen in NRW auf die Wahl in Sachsen-Anhalt? In Münster, wo die AfD bislang kaum Fuß fassen konnte und bei der Ratswahl im September 2025 unter fünf Prozent blieb, überwiegt die Sorge. "Mich beschäftigt gerade am meisten der Rechtsruck", sagt eine Besucherin des NRW-Tages in Münster, wo an diesem Wochenende das 80-jährige Bestehen des Bundeslands gefeiert wurde. "Die Landtagswahl nächste Woche macht mir große Sorgen."
Eine andere Besucherin teilt den Eindruck in der öffentlichen Themenkonferenz des WDR, die am Samstag in Münster stattfand. "Gerade das Hochkommen der AfD in den östlichen Bundesländern ist erschreckend."
Straßenumfrage in Gelsenkirchen: Wenig Sorge oder Angst
In der Gelsenkirchener Fußgängerzone blicken die Menschen, mit denen wir sprechen, mit weniger Angst auf die Wahl am Sonntag. Bei der Kommunalwahl im vergangenen Jahr erreichte die AfD hier knapp 30 Prozent und landete damit nur hauchzart hinter der SPD.
Norbert und Monika Bruns
Bildquelle: Catherine Jaspard"Ich blicke positiv auf die Wahl, weil die Mehrheit wohl die AfD wählen wird", sagt Monika Bruns. "Die jetzigen Parteien tun ja für uns, die Deutschen, nichts mehr", so die 64-jährige Gelsenkirchenerin. "Das Einzige, was wir tun dürfen: Wir dürfen zahlen. Unsere Straßen sind kaputt. Der Müll liegt überall bei uns in der Straße rum. Ich bin es echt leid."
Ihr Mann Norbert sieht das ähnlich. "Es wird sich einiges ändern, wenn die AfD regiert. Zum Beispiel, dass die ganzen Kriminellen hier wegkommen", so der 66-Jährige. "Es wird Zeit."
Marion Schärmann-Rüffer hat eine andere Meinung. Die 53-Jährige blickt "ziemlich kritisch" auf die Wahl in Sachsen-Anhalt, "weil ich mir das nicht wünsche, dass wir in der Regierung eine starke AfD haben."
"Ich gehe nicht konform damit, was die AfD möchte." Marion Schärmann-Rüffer
Stefan Scharf
Bildquelle: Catherine Jaspard"Schlimmer als jetzt kann es ja kaum werden", sagt wiederum Stefan Scharf. Die AfD sei zwar nicht die beste Wahl, findet der 39-Jährige, "aber diese Lügen von Merz gehen genauso wenig. Er hatte zum Beispiel gesagt, dass die Steuern nicht erhöht werden. Und jetzt soll sogar die Zuckersteuer kommen."
Angst oder Sorge empfindet auch Armand Gomez aus Gelsenkirchen nicht. "Mir ist das egal, wer gewählt wird." Der 47-Jährige findet, dass Politiker eh nur reden würden.
"Ich bin Deutscher. Wir haben Gesetze in Deutschland und an die müssen sich alle halten. Also, alles gut." Armand Gomez
AfD in Sachsen-Anhalt ist "gesichert rechtsextrem"
Ist die AfD gewillt, sich an die Gesetze in Deutschland zu halten? Immerhin stuft der Verfassungsschutz die Partei in Sachsen-Anhalt bereits seit 2023 als "gesichert rechtsextrem" ein - ebenso wie die Landesverbände aus Niedersachsen, Thüringen, Sachsen und Brandenburg.
Demnach richte "sich die politische Agitation der AfD Sachsen-Anhalt gegen essentielle Prinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung", schreibt das Innenministerium Sachsen-Anhalt auf seiner Website.
Der Popularität der Partei und ihrem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund schadet das augenscheinlich nicht. Im Gegenteil: Die derbe Rhetorik der Partei scheint bei vielen Menschen auf Zuspruch zu stoßen.
Derbe Rhetorik bei Kongress der Generation Deutschland
So war er auch am Freitag auf dem ersten Bundeskongress der neu gegründeten Jugendorganisation Generation Deutschland (GD) zugegen. Die ausnahmslos männlichen Redner in Magdeburg schimpften über "verkommene linke Zustände" in Deutschland, sie beschworen den Kampf gegen "Verfassungsfeinde", die nicht wüssten, "was gut ist und was deutsch ist", sie beklagten "LGBT-Propaganda".
GD-Chef Jean-Pascal Hohm sprach auf der Bühne erneut von der millionenfachen Rückführung von zugewanderten Menschen. "Deutschland muss das Land der Deutschen bleiben, dieser Grundsatz ist nicht verhandelbar", sagte er. "Millionen sind gegen unseren Willen, gegen Recht und Gesetz, gegen jede Vernunft in dieses Land gekommen. Millionen müssen dieses Land wieder verlassen."
Trotz solcher Forderungen könnte die AfD in Sachsen-Anhalt sogar die absolute Mehrheit erringen, und Spitzenkandidat Siegmund schürt bereits eine Woche vorher Zweifel an der Richtigkeit der Ergebnisse, sollte die AfD dieses Ziel nicht erreichen. Zwar sagte er beim GD-Kongress, man werde demokratische Ergebnisse akzeptieren, fügte jedoch hinzu: "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser."
AfD-Spitzenkandidat Siegmund ruft zur Stimmenauszählung auf
Siegmund verwies auf vereinzelte Unregelmäßigkeiten bei Wahlen in der Vergangenheit. "Wir reden hier nicht über Größenordnungen, aber es kann in Einzelfällen passieren", sagte Siegmund. "Und deswegen werden wir diesen Strich darunter dann machen, wenn wir alle Informationen haben."
AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund
Bildquelle: AFP / Jens SchluterKritisch äußerte sich Siegmund unter anderem zu Vorfällen in Magdeburg und Halle, wo Briefwahlunterlagen doppelt gedruckt und versendet worden waren. Das fördere nicht das Vertrauen in den Ablauf der Wahl in Sachsen-Anhalt.
Er empfehle jedem Sachsen-Anhalter, um 18 Uhr in sein Wahllokal zu gehen und dort mit auszuzählen, damit alles rechtssicher sei und es keine Vorhaltungen geben könne, sagte der AfD-Politiker.
Landeswahlleiterin Christa Dieckmann hatte bereits Spekulationen zurückgewiesen, die Briefwahl sei unsicher und leicht manipulierbar. Diese Behauptungen, egal von wem erhoben, seien nicht neu. "Diese allgemeinen Vorwürfe teile ich nicht und weise sie daher ausdrücklich zurück."
Unsere Quellen:
- WDR-Gespräche mit Besuchern des NRW-Tages in Münster (29.08.2026)
- WDR-Straßenumfrage in Gelsenkirchen (30.08.2026)
- Tagesschau: ARD-Vorwahlumfrage Sachsen-Anhalt (26.08.2026)
- Wahlamt Münster: Ergebnisse der Kommunalwahlen am 14.09.2025
- Wahlamt Gelsenkirchen: Ergebnisse der Kommunalwahlen am 14.09.2025
- Innenministerium Sachsen-Anhalt: Rechtsextremismus (abgerufen am 30.08.2026)
- Nachrichtenagenturen dpa und AFP
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 30.08.2026, 18:45 Uhr
