Vorsitzender der CDU-Arbeitnehmerschaft (CDA): Der Europaabgeordnete Dennis Radtke

Meinung Wattenscheids Stadtbild und ein Shitstorm von rechts

Stand:

Dennis Radtke (CDU) wird wegen Aussagen zum Stadtbild von der AfD hart angegangen. Was ist da los? Eine kommentierende Analyse.

Ja, früher, als man in Kneipen in NRW noch rauchen durfte, als eine Kellnerin zu Radio-Klängen von Heino oder Bata Illic (Achtung: Migrant) eine Frikadelle aus nicht-halalem Fleisch servierte. Als die Kinder zuckersteuerfreie Cola tranken und der Papa in der Pinte ein Pils - und danach im Bahnhof völlig legal noch eine Dose.

Sie meinen, bei diesem Textbeginn geht aber einiges wild durcheinander? Stimmt, von daher ist er eine gute Einführung in das, was seit einer Woche mit den Worten von Dennis Radtke passiert. Der CDU-Politiker hat seine Heimatgemeinde Wattenscheid in die Schlagzeilen gebracht - "wie gefühlt zuletzt beim Bundesliga-Aufstieg 1990" (wie Radtke selbst mit schwarzem Humor sagt).

Von Migration bis Metzger

Bei Markus Lanz im ZDF hatte sich der CDU-Europaabgeordnete aus dem Ruhrgebiet am 20. August zur aktuellen Debatte um die jüngsten Ereignisse in Ceuta und Themen wie Flucht und Migration geäußert. Radtke plädierte für einen "kühlen Kopf". Er kritisierte Stimmungsmache durch die AfD und betonte, die Lage in Europa sei nicht mit 2015/16 vergleichbar.

Ceuta in den Medien

WDR 5 Töne, Texte, Bilder - Interviews 08.08.2026 8 Min. 54 Sek. Verfügbar bis 07.08.2027 WDR 5

Dann kritisierte Radtke mit Blick auf laufende Migrationsdebatten die umstrittene Stadtbild-Aussage von Kanzler Friedrich Merz (CDU) aus dem letzten Jahr. Wörtlich fügte der CDA-Bundeschef hinzu:

Dennis Radtke ist Bundesvorsitzender der CDA
"Selbst wenn wir jeden illegalen Migranten aus Deutschland abgeschoben haben, wird sich an vielen Stellen im Stadtbild nichts verändern. Die Diskussion habe ich manchmal auch mit meinen Eltern, die dann sagen, 'Wattenscheid sieht ja nicht mehr so aus wie früher'. Aber Wattenscheid wird nie wieder so aussehen wie in den 70er, 80er Jahren. Es wird nie wieder ein Kino in Wattenscheid geben. Und dass der letzte deutsche Metzger in Wattenscheid zugemacht hat in der Fußgängerzone, und da jetzt nur noch ein Halal-Metzger ist, daran wird sich auch nichts verändern, wenn wir den letzten illegalen Migranten abgeschoben haben." Dennis Radtke (CDU)

Moderator Lanz reagierte sofort "entsetzt" wegen dieser Aussage. Die AfD griff das Thema auf - und bespielt es schon seit einer Woche. Parteichefin Alice Weidel teilte einen Clip von Radtkes Aussage auf X und bezeichnete Radtkes Äußerungen als "Kapitulationserklärung der CDU". Kurz vor den Ost-Wahlen zeichnete sie erneut das Bild einer Union, die nicht mehr weiter wisse.

Eine gewisse Wurstigkeit

Über Radtke brach vor allem auf Social Media ein Shitstorm von Rechtsaußen los. Scharfe Kritik an seinen Aussagen kam nicht nur von der AfD, sondern auch von Medien aus dem rechtskonservativen und rechtspopulistischen Spektrum. Radtkes Aussagen wurden verdammt, verdreht und offenbar absichtlich fehlinterpretiert.

Bochum-Wattenscheid: Diskussion über Fußgängerzone

WDR 24.08.2026 55 Sek. Verfügbar bis 23.08.2028

Auch sogenannte Mainstream-Medien - von Regionalzeitungen bis zum WDR - nahmen sich des Themas an. Diskutiert wird seitdem wieder einmal über Migration, Stadtbild, Leerstände in Fußgängerzonen, Fachkräftemangel und eine Reihe von anderen Themen. Und wie in der Merz-Stadtbild-Debatte im Herbst 2025 geht dabei teilweise einiges wild durcheinander.

Aber Dennis Radtke muss sich selbst ankreiden lassen, dass er Zusammenhänge hergestellt hat, die zu Missverständnissen geradezu einladen. Wer mit einer gewissen rhetorischen Wurstigkeit Kinos, Metzgereien und Migranten in einen Satz packt, sollte das dann gerade auf einer großen Bühne wie bei Lanz auch auflösen.

Denn sonst nutzt die AfD solche Aussagen für ihre Stimmungsmache, was Radtke mittlerweile zu spüren bekam. Der CDUler betonte noch, es gebe keine einfachen Antworten, aber da hatte der Krawall online schon begonnen.

Zum Beispiel hätte Radtke seine Eltern und das Lanz-Publikum klar darauf hinweisen können, dass das Ruhrgebiet und Wattenscheid schon in den 70er und 80ern stark von Migration geprägt waren. Der Christdemokrat hätte deutlicher machen sollen, dass früher nicht alles besser war, dass nicht alles den Bach runtergeht und dass Migration nicht die Mutter aller Probleme ist.

Die Erzählungen der AfD

Ein homogenes deutsches Volk hat es nie gegeben. Der AfD ist das egal. Ihr geht es um vergiftende Erzählungen, in denen am Ende immer Migranten den Bösewicht oder zumindest den Sündenbock geben müssen.

Die AfD propagiert ein diffuses Zurück zu guten alten Zeiten, wobei sie im Unklaren lässt, welche Ära sie eigentlich meint - die westdeutsche BRD? Oder die DDR? Oder die Zeit davor? Die NS-Vergangenheit wird bekanntlich von AfD-Politikern verharmlost.

In seinen Reaktionen auf die rechten Attacken schrieb Dennis Radtke auf X, die AfD verspreche ein "Zurück in die 80er oder 90er Jahre". Er warb dafür, nach vorne zu blicken und Probleme anzupacken. Das ist richtig und gilt meiner Meinung für alle, die sich den Werten des Grundgesetzes verpflichtet sehen. Aber zum demokratischen Meinungskampf gehört auch, denen etwas entgegenzusetzen, die mit falschen Geschichtserzählungen Politik machen.

Unsere Quellen:

  • Radtke im ZDF und auf X
  • Weidel auf X
  • eigene Recherchen

Sendung: WDR.de, Bochum-Wattenscheid: Diskussion über Fußgängerzone, 24.08.2026, 17:41 Uhr