Viele Organisatoren von Christopher-Street-Day-Straßenfesten und -Demonstrationen in NRW wollen sich besser gegen zunehmende Anfeindungen aus dem islamistischen und rechtsextremen Spektrum schützen und verstärken in diesem Jahr ihre Sicherheitsvorkehrungen.
Wegen einer "abstrakten Bedrohungslage" hatten die Organisatoren des CSD in Gelsenkirchen im Mai ihr Event sogar kurzfristig abgesagt. Die meisten Veranstalter wollen sich jedoch von den meist verbalen Angriffen, vor allem in den sozialen Medien, nicht einschüchtern lassen.
Veranstalter in Essen: "Jetzt erst recht"
"Eine gewisse Vorsicht ist natürlich da. Aber wir wollen trotzdem auf die Straße gehen und für unsere Rechte einstehen", sagt Sabrina Reznizek, die den "Ruhrpride", den CSD in Essen, mitorganisiert. Man werde sich "noch besser aufstellen", um die Community zu schützen. Schon jetzt seien Polizei, ein professioneller Sicherheitsdienst sowie Ordner inkognito während der Demonstration dabei.
Im vergangenen Jahr hatten Rechtsextreme den Essener CSD zu stören versucht, konnten laut Polizei aber frühzeitig identifiziert und des Platzes verwiesen werden. In diesem Jahr ist wieder eine Gegendemo angemeldet, offiziell von einer Privatperson, mit bis zu 150 Teilnehmern. Die CSD-Veranstalter um Sabrina Reznizek sehen sich aber gut aufgestellt, auch durch den engen Austausch mit der Polizei.
Doppelt so viel Security bei "ColognePride"
Der CSD in Köln
Bildquelle: WDRDas größte CSD-Event in NRW steht am kommenden Wochenende in Köln an - der "ColognePride". Veranstaltungsleiter Martin Hommel erwartet zur Demonstration rund 240 Wagen und mehr als 60.000 Teilnehmer. "Wir werden doppelt so viel Sicherheitspersonal im Einsatz haben als noch in den vergangenen Jahren", betont er im Vorfeld.
Die Sicherheitskosten hätten sich seit 2017 verzwanzigfacht, sagt Hommel. "Der Extremismus ist breiter und lauter geworden. Das treibt uns an, unsere Veranstaltung jedes Jahr lauter, mächtiger und strahlkräftiger zu machen." Man lasse sich nicht durch jede Drohung verunsichern, nichtsdestotrotz würden "alle möglichen Szenarien immer wieder bewertet und aktualisiert". Bisher liegen der Kölner Polizei jedoch keine Anmeldungen für Gegendemos oder Hinweise auf andere Störaktionen vor. Trotzdem werden am Wochenende mehrere hundert Beamte im Einsatz sein.
Erstmals rechte Gegendemo in Mönchengladbach
Die CSD-Veranstalter in Mönchengladbach müssen sich in diesem Jahr erstmals auf eine Gegendemo einstellen. Unter dem Motto "Lautstark gegen den Genderwahn" werden rund 200 Teilnehmer erwartet, mutmaßlich aus dem rechten Spektrum, vornehmlich junge Menschen. "Wir sind bisher recht entspannt, auch durch den guten Austausch mit Polizei und Staatsschutz, und werden da auch nicht zurückziehen", erklärt Nadine John-Reuen vom CSD-Verein.
Man sei sich aber "der Gefahr bewusst", bis zum CSD in knapp drei Wochen werde man "die Lage weiter gut beobachten". Die wachsenden Ausgaben für die Sicherheit haben laut John-Reuen eine kritische Grenze erreicht. Zur Not müsse am Programm gespart werden, damit weiteres Geld in die Sicherheit fließen kann, sagt sie.
Gegen die mutmaßlich rechte Gegendemo hat sich wiederum eine Gegenkundgebung des Bündnisses "Mönchengladbach stellt sich quer" angekündigt. Laut Polizei laufen aktuell die Kooperationsgespräche mit allen Anmeldern. Man müsse natürlich jedem die gleichen Versammlungsrechte einräumen, betont ein Sprecher, und werde sich "lageangepasst" aufstellen.
Verfassungsschutz sieht "erhöhtes Potential für Angriffe"
Neue rechte Jugendgruppen vernetzen sich in NRW
Bildquelle: WDRDie NRW-Sicherheitsbehörden beobachten die zunehmende Gefährdung rund um CSD-Veranstaltungen "kontinuierlich und mit hoher Aufmerksamkeit", heißt es aus dem NRW-Innenministerium. Der Verfassungsschutz sieht demnach ein "erhöhtes Potential für Angriffe oder Übergriffe aus dem rechtsextremistischen oder islamistischen Spektrum". Neu entstandene, neonazistische Gruppen nutzten CSD-Events "als Plattform, um gezielt zu stören, Teilnehmer einzuschüchtern oder Gegenkundgebungen durchzuführen."
Dabei treten in Nordrhein-Westfalen laut Ministerium insbesondere die Gruppen "Jung und Stark", "Der Störtrupp" sowie die Jugendorganisation "Junge Nationalisten" in Erscheinung. Die Szene gelte als besonders jung, männlich geprägt und gewaltbefürwortend. CSD-Veranstaltungen stellten für diese Gruppierungen ein symbolträchtiges Feindbild dar.
Queerfeindliche Straftaten in NRW nehmen zu
Generell haben queerfeindliche Straftaten in NRW in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen - von 86 im Jahr 2022 auf zuletzt 222 im vergangenen Jahr. Politisch motivierte Kriminalität hat in NRW im Vorjahr mit mehr als 10.000 Straftaten einen neuen Höchststand erreicht, besonders stark haben dabei Taten aus dem rechten Milieu sowie Hasskriminalität zugenommen.
NRW-Verfassungsschutzchef Jürgen Kayser
Bildquelle: ddp / Flashpic"Besonders auffällig" sei die Steigerung junger Tatverdächtiger zwischen 14 und 17 Jahren, die sich laut dem jüngsten NRW-Verfassungsschutzbericht innerhalb eines Jahres auf knapp 300 fast verdreifacht hat. "Gerade die CSD-Veranstaltungen werden gesondert geprüft, wir bewerten die individuelle Gefährdungslage zusammen mit der Polizei und dann wird die Veranstaltung entsprechend geschützt", erklärt Jürgen Kayser, Leiter des NRW-Verfassungsschutzes.
Die neuen, rechten Jugendgruppen, die sich mittlerweile häufiger versammelten, versuchten sich verstärkt auch mit anderen Jugendorganisationen, die sich im Internet bildeten, zu vernetzen und auch zu Versammlungen einzuladen, so Kayser.
CSD in Duisburg: Wachsamer mit Patrouillen
Sollten sich im Vorfeld noch Störaktionen oder Gegendemos ankündigen, behalte man sich vor, weiteres Sicherheitspersonal einzukaufen. "Diese Entwicklung macht einem schon Angst. Müssen wir uns dann in den 2-3 Jahren verstecken? Ich schaue auf jeden Fall mit Sorgen in die Zukunft, wir wollen uns davon aber nicht unterkriegen lassen."
Unsere Quellen:
- NRW-Innenministerium
- NRW-Verfassungsschutz
- Polizei Mönchengladbach
- Polizei Essen
- Polizei Köln
- WDR-Interview mit Sabrina Reznizek, "ruhrPRIDE e.V."
- WDR-Interview mit Martin Hommel, "ColognePride e.V."
- WDR-Interview mit Christian Karus, "DUPride e.V."
Über dieses Thema berichten wir am 02.07.2025 auch im Radio im Landesmagazin Westblick auf WDR5.
