Eine Kanadagans scheint im ausgetrockneten Flussbett des Rheins auf Steinen zu schwimmen.

Megaprojekt Hambacher See Hat der Rhein überhaupt genug Wasser für die Flutung?

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Im Sommer bietet der ausgetrocknete Rhein ein trauriges Bild. Künftig soll er auch die Tagbebauseen füllen. Geht das überhaupt noch? Umweltschützer fordern eine Überprüfung des Konzepts.

Von Nina Magoley

Noch vor Wochen floss er majestätisch daher - zurzeit aber ist der Rhein bei Köln und Düsseldorf fast nur noch ein Flüsschen. Ende Juli wurde mit 67 Zentimetern Wassertiefe der niedrigste Rheinpegel seit Beginn der Aufzeichnungen gemessen, Schiffe können nur noch eingeschränkt fahren oder laufen sogar auf Grund. Die extreme Trockenheit fordert ihren Tribut - und das wird in den kommenden Jahren nicht besser werden, da ist sich die Wissenschaft sicher.

Eine Trasse für für den Bau einer Rheinwassertransportleitung führt in den Tagebau Hambach.

Spatenstich für den Bau der Rheinwassertransportleitung in den Tagebau Hambach am 18.03.2026

Bildquelle: WDR / dpa / Oliver Berg

Umso ambitionierter erscheint daher das Megaprojekt, für das im März der Startschuss fiel: Zwei riesige Tagebaugruben im Rheinischen Braunkohlerevier sollen nach und nach mit Rheinwasser geflutet werden. 2040, so der Plan, können Menschen am Ufer des Hambacher oder des Garzweiler Sees liegen oder auf ihnen Bötchen fahren. Der Hambacher See wäre dann mit einer Fläche von etwa 42 Quadratkilometern und 200 Metern Tiefe vom Volumen her nach dem Bodensee der zweitgrößte See Deutschlands und der größte in NRW.

Vision für den See Garzweiler im ehemaligen Braunkohle-Tagebaugebiet

So soll der See einmal aussehen

Bildquelle: RHA

Immer wieder hat der WDR über dieses Projekt berichtet - und immer gingen besorgte User-Fragen ein: Wo soll das Wasser in trockener Zukunft herkommen, und was bedeutet das für den heute schon geschundenen Rhein?

In einer internen Grafik, die dem WDR vorliegt, hatte RWE dargestellt, dass die vorgesehene Wassermenge, die dann täglich bei Dormagen aus dem Rhein abgezweigt würde, auch bei Niedrigwasser die Schifffahrt nicht gefährden würde.

Entscheidend ist dabei die "Durchflussmenge" - also, wie viel Wasser pro Sekunde den Rhein hinabfließt. Bei normalem Wasserpegel führt der Fluss durchschnittlich 2.100 Kubikmeter pro Sekunde (m³/s). Laut RWE-Plan sollen künftig 18 m³/s abgeleitet werden, bei Niedrigwasser entsprechend weniger. RWE ging dabei im schlimmsten Fall von einer Durchflussmenge von nur 660 m³/s aus.

Doch dieser von RWE berechnete minimale Wasserdurchfluss ist offenbar bereits unterschritten: Am Mittwochvormittag lag die Durchflussmenge des Rheins laut Bundesanstalt für Gewässerkunde nur noch bei 647 m³/s. Wurden bei den Berechnungen für die Flutung der Seen Trockenheit und Niedrigwasser, wie wir sie gerade erleben, überhaupt mit einkalkuliert?

Bezirksregierung: "Wasserentnahme wird geregelt"

Die für die Genehmigung zuständige Bezirksregierung Arnsberg sagt, das Konzept sehe "im Grundsatz vor, dass bei niedrigen Rheinwasserständen weniger Wasser und bei hohen Rheinwasserständen mehr Wasser aus dem Rhein entnommen wird". Als Grundlage für die Ermittlung dieser gestaffelten Entnahmemengen diene die "100-jährige Dauerlinie am Pegel Düsseldorf" zwischen dem 1. November 1900 und dem 31. Dezember 2020.

Schiffswrack im Rhein in Kleve

Bei Kleve tauchte Anfang August sogar ein altes Schiffswrack auf

Bildquelle: dpa/Federico Gambarini

Die Bezirksregierung verweist darauf, dass am geplanten Pumpenwerk in Dormagen, von wo aus das Rheinwasser in die Leitung Richtung Tagebau geführt werden soll, der Rheinpegel immer elektronisch gemessen und die Pumpenmotoren dementsprechend gesteuert würden. "Damit ist sichergestellt, dass nur die jeweilige wasserstandabhängige Entnahmemenge aus dem Rhein dem Pumpbauwerk zufließt."

"Das Befüllszenario beruht auf den dargestellten Langzeitmessungen und Prognosen", sagt ein Sprecher der Bezirksregierung. Es gebe neben extrem trockenen Jahren auch extrem niederschlagsreiche Jahre. Das werde sich "während des langen Befüllzeitraums von mehreren Jahrzehnten ausgleichen".

Landesumweltamt: Prognosen berücksichtigen Abweichungen

Auch das Landesumweltamt (LANUK) schreibt auf Anfrage: "Vorab wurden Prognosen erstellt, ob auch unter Einfluss des Klimawandels ausreichend Rheinwasser vorhanden ist. Je nachdem, wie sich der Klimawandel auf die Rheinwassermenge am Entnahmeort auswirkt, kann sich die jährliche Entnahmemenge um einige Prozentpunkte nach oben oder unten bewegen."

Für den Entnahmezeitraum von 2031 bis 2060 würden dabei Abweichungen von -2 bis +6 Prozent prognostiziert. "Am Ende geht es also nicht um die Frage, ob ausreichend Rheinwasser zur Verfügung steht", heißt es. "Vielmehr geht es um die durchschnittliche Entnahmemenge über den gesamten Zeitraum, die letztlich darüber entscheidet, wie lange es dauern wird, die Seen zu befüllen."

Das heißt: Ob die Seen bis zum Jahr 2040 fertig werden, hängt vom Wetter ab, also den konkreten Trockenheitsphasen in den kommenden Jahren.

Verantwortlich für die Rheinwassertransportleitung ist der Energiekonzern RWE, der über viele Jahrzehnte die Braunkohle im Rheinischen Revier gefördert hat und es noch immer tut. Ebenso ist RWE federführend bei der Planung des Nahrholungsgebiets, das um die Seen herum entstehen soll.

RWE: "Rhein hat genug Wasser"

Der Konzern sieht offenbar kein Problem bei der geplanten Wasserentnahme aus dem Rhein: Abflussmodelle "auch unter Berücksichtigung der Klimaveränderungen" hätten gezeigt, dass der Fluss "über das ganze Jahr und den langen Zeitraum gesehen, ausreichend Wasser" führe, sagt ein Sprecher. Und er verweist ebenfalls auf ein "flexibles Entnahmekonzept, das sich am jeweiligen Rheinwasserstand orientiert und mit den zuständigen Behörden sowie der Schifffahrt abgestimmt ist". Bei Niedrigwasser werde die Befüllung der Tagebaue ausgesetzt.

Nebenbei: WDR-Recherchen ergaben kürzlich, dass RWE das Rheinwasser künftig sogar gratis abzweigen darf - gegen das Wasserentnahmeentgeltgesetz.

Umweltschützer: Prognosen sehr ungenau

Und was sagen Umweltschützer? Dirk Jansen, Ex-NRW-Geschäftsführer des BUND und noch immer Landesbeauftragter für das Rheinische Revier, ist zwiegespalten. Die Rheinwasserleitung diene nicht nur dem Zweck, die geplanten Seen zu befüllen, sagt er. Auch sollen mit dem Wasser die wichtigen Feuchtgebiete um die Flüsschen Schwalme und Nette versorgt werden: Wenn das Wasser, das bislang zur Trockenlegung der Tagebaugruben stetig abgepumpt wird, wegfällt, würden diese Feuchtgebiete vertrocknen.

Andererseits seien die einst für die Genehmigung erstellten Klimaprognosen sehr ungenau. Klar sei, dass es künftig sogar mehr Niederschlagsmengen hierzulande geben werde als heute, sagt Jansen - "aber jahreszeitlich anders verteilt": Die Sommer werden demnach immer trockener, Wasser aus Gletscherschmelze werde es nicht mehr geben.

"Konzepte müssen auf den Prüfstand"

Ob die geplante "gestaffelte Entnahmemenge" funktionieren wird, könne daher keiner voraussagen, meint Jansen, "die Situation kann sich auch noch dramatisch verschlechtern". Wenn im Durchschnitt erkennbar weniger Wasser im Rhein fließt, müsse die Genehmigung der Wasserleitung auf den Prüfstand, sagt er. "Auf jeden Fall sollte man sich von der Befüllung der Seen bis 2040 verabschieden."

Auch in der Landespolitik ist das Megaprojekt umstritten. "Die Realität hat alle Planungen überholt", ärgert sich der umweltpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Renée Schneider: "An Tagen wie heute könnte nicht einmal mehr eine Mindestmenge aus dem Rhein in den Tagebaurestsee fließen." Das werfe die Frage auf, "ob Genehmigungen vor dem Hintergrund der Klimaveränderungen nicht noch einmal überprüft werden müssen."

Reicht das Wasser aus dem Rhein für die Tagebaulöcher?

WDR 05.08.2026 01:27 Min. Verfügbar bis 04.08.2028 WDR Online

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Unsere Quellen:

Sendung: WDR.de, Hambacher See: Hat der Rhein genug Wasser für Flutung? 05.08.29026, 17.06 Uhr

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