Loubna Adnine ist 21 Jahre alt, studiert in Bielefeld Soziale Arbeit und ist Muslima. Eine für Nordrhein-Westfalen eigentlich ziemlich normale Biographie, etwa 1,7 Millionen muslimische Menschen leben hier. Doch Adnine, die Kopftuch trägt, sagt: Alle paar Monate erlebt sie etwas, das nur schwer als "normal" einzuordnen ist.
"Da bin ich mit einer Freundin spazieren gegangen, und da sind uns zwei junge Erwachsene entgegengelaufen. Und im Vorbeilaufen habe ich dann mir hinterherrufen gehört: 'Du Bombenlegerin', 'Hier kommt die Bombenlegerin'." Loubna Adnine, Studentin
Es gibt vier Meldestellen
Um einen besseren Überblick zu bekommen, wo und wie solche und ähnliche Vorfälle von Diskriminierung in NRW stattfinden, sind im März 2025 vier vom Land NRW finanzierte Meldestellen online gegangen. Sie sind zuständig für die Bereiche:
- Muslimfeindlichkeit
- Antiziganismus (Hass gegen Sinti und Roma)
- Queerfeindlichkeit (beispielsweise Hass auf Schwule, Lesben, Transpersonen)
- Anti-Schwarzer, antiasiatischer und weitere Formen von Rassismus
Meldungen können online eingereicht werden
Man kann bei den Stellen auch Vorfälle unterhalb der Strafbarkeitsschwelle melden. Ein Beispiel: Ein schwarzer Mann geht in eine Bäckerei und will zwei Brötchen haben. Die Verkäuferin sagt zu ihm: "Nur zwei Brötchen? Du hast doch bestimmt 30 Kinder mit 20 Frauen!“ Die Aussage ist rassistisch, erfüllt aber keinen Straftatbestand. Damit ergibt sich hier keine Aufgabe für die Polizei. Aber: Für die entsprechende Meldestelle ist die Aussage relevant.
Die Meldungen können via Online-Plattform eingereicht werden, von Betroffenen selbst und Zeugen. Bereits seit April 2022 gibt es eine landesweite Meldestelle für antisemitische Vorfälle. Ebenfalls seit 2022 gibt es in NRW eine Meldestelle speziell zu Diskriminierungsfällen im Fußball.
Die vier neuen Meldestellen veröffentlichen heute ihre allerersten Jahresberichte. Der WDR konnte vorab exklusiv die Berichte lesen.
Viele Anfeindungen im öffentlichen Raum
Was auffällt: Bei fast allen Meldestellen, außer der für Antiziganismus, ist ein großer Teil der gemeldeten Vorfälle im öffentlichen Raum passiert, also beispielsweise auf Straßen, in Parks oder auf Plätzen. Die Verursacherinnen und Verursacher sind zudem oft fremde Personen, auf welche die Betroffenen zufällig treffen - und von denen sie dann angegangen werden. Dies können sogenannte "Mikroaggressionen" sein, beispielsweise abfällige Blicke, aber auch fiese Sprüche, Beleidigungen, Anspucken bis hin zu körperlichen Verletzungen.
Die schwarze Anti-Rassismus-Trainerin Joanna Peprah aus Köln sagt, sie kennt viele Erzählungen von schwarzen Menschen aus NRW, die in der Öffentlichkeit angefeindet wurden. Sie erklärt sich das auch mit fehlender Zivilcourage.
"Wenn man sich den öffentlichen Raum anguckt, sieht man, was da passiert. Da gibt es wenig Menschen, die aktiv werden und sagen 'Hey, hör auf!' oder 'Hier nicht!'." Joanna Peprah, Anti-Rassismus-Trainerin
Frauen besonders oft betroffen
Zudem fällt auf, dass bei allen Meldestellen auch einige Diskriminierungs-Vorfälle aus Bildungseinrichtungen eingereicht wurden, zum Beispiel Universitäten und Schulen. Und: Bei drei der vier Meldestellen legen die Zahlen nahe, dass die Mehrheit der Betroffenen weiblich ist. Das gilt auch bei Muslimfeindlichkeit, laut dem Jahresbericht trifft es besonders Frauen die Kopftuch tragen und/oder Abaya, ein traditionelles längeres Gewand. Was es mit ihr macht, beispielsweise als "Bombenlegerin" bezeichnet zu werden, beschreibt Studentin Loubna Adnine so:
"Ich hab stark das Gefühl, als wäre ich unwillkommen. Das enttäuscht mich." Loubna Adnine, Studentin
Die Studentin sagt, sie werde in solchen Momenten daran erinnert: "Nicht jeder denkt so über mich wie ich es mir wünsche. Oder: Nicht jeder sieht mich als Loubna, sondern viele sehen mich auch einfach als diese eine Religion, die nicht immer erwünscht ist."
Meiste Meldungen bei Queerfeindlichkeit
Zusammengezählt sind bei den vier neuen Meldestellen fürs vergangene Jahr knapp 600 Vorfälle eingereicht worden, die meisten davon - mehr als 40 Prozent - entfallen auf die Stelle gegen Queerfeindlichkeit. Die Zahlen der entsprechenden Meldestelle legen nahe, dass Trans- und non-binäre Menschen besonders oft diskriminiert wurden.
Was bei dem Bericht der Meldestelle zu Queerfeindlichkeit auch auffällt: Mit 30 Prozent der Vorfälle ist "Physische Gewalt" deutlich präsenter als bei anderen Meldestellen. Darunter werden im Bericht beispielsweise Körperverletzungen, aber auch Anspucken und Sachbeschädigungen verstanden. Und: Angriffe im öffentlichen Raum und durch unbekannte Personen sind hier noch einmal präsenter. Im Bericht finden sich viele Beispiele von queeren Menschen, die auf offener Straße von Wildfremden angegangen und attackiert werden, zum Teil auch im Umfeld von Aktionen zum Christopher Street Day (CSD).
Gegendemo zu CSD in Wesel angemeldet
Bildquelle: picture alliance / Chris Emil JanßenWDR. 2 Min. 35 Sek.. Verfügbar bis 08.07.2028.
Benjamin Kinkel ist Geschäftsführer beim Queeren Netzwerk NRW, dem Träger der Meldestelle Queerfeindlichkeit. Er sagt, viele der Menschen die sich an die Meldestelle gewandt haben würden zurückmelden: "Da verändert sich gerade was. Da trauen sich plötzlich wildfremde Leute die an mir vorbeigehen, eine Meinung zu mir zu haben. Mich diskriminieren zu müssen, mich anzufeinden, anzurempeln, vielleicht sogar Gewalt anzuwenden". Dies würde das Team der Meldestelle sehr beunruhigen, man habe das Gefühl: Gewalt aus dem digitalen Raum schwappe nun in den öffentlichen Raum.
Kritik an den Meldestellen
An den vier neuen Meldestellen gibt es auch Kritik. Vor allem die AfD in Nordrhein-Westfalen hat vor ihnen gewarnt. Sie betonte, dass solche Meldestellen einen "Geist der Denunziation" stärken und unschuldige Personen angeschwärzt werden könnten.
AfD-NRW-Vorsitzender Martin Vincentz
Bildquelle: dpa/Thomas BanneyerDie Meldestellen recherchieren selbst nicht die eingereichten Vorfälle nach. Zum Start der Meldestellen im März 2025 kritisierte AfD-NRW-Chef Martin Vincentz gegenüber dem WDR, "meldefreudige Aktivisten" könnten dies missbrauchen:
"Also das was man an Datensätzen bekommt, muss nicht unbedingt ein Bild der Realität sein, sondern kann extremen Verzerrungen unterliegen." Martin Vincentz, AfD-Vorsitzender NRW
Die Ergebnisse der Meldestellen würden auf Datensätzen fußen, "die einfach wissenschaftlich nicht stichhaltig sind." Vincentz schreibt dem WDR, an seiner Kritik von damals habe sich nichts geändert, die Meldestellen seien aus Sicht der AfD Teil einer "immer komplexeren Drohkulisse gegenüber der freien Meinungsäußerung." Die FDP äußert sich etwas weniger drastisch, doch auch sie kritisiert die Stellen.
NRW-Integrationsministerium betont Datenschutz
NRW-Integrationsministerin Verena Schäffer (Grüne)
Bildquelle: dpa/Roberto PfeilDas von der Grünen-Politikerin Verena Schäffer geführte NRW-Integrationsministerium, das für die Meldestellen zuständig ist, betont aber: Bei den Online-Plattformen der Meldestellen, über die man Vorfälle einreichen kann, sollen weder persönliche Daten zu sich selbst eingetragen werden, noch zu Personen denen man Diskriminierung vorwirft. Sollte jemand trotzdem solche Daten eintragen, seien die Mitarbeiter der Meldestelle angewiesen, diese direkt zu löschen. Zudem sei es nicht möglich, Fotos oder Videos von Vorfällen hochzuladen oder Screenshots von mutmaßlichen Online-Diskriminierungen.
Vor dem Start der Meldestellen hatte das Ministerium immer wieder betont, man wolle nicht mit den Stellen einzelne Personen verfolgen oder sanktionieren – dies sei, bei strafbaren Handlungen, die Aufgabe von Justizbehörden. Die Meldestellen seien dafür da, Diskriminierungsformen in NRW besser zu verstehen und daraus abgeleitet Strategien zu erarbeiten, um Diskriminierung zu verringern. Auf die Frage, ob das Ministerium sich vorstellen kann, die Einhaltung des Datenschutzes auch durch externe Prüfer bestätigen zu lassen, antwortet es nicht konkret. Unter anderem schreibt es: "Die Verantwortung für die Entwicklung und Einhaltung des Datenschutzkonzeptes lag bzw. liegt grundsätzlich bei den Meldestellen selbst."
Wie ist die Menge der Vorfälle einzuordnen?
Die Meldestellen haben dezidiert den Auftrag, "Dunkelfelder zu beleuchten". Also Diskriminierungen festzuhalten, die beispielsweise in Kriminalitätsstatistiken nicht erfasst werden. Dies scheint derzeit unterschiedlich gut zu gelingen. Die Meldestelle für Antiziganismus hat beispielsweise 83 Vorfälle fürs vergangene Jahr erfasst, im Vergleich zu 44 antiziganistischen Straftaten in der NRW-Statistik für politisch motivierte Kriminalität (PMK).
Im Vergleich dazu kommt die Meldestelle für Muslimfeindlichkeit auf 104 Vorfälle - im Vergleich zu 330 erfassten islamfeindlichen Straftaten, so das Label in der PMK-Statistik. Da man bei den Meldestellen ja bewusst auch Vorfälle unterhalb der Strafbarkeitsschwelle einreichen kann, könnte man tendenziell eine höhere Zahl an Vorfällen erwarten - insbesondere da es in NRW eine große muslimische Community gibt, also tendenziell viele Betroffene. Zum Vergleich: Die Meldestelle RIAS NRW zu Antisemitismus hat fürs vergangene Jahr mehr als 1.100 antisemitische Vorfälle im Land gezählt.
Meldestellen sollen bekannter werden
Kemal Bozay von interKultur e.V.
Bildquelle: WDRZeigt die Zahl der Vorfälle also, dass beispielsweise Muslimfeindlichkeit in NRW nicht so ein großes Problem ist wie gedacht? "Dem würde ich vehement widersprechen", sagt Kemal Bozay. Er ist Geschäftsführer des Vereins interKultur, einer der Träger der Meldestelle für Muslimfeindlichkeit. Der Erfahrung vieler zivilgesellschaftlicher Organisationen, aber auch die Polizeistatistik, würden zeigen, dass Hass gegen Muslime in NRW eine Realität sei.
Dass nicht mehr Vorfälle bei der Meldestelle eingereicht wurden, liegt laut Bozay an mehreren Faktoren. Zum einen seien die vier Meldestellen ja erst vor einem Jahr gestartet, man habe nicht viel Zeit gehabt, um sie bekannt zu machen. Werbemaßnahmen könnten hier helfen, gleichzeitig sei klar, "dass in Zeiten knapper Kassen keine große Kampagne organisiert werden kann". Man wolle die Meldestelle für Muslimfeindlichkeit nun beispielsweise über den Kontakt zu Moscheevereinen und -verbänden mehr Menschen vorstellen. Auch RIAS NRW habe eine gewisse Zeit gebraucht, um sich als Meldezustelle zu etablieren, sagt Bozay. Die Stelle wurde im April 2022 eingerichtet.
"Telefonische Meldungen würden helfen"
Zudem sieht Bozay auch gewisse Barrieren für die Zielgruppe der Meldestelle für Muslimfeindlichkeit. "Gerade ältere muslimische Menschen sind nicht unbedingt online-affin. Wenn man zum Beispiel telefonisch Meldungen einreichen könnte, würde das helfen". Dies geht aber aus Datenschutzgründen nicht. Denn damit wären die Menschen, die Meldungen einreichen, identizifierbar - und im Zweifel auch Personen, denen sie Diskriminierung vorwerfen. Online können bei der Meldestelle derzeit auf Deutsch, Englisch und Türkisch Schilderungen eingereicht werden. Bozay hofft, dass bald auch Arabisch auswählbar ist.
Das NRW-Integrationsministerium schreibt auf WDR-Anfrage: "Die Anzahl der gemeldeten Vorfälle hängt unmittelbar von dem Bekanntheitsgrad und dem Vertrauen der betroffenen Communities in die jeweilige Meldestelle ab; beides benötigt Zeit zum Aufbau." Im Vergleich zu anderen Meldestellen in ihrem ersten Berichtsjahr könne die addierte Zahl von knapp 600 gemeldeten Vorfällen für die vier neuen Meldestellen "bereits als guter Ausgangspunkt gewertet werden".
Finanzierung fürs neue Jahr noch nicht klar
Dieses Jahr kosten die vier Meldestellen und eine dazugehörige Koordinierungsstelle laut Ministerium insgesamt 765.000 Euro an Landesmitteln. Wie die Finanzierung der Meldestellen fürs kommende Jahr aussehe, dazu könne man aufgrund des noch offenen Haushaltsplanentwurfs keine Aussage treffen, so das Ministerium. Grundsätzliche plane man, die Meldestellen fortzuführen.
Unsere Quellen:
- Erste Jahresberichte der vier neuen NRW-Meldestellen
- Interviews mit Loubna Adnine, Studentin, und Joanna Peprah, Anti-Rassismus-Trainerin
- Interview mit Martin Vincentz, NRW-AfD-Chef
- Interview mit Benjamin Kinkel vom Queeren Netzwerk NRW
- Interview mit Kemal Bozay vom Verein interKultur
- NRW-Integrationsministerium
Sendung: WDR.de, Diskriminierung - Meldestellen legen Berichte vor, 13.07.2026, 05:02 Uhr