Kriminalität auf offener Straße - Haben wir zu wenig Handhabe? | WDR aktuell

Bildquelle: WDR

01:53 Min. Verfügbar bis 12.08.2028 Von Mathea Schülke

Gewalt zwischen Großfamilien Öffentliche Schlägereien beschäftigen Ermittler

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Bilder, die fassungslos machen: Mit Hämmern, Äxten und Schlagringen gingen am Sonntag zwei Großfamilien in Düren aufeinander los. Bilder von brutaler Gewalt auf offener Straße werfen Fragen auf. Es gab bereits mehrere solcher Fälle in NRW in diesem Jahr.

Foto von einer Kopfwunde, die einem Mann mit einem Hammer zugefügt wurde

In Köln-Mülheim war erst Anfang des Monats ein Streit zwischen zwei Familien in Gewalt mit Schuss- und Stichverletzungen ausgeartet. Im April schlug die Feier einer Großfamilie in Leverkusen in eine Massenschlägerei um. Erst ein Großeinsatz der Polizei konnte die Lage unter Kontrolle bringen, drei Beamte wurden bei dem Einsatz leicht verletzt.

Ostermann: Gewalt zwischen Großfamilien eskaliert

Es sei naiv zu glauben, dass solche Vorfälle einmalig blieben oder zufällig passierten, meint der Bundesvorsitzende der Polizeigewerkschaft, Manuel Ostermann. Er spricht gegenüber dem WDR von einem "Prozess, der sich über Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte, immer weiter entwickelt und auch weiter eskaliert." Und zwar in allen Bereichen. Oft dienten dann keine Gerichtsverfahren zur Klärung, sondern individuelle Friedensrichter. Ostermann sieht mit Sorge, dass Stück für Stück "gerade im Bereich von Großfamilien ganz eigene Regeln und Gesetze geschaffen werden."

Innenministerium: Keine konkreten Hinweise auf Anstieg der Fälle

Das NRW-Innenministerium hat hingegen keine konkreten Hinweise darauf, dass die Zahl der Fälle steigt. Selbst bei so genannten größeren "Tumultlagen", seien die Zahlen zuletzt zurückgegangen. Das sind polizeiliche Einsatzlagen, die aus einer aggressiv auftretenden Personengruppe hervorgerufen werden. Die Anzahl der Personen, ihre Rolle oder ihr Status sind beim ersten Einschreiten nicht sofort zu bestimmen. Während es 2018 in NRW noch 179 solcher Lagen gab, waren es 2024 nur noch 19. Ab da lagen laut Ministerium zunächst keine Statistiken vor.

Streit entbrannte während Geburtstagsfeier

Offenbar hatte sich der Streit am Sonntag in Düren an zu lauter Musik  auf einer Geburtstagsfeier entzündet, erklärt Oliver Huth vom Landeskriminalamt. Bei solchen Tumultdelikten auf der Straße gehe es vorrangig darum, die Familienehre zu verteidigen - und das impulsiv. Die Nationalität sei dabei komplett irrelevant, sagt der Landesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter NRW: "Es geht immer wieder um die Verteidigung der Familienehre und die wird über die Rechtsordnung gestellt." Das sei der Punkt, der "überhaupt nicht akzeptabel" sei.

Die Bürgerinnen und Bürger der Alteingesessenen Strukturen haben wirklich was anderes zu tun, als sich beim Gassigehen mit Personen auseinanderzusetzen, die eine Axt mit sich tragen. Oliver Huth vom Landeskriminalamt

Deswegen werde es Zeit, sich solchen Familienstrukturen zu nähern - auch wenn sie nicht Gegenstand der aktuellen Clandefinition seien. Oft reichten Beleidigungen. Er kenne Fälle, da habe ein Kind dem anderen eine Schippe weggegnommen. "Dann kommt es dazu, dass Eltern intervenieren, die beleidigen sich und dann führt es dazu, dass die Familienehre gekränkt ist und dann geht es halt auf den deutschen Straßen ab", sagt Huth. Dahinter steckten patriarchalische Strukturen, die es den Kripo-Beamten so schwierig machten, "da reinzugehen."

Offenbar kein Haftgrund

Noch am Sonntagabend hatte die Polizei zwei Tatverdächtige festgenommen, einen 23-Jährigen mit bosnisch-herzegowinischer und einen 22-Jährigen mit deutscher und serbischer Staatsangehörigkeit. Beide sind mittlerweile wieder auf freiem Fuß. Warum das möglich ist, erklärt WDR-Rechtsexperte Philip Raillon. Nach einer Tat könnten Verdächtige in Untersuchungshaft kommen. "Mit ihr kann die Justiz sicherstellen, dass Personen, die sehr wahrscheinlich eine Tat begangen haben, nicht abhauen oder Beweise vernichten." Nur bei besonders schweren Delikten sei so ein Haftgrund nicht nötig. Es gelte aber immer: "Eine Untersuchungshaft muss verhältnismäßig sein und ein Richter muss sie anordnen."

In diesem Fall gab es offenbar keinen Haftgrund. Stand jetzt ermittelt die Polizei. Die Staatsanwaltschaft Aachen hat sich laut eigener Aussage noch nicht näher mit dem Verfahren beschäftigt.

Unsere Quellen:

  • NRW-Inneministerium
  • Interview mit dem Bundesvorsitzenden der Polizeigewerkschaft, Manuel Ostermann
  • Staatsanwaltschaft Aachen
  • Oliver Huth, Bund Deutscher Kriminalbeamter NRW
  • Eigene Recherchen

Sendung: WDR Fernsehen, WDR Aktuell, 12.08.2026, 12:45 Uhr

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