NRW-Umweltminister OIiver Krischer (Bündnis 90, Die Grünen) hat in den vergangenen Wochen zu gleich mehreren Terminen eingeladen, um zu zeigen: Wir haben den Hochwasserschutz als Reaktion auf die Flutkatastrophe 2021 verbessert. Beispielsweise werde ein moderner, neuer Deich in Rheinberg wohl früher fertig als geplant.
Der Minister spricht von rund 600 Projekten, die seit der Hochwasserkatastrophe gefördert wurden. Darunter Deichsanierungen, neue Rückhaltebecken sowie besseres Starkregen-Management in den Kommunen. Und auch die Zusammenarbeit mit den Niederlanden habe man verbessert.
NRW-Umweltminister Oliver Krischer (Bündnis 90, Die Grünen) bei einem Hochwasserschutz-Termin in Aachen
Viele größere Bauvorhaben sind allerdings noch nicht fertig. In Köln-Worringen soll zum Beispiel einer der größten gesteuerten Hochwasserpolder Deutschlands entstehen. Im Ernstfall soll er den Rheinpegel um bis zu 17 Zentimeter senken können. Der Erftverband plant außerdem ein riesiges Rückhaltebecken in Rheinbach.
"In Zeiten des Klimawandels können wir uns keinen Aufschub leisten." NRW-Umweltminister Oliver Krischer
Mehr Pegel, mehr Sirenen und ein weiteres Warnsystem
Neben dem direkten Schutz vor Wassermassen sind bessere Warnungen ein weiteres großes Thema. Dazu hat das Land NRW das Messnetz mit neuen Meldepegeln, vor allem an kleineren Gewässern, ausgebaut. Früher gab es diese an 84 Standorten, jetzt an insgesamt 122. Nach Angaben von NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) wurde die Zahl der Sirenen im Land außerdem deutlich erhöht.
NRW-Innenminister Herbert Reul im Interview
Als ergänzendes Warnsystem gibt es außerdem mittlerweile deutschlandweit „Cell Broadcast“. Seitdem kriegen Handynutzer direkte Warnungen, auch wenn sie keine Katastrophenschutz-App wie zum Beispiel „NINA“ installiert haben.
Krisenbewältigung in NRW laut Land besser geworden
Ein weiterer Punkt ist, dass das Land Einsätze bei künftigen Katastrophen besser koordinieren möchte. Im Ernstfall werden organisierende Einsatzkräfte im Innenministerium an einen Tisch geholt. Sie sollen landesweit zum Beispiel schauen, wo welches Material verfügbar ist, um den Kommunen passgenauer helfen zu können.
"Wir haben eine Landesstelle eingerichtet für Katastrophenschutz." NRW-Innenminister Herbert Reul
Das sei ein wichtiger Schritt, meint dazu Christoph Schöneborn vom Verband der Feuerwehren in NRW. Denn die Flutkatastrophe habe logistische Herausforderungen mitgebracht, die man vorher so nicht gekannt habe. "Es fehlen noch einige gesetzliche Änderungen, die aber auf dem Weg sind", meint Schöneborn. Gemeint ist die angestoßene Reform des Katastrophenschutzgesetzes in NRW.
Einsatzkräfte brauchen Interpretation der Folgen
Auch der Experte Prof. Dr. Robert Jüpner von der RPTU-Uni in Kaiserslautern-Landau meint, dass das Land NRW seit der Flutkatastrophe viele Dinge angepackt habe. Er war einer der Gutachter im zuständigen Untersuchungsausschuss des Landtages. Er betont, wichtig sei, dass den Einsatzkräften jetzt auch eine bessere Interpretation geliefert werde, welche Folgen angekündigte Regenmengen eigentlich haben werden. Mit den heutigen Hochwasserkarten könne man besser als damals sehen, welche Gebäude zum Beispiel überflutet werden.
Um die Folgen von Wetterlagen besser abschätzen zu können, sei auch der Austausch mit anderen Fachleuten besser geworden, bestätigt Schöneborn vom Feuerwehrverband NRW. Für Bürgerinnen und Bürger zeigt außerdem eine gerade überarbeite Hochwasser-App, wie hoch das Wasser im eigenen Haus bei gewisser Regenstärke steigen könnte.
Christoph Schöneborn, Feuerwehrverband NRW
Was fehlt noch beim Hochwasserschutz in NRW?
"Wir haben einiges geändert, aber noch lange nicht genug", sagt Innenminister Reul zur Bilanz fünf Jahre nach der Flut. Neben dem, noch nicht beschlossenen, neuen Katastrophenschutzgesetz bräuchte es vor allem mehr Geld. Und das im angespannten Landeshaushalt zu organisieren, sei eines der Hauptprobleme.
Darüber hinaus sind Betroffene von damals, in einigen Regionen, nicht zufrieden mit dem Tempo der Maßnahmen. Anwohner der, damals auch über die Ufer getretenen, Düssel in Düsseldorf zum Beispiel warten immer noch darauf, dass eine dauerhafte Hochwasserschutzwand fertig wird. Auch einer Bürgerinitiative in Erkrath gehen die Maßnahmen zu langsam.
"Der Hochwasserschutz an der Düssel geht äußerst schleppend voran." Bürgerinitiative Hochwasser / Erkrath-Nord
Neben langwierigen Planungsverfahren gibt es eine weitere Hürde für Kommunen. Denn wenn diese Überflutungsflächen schaffen wollen, um den Flüssen mehr Raum zu geben, muss sie sich mit den Grundstückseigentümern einigen. Das dauert, wie zum Beispiel gerade die Stadt Schleiden feststellt. Auch NRW-Umweltminister Krischer sieht die Probleme, auch wenn es mittlerweile ein Vorkaufsrecht für solche Projekte gebe. "Manches dauert immer noch zu lang", Krischer weiter.
2021: Flutlawine in Schleiden-Gemünd
Feuerwehren wollen Social Media-Teams
Christoph Schöneborn vom Feuerwehrverband NRW ist noch ein besonderes Detail wichtig. Es bräuchte mehr Spezialisten, die bei Unwettern und Katastrophen das Internet und Social Media-Kanäle durchforsten. Denn Postings von Augenzeugen seien sehr hilfreich, um sich ein schnelles Bild über die Lage zu verschaffen. Es gebe zwar bereits ein paar solcher Teams beim Technischen Hilfswerk, sagt Schöneborn. Die würden aber bei einer Katastrophe, wie 2021, nicht ausreichen.
Es hat sich viel getan, aber der Hochwasserschutz bleibt eine Daueraufgabe. So lässt sich die Lage in NRW wohl am besten zusammenfassen. Eine große Sorge der Experten: Dass das Ausmaß der Flutkatastrophe, vor fünf Jahren, in Vergessenheit gerät. Von einer gewissen "Hochwasser-Demenz" ist die Rede. Und wer vergesse, wie schlimm es kommen kann, mache womöglich weniger Tempo beim Ausbau der Schutzmaßnahmen.
Unsere Quellen:
- NRW-Ministerium für Umwelt Naturschutz & Verkehr
- Interview mit Oliver Krischer, Landesumweltminister
- Interview mit Herbert Reul, Landesinnenminister
- Interview mit Prof. Dr. Robert Jüpner
- Feuerwehrverband NRW
- Bürgerinitiative Hochwasser / Ekrath Nord
Sendung: WDR.de, Nach Hochwasser 2021: Was sich seitdem beim Hochwasserschutz in NRW getan hat, 14.07.2026, 05:01 Uhr
