Kreislaufwirtschaft : Bauschutt, Autoreifen, Metall - mehr Unabhängigkeit durch Recycling
Stand:
Nicht nur Glas und Plastik lassen sich recyceln. Auch Bauschutt, Metalle und sogar Seltene Erden sollen künftig in NRW wiederverwertet werden. Wirtschaftsministerin Neubaur und Umweltminister Krischer stellten den Plan dazu vor.
Wer zuhause brav seinen Müll trennt, weiß zumindest: Abfälle aus Papier, Plastik oder Glas können wieder aufbereitet und zur Herstellung neuer Dinge genutzt werden.
In der Industrie gibt es noch viel mehr Stoffe, deren Entsorgung sogar viel Geld kostet, die sich aber sehr gut wieder aufbereiten lassen. Die Landesregierung will das jetzt im großen Stil angehen: Circular Economy ist das Stichwort, zu deutsch Kreislaufwirtschaft.
Team Kreislaufwirtschaft: Krischer und Neubaur
Bildquelle: WDR/Nina MagoleyWirtschaftsministerin Mona Neubaur und Umweltminister Oliver Krischer (beide Grüne) stellten am Dienstag die "Kreislaufwirtschaftstrategie" vor, die das Kabinett kürzlich beschlossen hat.
Unabhängiger werden von Importen
Dabei geht es längst nicht nur um Umweltschutz und Senkung des CO2-Ausstoßes. Viele der Stoffe, die sich aus gebrauchten Materialien recyclen ließen, werden aktuell noch aus dem Ausland importiert. Konflikte wie der Iran-Krieg zeigen, dass Deutschland in Zeiten von politischen Krisen viel zu abhängig von Ländern wie beispielsweise China ist.
"Durch die Abhängigkeit von wenigen Lieferanten wird man erpressbar", sagte Neubaur. Kreislaufwirtschaft könne die heimische Wirtschaft stabilisieren und resilienter gegen Krisen machen, wenn Rohstoffe knapp werden.
Als Beispiel nannte Krischer die Bauindustrie: Hier könne viel mehr von dem, was an einem Ort abgerissen wird, an einem anderen wieder neu verbaut werden. Recycelter Bauschutt könne etwa im Brückenbau wieder verwendet werden.
Alte Solarpaneele kommen ins Recycling
Bildquelle: WDR / Rüdiger WölkIn Münster recycelt ein Unternehmen bereits Solarpaneele. Auch alte Autoreifen müssten nicht umweltschädlich verbrannt werden, sondern könnten zu neuen Reifen werden. Mehrere Verkehrsbetriebe in NRW ließen bereits Busse mit recycelten Reifen fahren. Ziel sei, Techniken zu entwickeln, mit denen ein Reifen drei bis vier Mal wieder aufbereitet werden könne.
Kreislaufwirtschaft auch für Rechenzentren
Sogar beim Bau von Rechenzentren könne man unabhängiger von Importen werden, sagte Wirtschaftsministerin Neubaur. In Frechen soll im nächsten Jahr die weltweit erste Fabrik zum Recycling von Siliziumcarbid eröffnen, einem wichtigen Material zur Herstellung von Halbleitern, Solaranlagen - und eben beim Bau von Rechenzentren.
240.000 Arbeitsplätze gebe es in NRW bereits im Bereich der Kreislaufwirtschaft, schwärmte Krischer. In diesen Bereichen soll die Kreislaufwirtschaftstrategie wirksam werden:
- Bau: Bei Planung, Bau und Sanierung soll die Wiederverwertung von Baustoffen mitgedacht werden.
- Chemische Industrie und Kunststoffe: Um unabhängig von Erdöl und Erdgas zu werden, soll Kohlenstoff genutzt werden, der bereits im Kreislauf existiert, indem alte Kunststoffe recycelt, Pflanzen als Rohstoffe genutzt und schädliche CO₂-Abgase abgefangen und wiederverwendet werden.
- Metalle: Bei der bislang energieintensiven Herstellung von Stahl und Aluminium sollen Kreisläufe geschlossen werden.
- Maschinen- und Anlagenbau: Weiterentwicklung innovativer Maschinen, die gebrauchte Produkte sortieren und aufbereiten können.
- Elektrotechnik: Entwicklung langlebiger und reparierbarer elektronischer Geräte. Ausbau der Rücknahmestellen für Elektrogeräte.
Wuppertal geht voran
Kommunen, die sich aktiv dafür einsetzen, eine Kreislaufwirtschaft zu schaffen - sogenannte "Circular Cities" - will das Land künftig unterstützen. Ein Beispiel dafür ist bereits die "Bottrop.CEntrale", einem Begegnungsort in Bottrop mit digitaler Plattform, wo die Einwohner der Stadt hautnah erfahren können, wie sie selber Teil eines Kreislaufsystems werden können.
Als vorbildlich nannten Krischer und Neubaur auch das "Circular Valley" in Wuppertal. Dort wird an allen Aspekten der Kreislaufwirtschaft geforscht. Beispielsweise zum Thema Seltene Erden - einem chemischen Element, das in der Erde vorkommt und für den Bau von Elektromotoren, Windturbinen oder Smartphones gebraucht wird. In einem Elektroauto stecken bis zu drei Kilogramm Seltene Erden, in einem Offshore-Windrad sogar bis zu 300 Kilogramm.
Seltene Erden recyceln
Zwischen 90 und 100 Prozent der nach Deutschland importierten Seltenen Erden stammen aus China. Kommt es zu Konflikten oder Lieferengpässen, steigen die Preise, wird Deutschland "erpressbar", wie Neubaur sagte. Im Circular Valley wird daran geforscht, wie Seltene Erden aus alten Windkraftanlagen oder Elektrogeräten recycelt werden können.
"Wir müssen nicht jeden Rohstoff neu aus der Erde holen, wenn er längst in unseren Produkten steckt", sagt Carsten Gerhardt, Vorsitzender der Circular Valley Stiftung. Was uns fehle, sei nicht das Material, "sondern die Kompetenz, es wieder nutzbar zu machen". Hier müsse Deutschland investieren.
Ziel sei, 25 Prozent der Rohstoffe im Kreislauf wiederzuverwerten. Bislang seien es nur etwa 14 Prozent.
SPD: "Aus dem Tiefschlaf erwacht"
Die SPD im Landtag reklamierte die Idee einer Kreislaufwirtschaftsstrategie anschließend für sich selbst: Bereits vor zwei Jahren habe die SPD-Landtagsfraktion die Landesregierung dazu aufgefordert, sagte der umweltpolitischer Sprecher René Schneider. Jetzt sei man "endlich aus dem Tiefschlaf erwacht".
Auch er nannte Circular Economy einen "wesentlichen Innovationstreiber" für NRW. Mehrere Unternehmen hätten längst Fakten geschaffen - allerdings anderswo. So habe Shell beispielsweise eine Großanlage zum chemischen Recycling im niederländsichen Moerdijk statt in Köln-Wesseling errichtet.
Unsere Quellen:
- Pressekonferenz Neubaur und Krischer am 01.09.2026
- Circular Valley Stiftung
- Statement SPD-Landtagsfraktion
Sendung: WDR.de, Neubaur und Krischer stellen Kreislaufstrategie vor, 01.09.2026, 15.:30 Uhr