Teures Brückendebakel: Ministerpräsident Wüst muss aussagen
Aktuelle Stunde . 29.06.2026. 22:27 Min.. Verfügbar bis 29.06.2028. WDR. Von Mathea Schülke.
Wüsts Auftritt vor dem Untersuchungsausschuss "Brückendesaster" des Landtags war mit Spannung erwartet worden. Brücken sind dieser Tage nicht nur bei Bonnern in aller Munde. Der U-Ausschuss, der am Montag in seiner 50. Sitzung tagte, soll verschiedene Unregelmäßigkeiten aufklären. Vor allem im Fokus: Die Talbrücke Rahmede der Autobahn 45 und die Rheinbrücke, die die Autobahn 1 bei Leverkusen über den Rhein führt.
Die alte Leverkusener Brücke hatte bis zu ihrem Abriss über viele Jahre für viele graue Autofahrerhaare gesorgt. Inzwischen ist der Neubau zur Hälfte fertig. Doch die Umstände des Neubaus beschäftigen ein Kölner Gericht und den parlamentarischen Untersuchungsausschuss.
Zweifel an den Stahlteilen aus China
Der damalige Verkehrsminister ist heute Regierungschef, was Hendrik Wüsts Zeugenaussage doppelt bedeutsam machte. Er war derjenige, in dessen Ministerium die Kündigung des österreichischen Baukonzerns Porr vorbereitet wurde. Der Landesbetrieb Straßen.NRW war damals verantwortlich für den Bauauftrag, im Laufe des Projekts wechselte die Zuständigkeit zur Autobahn GmbH des Bundes. Die Angelegenheit ist kompliziert.
Wüst schilderte, wie schon im Herbst 2018 erste Zweifel an den großen Stahlteilen aufkeimten. Porr hatte ein Stahlwerk in China mit der Fertigung beauftragt. Mit der Überwachung hatte Porr den TÜV Rheinland betraut. Auch Straßen.NRW hatte ein Ingenieurbüro mit der Kontrolle der Fertigung beauftragt, doch die Ingenieure bekamen zuerst Probleme bei der Einreise, später beim Betreten des Geländes.
"Mit dem dicken Hammer einfach abgekloppt"
Nach Aussage von Wüst waren die ersten Teile, die in Rotterdam anlandeten, von so minderer Qualität, dass ein normgerechter Bau der Brücke damit nicht möglich gewesen sei. Es ging vor allem um angeschweißte sogenannte "Kopfbolzendübel", die die Stahlkonstruktion mit der später aufgebrachten Betondecke verbinden sollten. Außerdem seien sogenannte Hilfsbleche, die bei der Produktion angeschweißt aber beim Bau der eigentlichen Brücke nicht mehr gebraucht werden, mit roher Gewalt entfernt worden "Das Schadensbild sah so aus, dass man sagen musste, die sind mit dem dicken Hammer einfach abgekloppt worden", so Wüst im Ausschuss.
Ein hinzugezogener dritter Gutachter habe prognostiziert: "Drift in den Zustand der alten Brücke". Mit anderen Worten: Hätte man die Brücke mit diesen Stahlteilen gebaut, wäre nach kurzer Zeit der Zustand der gleiche gewesen wie mit der alten, sagte Wüst.
Porr habe angeboten, zwei der minderwertigen Bauteile neu anfertigen zu lassen, die anderen habe der Baukonzern "sanieren" wollen. Ob das möglich gewesen wäre, darum streiten sich die Gutachter von Autobahn GmbH und Porr nun vor Gericht. Die einen sogen so, die anderen so.
Wer bleibt aus den Kosten sitzen?
Denn bei der Kündigung, die Wüsts Landesbetrieb Straßen.NRW am 23. April 2020 an Porr schickte, ist die Multimillionenfrage: War es eine "freie Kündigung"? Dann müsste der nun zuständige Bund die entstandenen Kosten begleichen. Oder lieferte der minderwertige Stahl und die Weigerung von Porr zur Neuanfertigung der Teile das entscheidende Argument für eine "Kündigung aus wichtigem Grund". In diesem Fall bliebe Porr auf den Kosten sitzen. Manche Landtagsfraktionen befürchten Kosten für den Steuerzahler bis zu einer Milliarde Euro, sollte Porr Recht bekommen.
Diese Frage wird letztlich das Kölner Landgericht beantworten müssen. Und bei der hohen dreistelligen Millionensumme, um die es inzwischen geht, ist die Frage, ob es bei der ersten Instanz bleiben wird.
Die Kündigung sei einvernehmlich entschieden worden, sagte der Zeuge Wüst. Das Bundesverkehrsministerium, sein Landesministerium und Straßen.NRW hätten in der Kündigung den besten Weg gesehen, um einigermaßen im Zeitplan zu bleiben. "Ich glaube, dass die Kündigung durchaus nachvollziehbar war" sagte Wüst den Abgeordneten. Kündigung und Neuausschreibung seien nach damaligem Kenntnisstand das günstigste Szenario gewesen.
Vorwürfe gegen Straßen.NRW
Hendrik Wüst (dritter v.l.) als NRW-Verkehersminister beim Spatenstich der Leverkusener Brücke
Am Montagmittag hatte ein Gutachter des Baukonzerns Porr ausgesagt. Bei seiner Aussage ging es allerdings nicht um die Stahlteile. Markus Kattenbusch hat im Auftrag der Baufirma Porr ein Gutachten zum Bau der Brücke erstellt. Darin heißt es, dass das Land NRW als Bauherr zahlreiche Verpflichtungen nicht erfüllt und damit selbst erhebliche Verzögerungen beim Neubau der Brücke verursacht habe.
Als Gründe für die, nach seinen Worten, fast einjährige Verzögerung im Bauablauf nannte Kattenbusch unter anderem fehlende Kampfmittelsondierungen auf dem Baufeld der Brücke. Außerdem seien Eigentumsfragen an einigen Teilgrundstücken noch nicht geklärt gewesen.
Krischer erwartet keine Konsequenzen für NRW
Der amtierende NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) wurde am Montag ebenfalls im Ausschuss vernommen. Er betonte, dass er bei einem möglichen Urteil keine Konsequenzen für das Bundesland erwarte. "Das betrifft den Bund", sagte er im Untersuchungsausschuss.
Er hat eine Beteiligung an jeglichen Entscheidungen zu Leverkusener Brücke verneint. Das Projekt habe während seiner Amtszeit bereits vollständig in den Händen der bundeseigenen Autobahn-GmbH gelegen, sagte Krischer.
Oliver Krischer, Verkehrsminister NRW auf dem Weg zum PUA
Am Rande Untersuchungsausschusses sagte Krischer dem WDR, er habe keine Zweifel daran, dass der damalige Verkehrsminister und heutige Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) richtig entschieden habe, als er der Baufirma Porr gekündigt und den Auftrag neu ausgeschrieben habe. CDU und Grüne stellen seit 2022 gemeinsam die Landesregierung in NRW.
Unsere Quellen:
- eigene Recherche
- Gutachtliche Stellungnahme Prof. Kattenbusch
- Wüsts Zeugenaussauge im U-Ausschuss
- Reporter im Untersuchungsausschuss des Landtages
Sendung: WDR.de, Wüst im Untersuchungsausschuss zur Leverkusener Brücke, 29.06.2026, 15:30 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 29.06.2026, 18:45 Uhr
