Gefahr im Glas · Betäubt mit K.O.-Mitteln
Bildquelle: WDRWestpol. 17.05.2026. 16 Min. 29 Sek.. UT. Verfügbar bis 15.05.2031. WDR. Von Alexandra Bidian.
Sorglos feiern, die Welt um sich herum vergessen, das Gefühl von Freiheit - das wünschen sich viele. Partynächte sind gerade für Frauen aber auch mit Angst verbunden. Mit der Angst vor sexuellen Übergriffen und vor K.o.-Mitteln im Getränk.
Nach K.o.-Tropfen: "Wusste, es ist etwas Schlimmes passiert"
Kira führte vor der Vergewaltigung ein normales Leben.
Bildquelle: Kira"Ich habe alles verloren: die Wohnung, den Job, Geld, meine Seele." Die Nacht, die Kiras Leben komplett veränderte, liegt mittlerweile zwei Jahre zurück. Damals war sie 32, stand mitten im Leben. Sie war aktiv, erfolgreich im Job, hatte viele Freunde, ging gerne feiern. Nach der Nacht war um sie herum plötzlich alles ruhig, gedämpft. Nur nicht in ihrem Kopf. Der war voller Gedanken.
Ihre letzte Erinnerung ist, wie sie Getränke an der Bar bestellt. Ab dann ist alles weg, bis zum nächsten Morgen, an dem sie mit großen Schmerzen in ihrer Wohnung aufwacht. Blaue Flecken am Körper, Taschentücher neben dem Bett. "Ich wusste, es ist etwas Schlimmes passiert", erzählt sie.
Was es genau war, kann sie nur durch die Berichte der Anwesenden des Abends rekonstruieren. Ein Mann hatte sie in der Bar immer wieder bedrängt, war hinter ihr ins Taxi geklettert, in das sie eine Freundin gesetzt hatte. Sich zu Wehr zu setzen, dazu war sie zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in der Lage.
Sexueller Übergriff: Der Morgen nach den K.o.-Tropfen
Am nächsten Morgen in ihrer Wohnung überlegt Kira, was sie tun soll. Sie telefoniert mit ihr nahestehenden Menschen. Es verstreichen wertvolle Stunden. Denn einige K.o.-Mittel können nur in einer kurzen Zeitspanne nach Aufnahme in Blut oder Urin nachgewiesen werden. Eine Freundin holt Kira kurzentschlossen ab. Zusammen fahren sie ins Krankenhaus. Ihr ist schnell klar: Sie möchte Anzeige erstatten.
Was sind K.o.-Mittel?
Der Überbegriff K.o.-Mittel bezeichnet verschiedene Substanzen wie GHB, auch bekannt als Liquid Ecstasy. Schlafmittel und hochprozentiger Alkohol fallen auch darunter. In der Rechtsmedizin werden Proben auch auf blutdrucksenkende Mittel untersucht, erklärt Toxikologe Justus Beike von der Uniklinik Münster. Denn diese können dazu führen, dass eine Betroffene sich nicht wehren, nicht mehr "Nein" sagen könne. Was viele der Mittel gemein haben, ist eine entspannende, müde machende und dämpfende Wirkung.
"Ich war schon öfter mal betrunken in meinem Leben, das muss ich ehrlich sagen", erzählt eine andere Betroffene. "Aber das war trotzdem nochmal etwas ganz anderes." Auch sie erinnert sich an nichts mehr, nur an ein diffuses Gefühl: "Da war so ein Rauschen und Piepen. Alles war verschwommen. Ein bisschen so, wie wenn der Kreislauf kurz davor ist, wegzukippen." Sie kommt im Krankenhaus wieder zu sich. Zusammen mit ihren Freundinnen kann sie den Abend lückenlos rekonstruieren.
K.o.-Tropfen: Das Dunkelfeld ist groß
Wie viele Menschen in NRW schon K.o.-Mittel aufgenommen haben und wie viele infolgedessen Opfer von Gewaltverbrechen geworden sind, dazu gibt es keine gesicherten Zahlen. Klar ist, nur ein Bruchteil der Betroffenen erstattet überhaupt Anzeige. Auch Scham spielt dabei immer wieder eine Rolle. Und die Frage, war es vielleicht doch nur ein "normaler" Rausch? Es wird von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen.
Nach einer Dunkelfeldstudie des Bundeskriminalamts von Februar 2026 gehen 5,2 Prozent der Bevölkerung in Deutschland davon aus, schon einmal Opfer von K.o.-Mitteln geworden zu sein. Das sind 4,3 Millionen Menschen. Besonders hoch ist der Anteil bei Frauen: 6,7 Prozent glauben, diese Erfahrung schon einmal in ihrem Leben gemacht zu haben, bei den Männern sind es 3,7 Prozent.
Schutz und Prävention vor K.o.-Mitteln: Getränke im Blick halten
Femke und Lina verteilen in Münster als "Partyguides" Präventionsmaterial gegen K.o.-Mittel.
Bildquelle: WDRUm sich gegen K.o.-Mittel zu schützen, ist es vor allem wichtig, das eigene Getränk nie aus den Augen zu lassen und in Gruppen aufeinander aufzupassen, sich nicht aus den Augen zu verlieren. Femke und Lina vom Frauennotruf Münster wollen auf das Thema K.o.-Mittel aufmerksam machen. Die beiden Studentinnen verteilen als "Partyguides" Präventionsmaterial in der Altstadt, wiederverwendbare Kronkorken zum Beispiel.
Für die beiden ist es ein Herzensthema. "Ich habe mich letztes Jahr durch den Fall von Gisèle Pelicot viel mit dem Thema beschäftigt", sagt Lina. "Und ich wollte da einfach einen Beitrag leisten." Alle zwei Wochen sind ehrenamtliche Teams der Beratungsstelle im beliebten Kneipenviertel unterwegs. Die Aktion kommt bei den Feiernden gut an.
Kiras Weg in die Zukunft
Kira zwei Jahre nach ihrer Erfahrung mit K.o.-Mitteln.
Bildquelle: WDRZwei Jahre sind seit der Tatnacht vergangen. Kira ist umgezogen, hat geheiratet und ist Mutter geworden. Seit einigen Tagen ist das Urteil gegen ihren Vergewaltiger rechtskräftig: sieben Jahre und 12.000 Euro Schmerzensgeld. Ihr altes Leben hat Kira durch das Urteil nicht wiederbekommen.
Unsere Quellen:
- WDR-Interview mit Kira
- WDR-Interview mit Toxikologe Justus Beike, Uniklinik Münster
- Studie "Lebenssituation Sicherheit und Belastung im Alltag (LSBA)", BKA 2026
- WDR-Interview mit Femke und Lina
- Urteil Landgericht Münster
Sendung: WDR Fernsehen, Westpol, 17.05.2026, 19:30 Uhr
Erstveröffentlichung des Artikels am 15.05.2026