Likörfläschchen auf den Gartentischen sollen vielleicht die Stimmung heben. Auf der Wiese hinter der Kirche von Zscherben ist das nicht nötig. Rund 30 Leute sind eingetrudelt, um mit dem Wahlkämpfer aus dem tiefen Westen zu reden, der ihren Landtagskandidaten Michael Scheffler (CDU) unterstützt. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) kommt gut gelaunt aus Halle-Neustadt und versichert ihnen: "Ich habe nichts gesehen, was ich von zu Hause nicht kenne." Er habe im Ruhrgebiet auch Städte mit enormem Bevölkerungsrückgang. Gelsenkirchen etwa, wo sich die sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze halbiert haben, Häuser leer stehen, Menschen in Schrottimmobilien "abgezockt werden". Das habe er auch in Halle-Neustadt gehört. "Lassen Sie sich bloß nicht einreden, dass es die Probleme nur hier gibt“, erklärt der CDU-Mann, der ihren Ministerpräsidenten Sven Schulze seit mehr als zwanzig Jahren aus der Jungen Union kennt.
Die AfD verspricht viel Mumpitz
Die AfD würde viel versprechen - gerade beim Thema Abschiebung. "Das ist doch alles Mumpitz - das wird nie passieren", sagt Wüst. Das sei alles so leicht dahin gesagt und er wisse, dass es nicht so einfach sei. Als Wüst den Menschen vorrechnet, dass in NRW in den vergangenen Jahren Tausende Menschen abgeschoben worden seien, ruft ein Mann dazwischen: Bei ihnen seien es gerade einmal 127 Menschen gewesen. Wüst kontert lächend: "Mein Land ist auch ein bisschen größer." Und er ermuntert den Zwischenrufer: "Immer reinrufen - kein Problem!" Wissend, dass diese Debatte eine von der AfD befeuerte Geisterdiskussion in Sachsen-Anhalt ist. Es gehört zu den Bundesländern mit der geringsten Zuwanderung - mit einem Migranten-Anteil von zehn Prozent.
Nicht so menschenfeindlich wie Merz
Andrea Falke, Ortsbürgermeisterin von Zscherben
Bildquelle: WDRDann ist auf der Wiese Platz für die wirklichen Themen: Kindergärten, Einkaufszentren, Nahverkehr. Das bewege die Leute hier. Und deshalb freuten sie sich, wenn ein Landespolitiker ihnen zuhört, sagt Ortsbürgermeisterin Andrea Falke. Sie sitzt ganz vorn im Publikum und hat maßgeblich dafür geworben, Wüst hier in die Gemeinde Teutschenthal im Saalekreis zu holen. "Er hat ja auch eine tolle Ausstrahlung", schwärmt sie. Wüst sei souverän. "Alles, was der sagt, hat Hand und Fuß." Dass der NRW-Ministerpräsident besser bei den Menschen im Osten ankomme als der Kanzler, liege daran, dass Merz so arrogant rüberkomme. Wüst habe eben nicht diese "menschenfeidliche Art", sagt die langjährige Kommunalpolitikerin. Von ihm würde sich ihr Ortsverband wünschen, dass er ein paar Impulse gibt, die die Menschen dazu bringen, ihr Kreuzchen am Sonntag bei der CDU zu machen.
Merz ausgepfiffen: "Pinocchio", "Kriegstreiber"
Weniger solcher Schwärmereien gab es für Friedrich Merz, als er am Montag seinen ersten Wahlkampftermin in Sachsen-Anhalt hatte - mit CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze in Quedlinburg im Harz. Die beiden wurden dort streng mit Polizeisperren abgeschottet. Zuvor war der Kanzler in Mecklenburg-Vorpommern, wo am 20. September ein neuer Landtag gewählt wird, von Passanten in Kühlungsborn ausgepfiffen worden: Als "Kriegstreiber" und "Pinocchio" hatten sie ihn beschimpft.
Merz besser hinter verschlossenen Türen
Fünf von sechs Deutschen sind dem ARD-Deutschlandtrend zufolge inzwischen mit der Arbeit von Kanzler Merz unzufrieden – er reißt damit einen Negativrekord. Teile der CDU in Sachsen-Anhalt wollen deshalb keinen Wahlkampf mit ihm machen. Ursprünglich geplante Großveranstaltungen wurden kurzfristig abgesagt. Es gibt fadenscheinige Begründungen, Treffen hinter verschlossenen Türen. Auf offener Bühne setzt die Partei lieber auf Wahlkämpfer, die das haben, was Merz nicht mitbringt: Sympathie. In der Beliebtheitsskala deutscher Politiker steht Hendrik Wüst weit oben und hängt den Kanzler ab.
Umfragen zufolge könnte die AfD in Sachsen-Anhalt bei der Landtagswahl am kommenden Sonntag stärkste Kraft werden. Die Partei von Wüst liegt mit deutlichem Abstand dahinter. Derzeit stellt die CDU in Sachsen-Anhalt den Ministerpräsidenten Sven Schulze. Sofern möglich, will die AfD in Zukunft eine Alleinregierung stellen. Die Partei gilt in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistisch.
Wüst spricht offen von "Nazi-Partei"
Stefan Marschall, Politikwissenschaftler an der Heinrich-Heine-Universiät Düsseldorf
Bildquelle: WDRWüst bezeichnet die AfD offen als „Nazi-Partei“. Das unterscheidet ihn von Friedrich Merz, der diese Wortwahl stets abgelehnt hat. Wolle man die Wählerinnen und Wähler der Rechtsaußen zurückgewinnen, dürfe man sie nicht beschimpfen. Wüst bringe diese starke Position mit nach Sachsen-Anhalt, wo die Frage im Raum stehe, eventuell doch mit der AfD zu kooperieren, meint Politologe Stefan Marschall von der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf. "Das heißt, er unterstützt sehr stark diese Position zu sagen, eine Zusammenarbeit mit der AfD ist nicht möglich."
Unterschiedlicher Umgang mit AfD
Es sei interessant, wie das ankomme in den CDU-Ostverbänden, in denen es im Vergleich zum Westen große Unterschiede beim Umgang mit der AfD gebe. Aber das stehe vielleicht bei Wüsts Wahlkampfauftritt in Sachsen-Anhalt gar nicht so im Vordergrund, meint Marschall: "Für viele steht Hendrik Wüst einfach als jemand da, der ein erfolgreicher Ministerpräsident eines Bundeslandes ist, der dort eine geräuschlose Koalition führt und beliebt ist in den Umfragen." Schließlich werde ja auch viel darüber diskutiert, ob Wüst Kanzler Merz eines Tages ablösen könnte. Auch, wenn Wüst diese Diskussion gerade jetzt vor der Landtagswahl in NRW im kommenden April lieber gar nicht höre. Aber Marschall meint:
Natürlich wird man das, was dort stattfindet, nämlich dass Merz und Wüst in diesem Wahlkampf auftreten, immer auch lesen, als vielleicht dann doch eine Art von Wettbewerb zwischen zwei Kandidaten und zwei Personen, die entweder Kanzler werden wollen oder Kanzler sind. Politologe Stefan Marschall
Die Wahlen in Sachsen-Anhalt seien schließlich auch für NRW wichtig, denn es gehe auch darum, wie ein Bundesland regiert wird, mit dem dann NRW auch zusammenarbeiten muss. Und natürlich würde diese Wahl auch jetzt schon gelesen werden als ein Zeichen für die NRW-Wahl im nächsten Jahr.
Keine Schnappsidee
Die Liköre auf den Gartentischen in Zscherben sind getrunken, der Platz leert sich. Das wilde Knattern umherfahrender Mopeds und zufällig kreuzender Leichtflieger verstummt. Wüst und Scheffler brechen auf in den Nachbarort Langenbogen. In einer Feindestillerie treffen sie Spitzenkandidat Sven Schulze zu einer weitere Bürgerrunde. Für das lockere Gespräch mit den Politikern im Verkostungssaal brauchte sich keiner vorher anmelden. Und das sei sicher keine Schnappsidee, meint CDU-Kandidat Scheffler.
Wahlveranstaltunge wie diese symboloschen Charakter.
Unsere Quellen:
- Stationen der Wüst-Reise in Sachsen-Anhalt
- Interviews vor Ort
- Interview mit Politologen Stefan Marschall
Sendung: WDR.5, Morgenecho 02.09.2026, 06:05 Uhr
