Friedrich Merz und Hendrik Wüst

Vor Landtagswahlen AfD stark, Merz angeschlagen - die Folgen für NRW

Stand:

Der Bundeskanzler ist zurück aus dem Urlaub, kämpft mit schlechten Umfragewerten und muss nun Reformen umsetzen. Die AfD strotzt vor den anstehenden Landtagswahlen nur so vor Kraft. Was bedeutet all das für die Lage in NRW, wo im kommenden April gewählt wird?

Von
Logo des Westdeutschen Rundfunk
Felix Wessel

Jetzt geht es wieder richtig los für Friedrich Merz. Sein Besuch in Hürtgenwald am Wochenende hat offiziell das Ende seines Sommerurlaubs markiert - ein Urlaub, der laut Kritikern viel zu lange ging. Sie fragten, wo der Kanzler war, als Wälder brannten und Schifffahrt im Rhein und anderen Flüssen wegen des Niedrigwassers immer beschwerlicher wurde.

Wirtschaft im Fokus: Merz kündigt schnelle Umsetzung von Reformen an

Doch jetzt will Merz wieder ins Handeln kommen. Zum Wochenstart steht für den Kanzler erstmal ein Treffen der CDU-Spitze in Berlin an. Ab Dienstag kommen dann die Mitglieder der schwarz-roten Koalition zur Kabinettsklausur zusammen.

Kanzler Merz in Hürtgenwald

Kanzler Merz in Hürtgenwald

Bildquelle: ROBERTO PFEIL/ AFP

Das Ziel des Kanzlers ist klar: Merz will einen verstärkten Fokus auf das Thema Wirtschaft. In der "Bild am Sonntag" kündigte er eine schnelle Umsetzung der beschlossenen Reformen an.

"In Deutschland geht es um Wachstum und Beschäftigung. Das ist das wichtigste Thema." Bundeskanzler Friedrich Merz in der "Bild am Sonntag"

Auf den Sauerländer Merz kommen dabei einige Herausforderungen zu. Denn zuletzt hatten sich auch Spitzenpolitiker aus den eigenen Reihen gegen Teile der geplanten Rentenreform gestellt. Und Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder betont im WDR-Interview: Die Unzufriedenheit mit der Regierung sei so groß wie nie zuvor in der bundesdeutschen Geschichte.

AfD stark, Merz schwach - die Bedeutung für NRW

WDR 24.08.2026 01:53 Min. Verfügbar bis 23.08.2028 WDR Online

Download

Schlechte Umfragewerte für Merz und CDU

Auch Merz persönlich hat schlechte Umfragewerte. Laut aktuellem ARD-DeutschlandTrend sind nur 14 Prozent sehr zufrieden oder zufrieden mit seiner Arbeit. AfD-Chef Tino Chrupalla kommt auf 22 Prozent. Und auf Bundesebene und vor den anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern liegt die CDU klar hinter der AfD. Etwas besser ist die Lage vor der Landtagswahl in Berlin. Hier sind die Christdemokraten in Umfragen meist auf Augenhöhe mit AfD, Linken und Grünen.

AfD strotzt vor Landtagswahl in Sachsen-Anhalt nur so vor Kraft

ARD-Hauptstadtstudio: Sommerinterview: AfD-Chef Tino Chrupalla im Interview

AfD-Chef Tino Chrupalla im ARD-Sommerinterview

Bildquelle: ddp/dts Nachrichtenagentur

Wer am Wochenende die Sommerinterviews mit den AfD-Vorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla bei ARD und ZDF angeschaut hat, konnte zwei sehr selbstbewusste Politiker beobachten. Weidel sagte im ZDF, die AfD werde in Sachsen-Anhalt die Regierung stellen - und sie behauptete: Die CDU werde niemals wieder eine Bundestagswahl gewinnen.

Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder ordnet den aktuellen Höhenflug im WDR-Interview so ein: Die AfD müsse keine Lösungen anbieten, um bei ihren Wählern anzukommen. "Ihre Funktion besteht darin, den Zorn zu organisieren und den Widerstand gegen die Regierung zu artikulieren, aber keine konkreten positiven Lösungen".

Politologe über AfD: "Organisiert den Zorn"

WDR 5 Morgenecho - Interview 24.08.2026 06:21 Min. Verfügbar bis 24.08.2027 WDR 5

Download

Klar ist: Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt am 6. September könnte es der AfD mit ihrem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund unter Umständen tatsächlich gelingen, alleine zu regieren.

Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD bei der Landtagswahl 2026 in Sachsen-Anhalt, steht beim Wahlkampfauftakt der AfD Sachsen-Anhalt

Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.

Bildquelle: dpa

So oder so: Das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt könnte zu neuen Diskussionen über die "Brandmauer" führen und ein politisches Beben auslösen, das sich bis zu uns nach NRW auswirkt. Denn hier wird im April 2027 ein neuer Landtag gewählt.

WDR-Expertin: Unruhe in der NRW-CDU mit Händen zu greifen

"Für die NRW-Landesregierung waren bereits die Kommunalwahlen im vergangenen Jahr ein ernstzunehmender Warnschuss", sagt Antje Passenheim aus der landespolitischen Redaktion des WDR. Die AfD blieb damals zwar weit unter dem Bundestrend, aber sie verdreifachte ihr Ergebnis aus der vorigen Kommunalwahl. Und in Gelsenkirchen schaffte die AfD sogar ein Ergebnis um die 30 Prozent.

Antje Passenheim, WDR

Antje Passenheim aus der WDR-Landespolitikredaktion

Bildquelle: WDR

"Es ist kein Zufall, dass Hendrik Wüst sich diese Woche menschennah auf einer Tour in Gelsenkirchen zeigt und sich dort - neben wichtigen politischen Themen wie der industriellen Transformation und Klimaschutz - auch das immaterielle Kulturerbe beim Taubenzüchterverein vornimmt", so Passenheim.

Die Situation in NRW sei aber eine andere als in Sachsen-Anhalt: Mit einer CDU, die nach jüngstem NRW-Trend bei 32 Prozent liegt, und "einer heillos zerstrittenen AfD", die mit der SPD gleichauf bei 17 Prozent liegt. Aber die Unruhe in der CDU ist laut Passenheim auch hier mit Händen zu greifen. Die Ratlosigkeit nehme zu.

Wüst macht Landtags-Wahlkampf in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern

Doch erstmal bringt sich der NRW-Ministerpräsident auch in den Landtagswahlkampf im Osten ein. Hendrik Wüst will am 1. September in Sachsen-Anhalt auftreten. Am 7. September wird er dann in Berlin erwartet, wo knapp zwei Wochen später das neue Abgeordnetenhaus gewählt wird.

In Mecklenburg-Vorpommern soll Wüst am 10. September auftreten. Die CDU um Spitzenkandidat Daniel Peters liegt dort in Umfragen weit hinter AfD und SPD. Außerdem unterstützt Wüst die CDU im Kommunalwahlkampf in Niedersachsen.

Hendrik Wüst

Hendrik Wüst bringt sich in die Landtags-Wahlkämpfe ein.

Bildquelle: dpa/Fabian Strauch

"Balanceakt" für NRW-Ministerpräsident Wüst

Wüst ziehe nächste Woche los, um einer Partei in schwierigem Terrain aus der Klemme zu helfen, so WDR-Landespolitikredakteurin Ante Passenheim. Fünf Tage vor der Wahl versuche er die CDU in Sachsen-Anhalt zu boostern - mit etwas, das Merz abgehe: Sympathie.

"Für Hendrik Wüst ist das gerade ein Balanceakt", analysiert Passenheim. Einerseits sei er laut Umfragen einer der beliebtesten Politiker Deutschlands und laufe dem Kanzler klar den Rang ab. Wüst wisse aber auch: Wenn er Ministerpräsident in NRW bleiben wolle, müsse er jetzt einen starken Wahlkampf liefern und klare Position in der politischen Debatte beziehen.

"Den Kopf einziehen, bis alle Merz vielleicht wieder mögen, geht nicht." WDR-Redakteurin Antje Passenheim

Wüst als Ersatz-Kanzler oder volle Konzentration auf NRW-Landtagswahl?

Bei schlechten Landtagswahl-Ergebnissen für die CDU dürfte Kanzler Merz noch stärker unter Druck geraten. Es ist nicht das erste Mal, dass Wüst als möglicher "Einwechsel-Kanzler" gehandelt wird. Ende Mai hatte er aber Spekulationen über einen möglichen Kanzlertausch klar widersprochen und Merz seine volle Unterstützung zugesagt.

"Wüst weiß, dass er auf einer Rasierklinge reitet", analysiert WDR-Redakteurin Antje Passenheim. "Er würde sich am Liebsten die Tarnkappe überwerfen, wenn diese Diskussion um den Kanzlertausch gerade mal wieder hochwuppt."

Er wisse, dass jegliche Spekulationen um die Schwächung der derzeitigen Regierung und ihres Chefs in Berlin nur den Populisten von rechts und links in die Karten spielten. Außerdem wolle er an der Spitze seiner Partei die NRW-Landtagswahlen gewinnen und Ministerpräsident bleiben. Da könne er solche Diskussionen über einen Umzug nach Berlin gerade erst recht nicht brauchen.

Schwarz-Grün in NRW will Stabilitäts-Anker in unruhigen Zeiten sein

Auf Deutschland könnten nach den Landtagswahlen im Herbst politisch unruhige Zeiten zukommen. Schon jetzt versucht die schwarz-grüne Landesregierung in NRW, sich als Hort der Stabilität und Gestaltungskraft der Mitte zu positionieren. "Die Geräuschlosigkeit, mit der CDU und Grüne zusammen regieren, steht in starkem Kontrast zu den Streithähnen in Berlin, wo sich ja selbst Akteure innerhalb der Lager Beinchen stellen", ordnet Antje Passenheim ein.

Viel politischer Zündstoff bis zur NRW-Landtagswahl im April

Zwischen den Landtagswahlen im Osten Deutschlands im September und der NRW-Wahl im April liegen einige Monate. Zündstoff dürfte da laut Landespolitik-Expertin Passenheim etwa die Frage bieten, ob es in NRW beim geplanten Ausstieg aus der Braunkohle-Verstromung im Jahr 2030 bleibt oder ob sich die Laufzeit der Kraftwerke noch einmal um drei weitere Jahre verlängert - dann auf Kosten der Steuerzahler.

Die Wahlergebnisse beeinflussen dürfte aus Passenheims Sicht unter anderem auch, ob es das Industrieland NRW nach dem massiven Stellenabbau bei Unternehmen wie ThyssenKrupp oder Ford aus seiner schweren Krise schafft.

Passenheim betont aber: "Ein Booster wäre für die Landesregierung natürlich ein Olympia KölnRheinRuhr". Ob NRW als offizieller deutscher Kandidat ins Rennen geht, soll sich ebenfalls noch diesen Herbst entscheiden.

Unsere Quellen:

Sendung: wdr.de, Starke AfD, schwacher Merz: die Bedeutung für NRW, 24.08.2026, 13.00 Uhr.

Weitere Beiträge zum Thema Politik

1 / 2