Sachsen-Anhalt wählt am Sonntag einen neuen Landtag. Wie immer mit dabei: ARD-Wahlexperte Jörg Schönenborn, der am Sonntagabend live im Ersten Zahlen und Analysen präsentiert. In der letzten ARD-Umfrage liegt die AfD bei 42 Prozent, deutlich vor der CDU (22 Prozent).
Wir haben mit dem ehemaligen WDR-Programmdirektor über die Stimmung in Sachsen-Anhalt gesprochen, über politische und gesellschaftliche Gemeinsamkeiten mit Nordrhein-Westfalen und warum NRW-Ministerpräsident Wüst bei seinem Besuch vor Ort erfolgreicher war als Kanzler Merz (beide CDU).
Wie bereiten Sie sich auf diese Landtagswahl vor?
Was sind die drängendsten Themen in Sachsen-Anhalt?
Wie sehr profitiert die AfD von den Themen?
Sind das auch die Themen, die sich in NRW wiederfinden?
Womit punktet Ulrich Siegmund?
Welche Auswirkungen hätte ein AfD-Ministerpräsident auf NRW?
Warum ist Hendrik Wüst im Wahlkampf erfolgreicher als Kanzler Merz?
Welche Auswirkungen hätte ein AfD-Erfolg auf die politische Debatte in NRW?
Ist die Wahl ein Stimmungstest für die Bundespolitik?
Was wäre die wichtigste Schlagzeile für NRW am Montag?
Wie bereiten Sie sich auf diese Landtagswahl vor?
Jörg Schönenborn: Ich fange schon lange vor der Wahl an zu lesen und zu hören – alles, was es über das Bundesland gibt. Und ich spreche mit Menschen, die sich da besser auskennen als ich, obwohl ich selbst häufig in Sachsen-Anhalt war. Ich möchte sehr frühzeitig verstehen, was die Leute umtreibt und was dort gerade besonders wichtig ist. Daraus leiten wir dann im Team die Fragen ab, aus denen später unsere Daten für die Wahlumfragen entstehen.
Was sind die drängendsten Themen in Sachsen-Anhalt?
Schönenborn: Sachsen-Anhalt ist ein Land, das an vielen Stellen am Ende der Skala ist. Es hat die niedrigsten Nettoeinkommen, das geringste Bruttosozialprodukt pro Kopf. Es ist das älteste Bundesland; die Menschen sind fast so alt wie in Japan. Das führt zu einer depressiven gesellschaftlichen Stimmung, die wir in Deutschland ohnehin haben, die aber dort besonders stark ist. Dazu kommt die Sorge vor der wirtschaftlichen Zukunft, um das eigene Einkommen, das im Osten ohnehin geringer ist als anderswo. Komme ich noch klar mit meinem Geld? Was ist mit den Spritpreisen, den Gaspreisen, den Lebensmittelpreisen?
Wie sehr profitiert die AfD davon?
Schönenborn: Die AfD muss da gar nicht viel tun. Es reicht schon, das zu erwähnen und etwas zu versprechen, was man im Zweifel als Landesregierung ohnehin nicht finanzieren kann. Dazu setzt sie auf zwei Grundstimmungen: Das eine ist eine generell sehr kritische Haltung gegenüber Ausländern und Migranten. Die ist immer dort am kritischsten, wo man selbst wenig Erfahrungen damit hat. Das ist in Sachsen-Anhalt so, es gibt im Vergleich nur wenige Zuwanderer. Und das andere ist die in Ostdeutschland überwiegende Ablehnung von Waffenlieferungen an die Ukraine. Die beiden Themen gibt es schon länger. Dazu gekommen ist ein weiterer Inflationsschub durch den Krieg am Golf.
Sind das Themen, die Sie in NRW wiederfinden?
Schönenborn: Wir sind in NRW kulturell tief im Westen verankert. Zwei Dinge sind bei uns ganz anders. Wir sind seit Jahrhunderten eine Einwanderungsregion. Schon deshalb ist bei uns die Ablehnung gegenüber Fremden deutlich geringer. Und wir sind alle im Westbündnis groß geworden und sehen deshalb die Unterstützung für die Ukraine mehrheitlich als richtig an. Was wir mit Sachsen-Anhalt gemeinsam haben, ist die Sorge vor den steigenden Preisen und dem Verlust des eigenen Wohlstands. Dieser Sorge werden bei uns im Wahlkampf die Landesregierung und die anderen Parteien nächstes Jahr auch begegnen.
Sachsen-Anhalts AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund war zuletzt medial sehr präsent. Womit punktet er bei den Wählerinnen und Wählern?
Ulrich Siegmund, der AfD-Spitzenkandidat in Sachen-Anhalt, am 04.07.2026 in Erfurt
Bildquelle: ddp/dts NachrichtenagenturSchönenborn: Er ist eine junge, meistens freundliche Erscheinung. Er ist jemand, der die öffentliche Rede gut beherrscht, Humor hat und auf Menschen zugehen kann. Bei Veranstaltungen und Diskussionsrunden im Fernsehen ist seine Botschaft häufig: "Lass uns drüber reden. Und wenn du Angst vor mir und meiner Partei hast, warte doch einfach ab, bis nach der Wahl. Wir tun dann nichts, was ihr nicht auch wollt." Diese Haltung ist in der Politik nicht so verbreitet. Auch wenn sie so gar nicht zum Programm seiner Partei passt.
Welche Auswirkungen hätte ein AfD-Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt auf die politische Arbeit in NRW?
Schönenborn: Zunächst mal: Ein AfD-Ministerpräsident ist nach den gegenwärtigen Umfragedaten nicht wahrscheinlich, aber natürlich auch nicht unmöglich. Wenn in einem Bundesland in den nächsten Jahren die AfD regieren sollte, werden sich der Bund und die anderen Länder politisch sehr klar abgrenzen und jede rechtliche Möglichkeit nutzen, um deren Spielraum einzuschränken, Informationsaustausch und Zusammenarbeit zu verhindern. Dazu gibt es klare Ankündigungen. Und das wäre der wesentliche Effekt: Ein Bundesland stünde dann ziemlich allein.
NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst hat auch Wahlkampf in Sachsen-Anhalt gemacht und war deutlich erfolgreicher als Kanzler Friedrich Merz, der ausgebuht wurde. Wie erklären Sie sich das?
Hendrik Wüst und Sven Schulze beim Wahlkampf in Sachsen-Anhalt
Bildquelle: dpa/ Jan WoitasSchönenborn: Hendrik Wüst ist jemand, der Polarisierung vermeidet. Selbst wenn er weniger populäre politische Positionen hat, formuliert er sie vorsichtig und vermeidet offene Konfrontation. Die Ausnahme ist bei ihm die auch für CDU-Verhältnisse sehr deutliche Abgrenzung zur AfD. Die Menschen in Sachsen-Anhalt haben keine Erfahrungen mit ihm, weder positive noch negative. Insofern waren sie überwiegend erst mal neugierig.
Welche Auswirkungen kann ein starkes AfD-Ergebnis auf die politische Debatte in NRW haben? Ende April 2027 sind auch bei uns Landtagswahlen.
Schönenborn: In einem großen Bundesland wie Nordrhein-Westfalen schlägt die bundespolitische Stimmung besonders stark durch. Bei uns im Wahlkampf wird es vermutlich weniger um die Frage gegen, wie stark die AfD wird, weil sich vermutlich ohne und gegen sie verschiedene Koalitionen bilden lassen. Dafür werden die Leistungen der ebenfalls CDU-geführten Bundesregierung stärker im Blick sein. Eine ebenfalls CDU-geführte Landesregierung muss dann ihre eigene Leistungen besonders deutlich herausstellen. Dieses Bemühen sieht man jetzt schon. Sie setzt auf den Bereich der inneren Sicherheit mit einem populären Innenminister. Und sie hat sehr viel Geld im Schul- und Bildungsbereich investiert. Das wird sie herausstellen.
Und wie sehr ist die Wahl in Sachsen-Anhalt ein Stimmungstest für die Bundespolitik?
Schönenborn: Der Rückblick zeigt, dass einzelne Landtagswahlen vorher immer extrem wichtig erschienen und nachher im Hinblick auf die bundespolitische Lage wirkungsarm geblieben sind. Damit rechne ich auch hier. Die Parteien in Berlin sind in ihren Rollen gefangen: Drei Parteien, die irgendwie regieren müssen, weil es keine Alternative gibt. Und die anderen in der Opposition. Daran ändert der Sonntag erstmal nichts. Und die einzige Chance der Bundesregierung bleibt, eine politische Linie zu finden und für die Menschen spürbar umzusetzen.
Was wäre am Montagmorgen nach der Wahl die wichtigste Schlagzeile für Nordrhein-Westfalen?
Schönenborn: "Die Wähler haben angerichtet und die Parteien müssen gucken, welches Menü sie jetzt daraus machen." Es wird wahrscheinlich großer politischer Verantwortung nach der Wahl bedürfen, um aus dem Ergebnis etwas bekömmliches zu machen. Was es ist, wird sich nicht am Montag entscheiden. Das kann einige Wochen dauern. In Sachsen, Thüringen oder Brandenburg ist das bei schwierigen Konstellationen gelungen. Wenn es in Sachsen-Anhalt scheitern sollte, würde das allerdings ausstrahlen auf die demokratische Kultur bundesweit.
Das Interview führte WDR-Reporter Victor Fritzen.
Unsere Quellen:
- Interview mit Jörg Schönenborn
- ARD-Vorwahlumfrage vom 26.08.26
Sendung: WDR.de, Interview mit Jörg Schönenborn, 03.09.2026, 10:30 Uhr