Wenn aus Freiwilligen Azubis werden
WDR. 02:29 Min.. Verfügbar bis 30.07.2028.
"Also am Anfang fand ich es wirklich sehr anstrengend. Jetzt geht's, würde ich sagen", sagt Greta Möller und hämmert einen Nagel ins Holz. Zusammen mit dem Polier bereitet sie auf der Baustelle Arbeiten an einem Türrahmen vor. Die 19-Jährige macht seit wenigen Wochen eine Ausbildung zur Beton- und Stahlbetonbauerin. Gefallen an der Arbeit auf dem Bau hat sie durch einen neuen Freiwilligendienst gefunden.
Greta Möller hat durch das Freiwillige Handwerksjahr nach dem Abi den Alltag auf dem Bau kennengelernt.
"Ich glaube, das Draußensein hat mir gut gefallen", erklärt sie in Arbeitsschuhen und mit weißem Bauhelm, "und das Arbeiten, also handwerkliches Arbeiten." Sie hat im vergangenen Jahr ihr Abitur gemacht und hatte vor, Bauingenieurwesen zu studieren. Erst habe sie aber "praktische Erfahrungen sammeln" wollen und sei dabei auf das Freiwillige Handwerksjahr (FHJ) gekommen.
100 Handwerksbetriebe machen bisher mit
Das Pilotprojekt in Bielefeld ist vor gut einem Jahr gestartet und wird vom Bundesministerium für Bildung unterstützt. Die Idee: Die Freiwilligen absolvieren innerhalb eines Jahres mehrere Praktika und lernen so verschiedene Gewerke und Betriebe kennen. Mittlerweile machen rund 100 Betriebe mit. Knapp 20 Freiwillige sind schon gestartet. Das Projekt ist erstmal auf drei Jahre angelegt.
Die Handwerkskammer in Bielefeld koordiniert das Pilotprojekt.
"Wer Dachdecker werden möchte, der sollte mal auf einem Dach gestanden haben", nennt Carl-Christian Goll von der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld ein Beispiel. Der Fachkräftemangel sei "riesengroß", auch in diesem Jahr würden Lehrstellen offen bleiben. Der große Vorteil des FHJ sei, dass es viele Freiheiten und keine feste Reihenfolge gebe. Bis zu vier Praktika seien in den zwölf Monaten möglich.
450 Euro für die Freiwilligen pro Monat
Wie in anderen Freiwilligendiensten bekommen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer 450 Euro pro Monat. Auch das hat Greta Möller überzeugt. Im Winter hat sie dann für drei Monate bei einer Baufirma in Bielefeld angefangen und sich nun für die duale Ausbildung entschieden.
Norma Bopp-Strecker leitet die Firma Hochbau Detert und findet das Konzept des Freiwilligen Handwerksjahrs sinnvoll: sowohl für die Betriebe als auch für die möglichen Azubis. "Generell ist ein Wettbewerb um die jungen Leute entbrannt. Wir müssen uns attraktiv machen, da kann das Freiwillige Handwerksjahr ein gutes Tool sein."
Intensiver Einblick vor der Ausbildung
Auch Alies van der Wei hat durch das FHJ einen Ausbildungsplatz gefunden. Als Freiwillige hat sie erst drei Monate als Raumausstatterin gearbeitet, dann in einer Tischlerei. Hier beginnt sie am ersten August ihre Ausbildung: "Ich würde sagen, das ist eine sehr gute Orientierungshilfe. In den drei Monaten erlebt man sehr viele Sachen."
Alies van der Wei fängt nach dem FHJ ihre Ausbildung in einer Tischlerei an.
Ihr Chef Alexander Borchers hat vor seiner Tischlerlehre eine Ausbildung als Dachdecker angefangen und abgebrochen. Davor hätte ihn ein tieferer Einblick in das Gewerk bewahren können. Auch deshalb hält Borchers das FHJ für eine gute Idee: "Wir hatten die Möglichkeit, uns drei Monate kennenzulernen. Das ist der große Vorteil."
Unsere Quellen:
- Handwerkskammer Bielefeld
- Gespräche mit Freiwilligen Alies van der Wei und Greta Möller
- Gespräche mit Handwerksbetrieben
Sendung: WDR.de, Freiwilliges Handwerksjahr: Wenn aus Freiwilligen Azubis werden, 31.07.2026, 05:22 Uhr
