Niedrigerer Mindestlohn für Saisonarbeiter?
Aktuelle Stunde . 25.06.2025. 16:00 Min.. Verfügbar bis 25.06.2027. WDR. Von Claudia Weber.
Debatte beim Bauerntag: Ist der Mindestlohn zu hoch für Saisonarbeiter?
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Der Mindestlohn soll erhöht werden. Die genaue Höhe will eine Kommission am Freitag bekannt geben. Doch Bauernpräsident Joachim Rukwied grätscht jetzt mit einem Vorschlag dazwischen. Er will den Lohn für Saisonkräfte auf 80 Prozent senken. Ein Thema beim heutigen Bauerntag, für das es auch Kritik gibt.
Heute beginnt der Deutsche Bauerntag. Doch schon bevor sich die Landwirte treffen, um über Agrarpolitik, Umweltschutz, Bürokratieabbau und Tierwohl zu debattieren, sorgt eine Äußerung von Bauernpräsident Joachim Rukwied für Wirbel. Der hatte gefordert, den Mindestlohn für Saisonarbeiter abzusenken - auf 80 Prozent. Er begründete diese Forderung damit, dass Saisonarbeiter ihren Lebensmittelpunkt nicht in Deutschland hätten und deshalb niedriger entlohnt werden könnten.
Ausnahme beim Mindestlohn?
Harte Arbeit: Erntehelfer beim Erdbeerpflücken
Wenn die Ernte von bestimmten Lebensmitteln wie Spargel, Erdbeeren oder Weintrauben ansteht, dann beschäftigen die Landwirte oft Saisonarbeiter. Die kommen dann häufig für einen begrenzten Zeitraum vielfach aus dem Ausland, um in Deutschland beim Pflücken im Akkord zu helfen. Laut Bundesministerium waren 2023 in Deutschland 876.000 Arbeitskräfte beschäftigt. 478.000 von ihnen waren sogenannte familienfremde Arbeitskräfte, gehörten also nicht zu den Familien der Landwirte. Mehr als die Hälfte von ihnen waren Saisonarbeitskräfte.
Der gesetzliche Mindestlohn liegt gerade bei 12,82 Euro und soll im nächsten Jahr auf 15 Euro steigen - so steht es jedenfalls im Koalitionsvertrag von CDU und SPD. Rukwied fordert nun aber, bei Saisonarbeitern eine Ausnahme zu machen. Warum?
"Wir stehen unter enormem Wettbewerbsdruck in Europa" Bauernpräsident Joachim Rukwied
Hauptmitbewerber auf dem Markt seien Spanien beim Gemüseanbau und Polen beim Apfelanbau. Wenn man die Mindestlöhne mit diesen beiden Ländern vergleiche, dann liege der Mindestlohn in Polen bei etwas mehr als 7 Euro und in Spanien bei 8,37 Euro. "Wir können dann schlichtweg im Wettbewerb nicht mehr mithalten", so Rukwied. Dann wäre man stärker auf Importe angewiesen.
Seine Befürchtung: Wenn man nicht wettbewerbsfähig sei, werde der Einzelhandel die Produkte aus europäischen Mitgliedsstaaten einkaufen, sagte Rukwied im WDR-Interview.
"Wenn das umgesetzt werden sollte, dann müssten viele Betriebe schließen" Agrarfunktionär Joachim Rukwied
"Ich glaube, das ist berechtigt", sagt auch Alfons Hülskemper, Landwirt aus Ratingen. Ein hoher Anteil der Kosten für Landwirte seien die Löhne. "Unsere Mitarbeiter kommen aus Rumänien. Die können das zum Teil auf die niedrigeren Lebenshaltungskosten in Rumänien umlegen"
Bundesagrarminister Alois Rainer hat sich in einem Zeitungsinterview offen für die Forderung von Bauernpräsident Joachim Rukwied gezeigt, den Mindestlohn für Saisonarbeiter zu kürzen.
Scharfe Kritik von der Gewerkschaft
Eine ganz andere Antwort hat Harald Schaum, der stellvertretende Bundesvorsitzende der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU), der unter anderem für die Landwirtschaftsbranche zuständig ist. Auf die jüngste Äußerung von Rukwied erwiderte er: "Wenn die Saisonarbeitskräfte dann auch nur noch 80 Prozent des Gesamtvolumens arbeiten müssen, bin ich mit dem Vorschlag einverstanden."
"Der Name sagt es ja schon, Mindestlohn. Unter diese äußerste untere Grenze sollte das Entgelt nicht fallen." Harald Schaum, Bundesvorsitzender IG Bau
Ohnehin gäbe es heute schon Ausnahmeregelungen für Arbeitgeber in der Landwirtschaft. So sei eine kurzfristige Beschäftigung unter bestimmten Voraussetzungen sozialversicherungsfrei. Bei der Krankenversicherung werde mit dem Abschluss einer Gruppenkrankenversicherung gespart.
50 Prozent des Lohns für Unterkunft
Und noch einen anderen Punkt bringt Benjamin Luig, ebenfalls von der IG BAU, im Gespräch mit dem WDR an: Saisonarbeiter bekämen den Mindestlohn auf dem Papier. "Aber sie haben sehr hohe Abzüge für die Unterkunft, die der Arbeitgeber beliebig hoch setzen kann", sagt Luig. Laut IG Bau seien das oftmals bis zu 50 Prozent des Lohns. Außerdem hätten sie ziemlich hohe Reisekosten und zahlten zusätzlich für die Vermittlung. "Es gibt Akkordvorgaben und viele Betriebe, die in den Arbeitsvertrag ein kurze Kündigungsfrist reinschreiben."
"Beschäftigte in der Erntearbeit bekommen den Mindestlohn faktisch gar nicht" Benjamin Luig, IG BAU
Auch von der SPD kommt scharfe Kritik. SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf hat die Forderung des Deutschen Bauernverbands zurückgewiesen, den Mindestlohn für Saisonarbeiter auf 80 Prozent zu reduzieren. "Das tragen wir auf gar keinen Fall mit", sagte Klüssendorf dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).
"13 Stunden Arbeit, 8 Stunden bezahlt"
"Die Leute berichten uns, dass sie zwischen 10 und 14 Stunden am Tag arbeiten", berichtete Kateryna Danilova vom Europäischen Verein für Wanderarbeiterfragen (EVW e.V.) schon im Mai im WDR. Auch werde der Mindestlohn nicht immer gezahlt. "Der Arbeitstag dauert 12, 13 Stunden, aber es werden nur 8 Stunden bezahlt."
In Deutschland wird den Arbeitgebern per Gesetz vorgeschrieben, wie viel sie ihren Beschäftigten in der Stunde mindestens zahlen müssen. Die zuständige Kommission will am Freitag (27.06.2025) verkünden, auf welchen Betrag der Mindestlohn angehoben wird. Das Ergebnis muss dann per Verordnung von Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas umgesetzt werden. Entschieden wird immer für die nächsten zwei Jahre, also 2026 und 2027.
Unsere Quellen:
- Interview mit Bauernpräsident Joachim Rukwied
- Interview mit Benjamin Luig, IG Bau
- Bundesministerium für Landwirtschaft
- Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt
- RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND)