Auswirkungen Niedrigwasser: Schifffahrt, Atomkraftwerke, Tourismus | Aktuelle Stunde

Bildquelle: dpa/Federico Gambarini

Aktuelle Stunde 31.07.2026 38 Min. 24 Sek. UT Verfügbar bis 31.07.2028 WDR Von Cengiz Ünal

Niedrigwasser im Rhein Wie lange können Frachtschiffe noch fahren?

Stand:

Das Niedrigwasser im Rhein ist eine Herausforderung für die Binnenschifffahrt und eine finanzielle Belastung für Unternehmen. Welche Einschränkungen und Maßnahmen es gibt - und was die Pegelstände damit zu tun haben.

Von
Logo des Westdeutschen Rundfunk
Lukas Fegers
und
Logo des Westdeutschen Rundfunk
Philipp Brandstädter

Die Pegel des Rheins erreichen Tiefstwerte, das macht der Wirtschaft zunehmend Probleme. Binnenschiffe müssen ihre Ladung reduzieren und Firmen müssen für den Transport draufzahlen.

Und noch wird es schlechter statt besser: Die Pegelstände können weiter sinken. So lag der Messwert am Samstagmittag in Düsseldorf bei 12 cm - und damit deutlich unter dem bisherigen Negativrekord von 23 cm aus dem Oktober 2018.

Was bedeutet das für die Schifffahrt auf dem Rhein? Welche Maßnahmen werden bei Niedrigwasser ergriffen? Und was sagen Pegelstände überhaupt aus? Fragen und Antworten.

Wann wird der Rhein bei Niedrigwasser für die Schifffahrt gesperrt?

Die kurze Antwort lautet: Gar nicht. Es ist nicht davon auszugehen, dass die Schifffahrt auf dem Rhein komplett eingestellt wird. Das betonte Martin Wolters vom Wasser- und Schifffahrtsamt Rhein (WSA) im WDR-Interview.

"Es gibt keine Sperre bei Niedrigwasserstand, anders als zum Beispiel bei Hochwasser." Martin Wolters, Wasser- und Schifffahrtsamt Rhein

Gleiches sagt Fabian Spieß vom Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB). Allgemein gilt aber die Regel: Ein Schiff darf niemals "auf Knirsch" fahren. Die verfügbare Wassertiefe in der Fahrrinne muss immer größer sein als der Tiefgang des Schiffes. Je nach Wasserstand gibt es also individuell berechnete Maximalbeladungen. Ob noch gefahren werden kann, entscheidet der jeweilige Binnenschiffer.

Was bedeutet das für Frachtschiffe aktuell?

Die Industrie und Binnenschifffahrt sei auf die angespannte Lage vorbereitet, sagt WSA-Mitarbeiter Wolters. Vorkehrungen für das Niedrigwasser werden längst getroffen. Eine Notlösung: Mehr Fahrzeuge auf dem Rhein, die jeweils weniger Ladung verschiffen.

Sinkt der zulässige Tiefgang eines Frachtschiffs, kann das bereits mehrere hundert Tonnen weniger Ladung bedeuten. Statt einer Fahrt sind dann mehrere Transporte nötig. Das dauert allerdings einerseits länger - und kostet andererseits deutlich mehr Geld.

Lohnen sich Fahrten mit geringeren Ladungen auf dem Rhein überhaupt?

Finanziell können sich Binnenschiffer bis zu einem gewissen Grad freuen: Denn mehr Schifffahrten bedeuten für sie mitunter mehr Einnahmen. Um wirtschaftlich zu bleiben und Kosten, wie beispielsweise Personal und Treibstoff auszugleichen, erheben Reedereien bei Niedrigwasser zusätzliche Gebühren. Auch reagieren sie unter anderem mit Ausweichrouten oder sogenannten Kleinwasserzuschlägen.

Für Unternehmen wie den Duisburger Konzern Thyssenkrupp Steel hingegen sorgen geringere Ladungen pro Schiff für höhere Transportkosten je Tonne. Denn für die gleiche Menge an Gütern müssen mehr Schiffe und mehr Fahrten bezahlt werden.

Trotzdem rechne es sich aktuell für die Industrie noch, sagte Marcel Beck vom Logistikunternehmen Rheincargo dem WDR. Selbst wenn Frachtschiffe ihre Kapazitäten nicht ausschöpfen könnten, hätten sie noch ein deutlich höheres Fassungsvermögen als Lkw.

"Selbst da reden wir noch darüber, dass hier 20 bis 30 Lkw im Schiff drin sind." Marcel Beck, Rheincargo

Und nicht alles kann überhaupt auf Straße oder Schiene verlagert werden. Siemens Energy produziert in Mülheim an der Ruhr große Gasturbinen, die wiegen 500 Tonnen. "Unsere Güter können nicht auf der Straße transportiert werden", sagt Pressesprecher Tim Proll-Gerwe. Momentan sei der Transport per Schiff noch problemlos möglich. Wenn in Zukunft Trockenphasen länger werden, werde sich der Planungsaufwand aber erhöhen.

Eine Lösung für künftige Dürrephasen sind niedrigwasseroptimierte Schiffe. Ein Beispiel ist die "Stolt Ludwigshafen", die vom Chemiekonzern BASF und Stolt Tankers speziell für den Rhein-Transport bei sehr niedrigen Wasserständen entwickelt wurde - mit einem breiten und hydrodynamisch optimiertem Schiffskörper sowie gewichtsoptimierter Bauweise.

Tankschiff "Stolt Ludwigshafen" in Fahrt auf dem Rhein in Voerde (Niederrhein)

Das Tankschiff "Stolt Ludwigshafen" in Fahrt auf dem Rhein in Voerde (Niederrhein).

Bildquelle: picture alliance/dpa/Boris Roessler

Aus wirtschaftlicher Sicht lässt sich aber generell festhalten: Je länger das Niedrigwasser wie aktuell im Rhein anhält, desto mehr steigt das Risiko für weiter steigende Transportkosten, industrielle Produktionsverluste und Lieferengpässe. Zu spüren bekommen das dann auch die Verbraucher.

Was fordert die NRW-Landesregierung?

NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) fordert den Bund auf, Geld für den weiteren Ausbau der Fahrrinne zwischen Duisburg und Köln bereitzustellen. "Wir brauchen kurzfristig eine nationale Taskforce für Maßnahmen, um die Transportlage zu verbessern", sagt er.

Dazu zählten zusätzliche Lagerkapazitäten in Häfen für Gefahrgüter, zusätzliche Bahnkapazitäten und die Frage, "wie priorisiert werden kann, was transportiert werden soll", sagte der NRW-Verkehrsminister im ZDF. Ein solches Vorgehen habe sich bereits im Jahr 2018 bewährt. Damals hatte es schon eine außergewöhnlich lange Niedrigwasser-Phase gegeben. Das werde das Problem zwar nicht völlig aus der Welt verschwinden lassen, betonte Krischer. Es könne aber helfen, die Situation an vielen Stellen zu verbessern.

Pegelstand versus Wassertiefe: Was ist eigentlich der Unterschied?

Sind Pegelstand und Wassertiefe das Gleiche? Das könnte man meinen, doch diese Annahme ist falsch. Es sind zwei unterschiedliche Werte, wie Prof. Boris Lehmann von der TU Darmstadt auf der Website des Science Media Center Germany erklärt: "Der Begriff Pegel bezieht sich auf den Wasserstand an einem Messpunkt oder auf das Gerät, um diesen zu messen. Der Wasserpegel entspricht nicht der allgemeinen Wassertiefe, da er nur den Wasserstand am Messpunkt widerspiegelt."

Grafische Darstellung von Fahrrinne, Flusssoohle, Wasserstand und Pegelnullpunkt

Um den Pegelstand bzw. Wasserstand zu messen, wird am sogenannten Pegelnullpunkt angesetzt. Dieser Nullpunkt liegt nicht am tiefsten Punkt des Gewässers, der Flusssohle.

Die Wassertiefe hingegen beschreibt den Abstand des Gewässergrunds bis zur Wasseroberfläche. Die Fahrrinne, also die verfügbare Wassertiefe für Schiffe, wird geringer, wenn der Wasserstand sinkt. Schiffe müssen dann weniger laden, um ihren Tiefgang zu verringern. "Bei höheren Wasserständen ist es auch möglich, außerhalb dieser Fahrrinne zu fahren", sagt WSA-Rhein-Mitarbeiter Wolters. Nun aber müssen die Frachtschiffe innerhalb der Fahrrinne bleiben.

Warum steigen Pegel trotz anhaltender Trockenheit?

Immer wieder steigt ein Pegel zumindest kurz, obwohl es weiterhin trocken ist. In Düsseldorf war das am Sonntag der Fall, als der Rheinpegel nach dem historischen Tief vom Samstag wieder um drei Zentimeter anwuchs.

Das liegt laut der Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) an vereinzelten Niederschlägen. Andere Flüsse werden zudem stärker über Staudämme reguliert, auch dadurch kann es trotz Trockenheit zu höheren Pegeln kommen. Insgesamt sei das aber "nur ein Rauschen und überlagernd haben wir einen Rückgang der Wasserstände", sagt Martin Helms, Experte für hydrologische Grundsatzangelegenheiten, Hydrometrie und Gewässerphysik beim BfG.

Unsere Quellen:

  • WDR-Gespräch mit Martin Wolters, Wasser- und Schifffahrtsamt Rhein
  • WDR-Gespräch mit Marcel Beck, Rheincargo
  • ARD-Interview mit Siemens Energy
  • WDR-Interview mit Martin Helms, Bundesanstalt für Gewässerschutz
  • WDR-Interview mit Claudia Thoma, Generaldirektion der Wasserstraßen und Schifffahrt
  • Nachrichtenagentur dpa
  • Äußerungen von NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer im ZDF
  • Online-Artikel des Science Media Center Germany
  • Bisherige WDR-Berichterstattung zum Niedrigwasser im Rhein

Sendung: WDR Fernsehen, WDR aktuell, 31.07.2026, 16:00 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 31.07.2026, 18:45 Uhr

Weitere Beiträge aus NRW

1 / 2