Schwarz-weiß-Aufnahme von Irmgard S. beim Prozess gegen sie vor dem Kölner Landgericht

Entkommt knapp dem Vollzug der Todesstrafe: Giftmörderin Irmgard S.

Das letzte westdeutsche Todesurteil: Die Giftmörderin Irmgard S.

Stand:

Als skrupellose Giftmörderin wird Irmgard S. 1949 in Köln zum Tode verurteilt. Es ist das letzte Todesurteil, das in Westdeutschland gesprochen wird. Warum die Verurteilte trotzdem nicht hingerichtet wurde.

Von Stefan Weisemann

Juni 1948: Irmgard S. klingelt an einer Wohnungstür in Köln. Ihr öffnet die 63-jährige Strickerin Helene Schmitz. Älter, alleinstehend, schutzlos, aus einfachen Verhältnissen. Genau das Beuteschema von Irmgard S. Sie sagt der Strickerin, dass sie schlecht aussehe, und bietet ihr Vitamintabletten an. Schließlich sei sie Krankenschwester, ihr Vater Apotheker.

Das Opfer nimmt dankbar an - und tappt in die tödliche Falle. Denn die Tabletten von Irmgard S. enthalten Gift in Form eines Schlafmittels und Morphium. Die Strickerin überlebt den Anschlag nicht. Irmgard S. durchwühlt daraufhin ihre Wohnung, nimmt eine Strickjacke, ein paar Wollknäuel und Lebensmittelmarken an sich.

Das letzte westdeutsche Todesurteil: Die Giftmörderin Irmgard S.

02:30 Min. Verfügbar bis 18.03.2028

So oder so ähnlich geht Irmgard S. immer wieder vor. Zwischen 1947 und 1948 fährt sie mit dem Zug quer durch Deutschland. Immer wieder spielt sie die barmherzige Samariterin. Immer wieder verabreicht sie ihren Opfern Gift. Mal in angeblichen Vitamintabletten, mal in Zigaretten. In Essen und Bielefeld, in Frankfurt und Heidelberg.

Fünf Tote, aber viel mehr Opfer

Rund 40 Mal soll Irmgard S. innerhalb eines Jahres zugeschlagen haben. Die meisten ihrer Opfer überleben. Sie schlafen zwar teilweise ein, wachen aber wieder auf. Doch fünf von ihnen sterben.

Die Beute von Irmgard S. ist meistens überschaubar: Lebensmittelmarken, Geld oder Dinge, die man auf dem Schwarzmarkt im Nachkriegsdeutschland gut eintauschen kann. Oft hilft ihr ein Komplize beim Durchsuchen der Wohnungen. Irmgard S. ist da der Polizei schon längst bekannt. Unter anderem wegen Prostitution und Raubes hatte sie schon drei Jahre im Gefängnis gesessen.

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Schließlich sucht die Polizei mit Fahndungsfotos nach der Giftmörderin. Mit Erfolg. Im Juni 1948 erkennt eine Frau Irmgard S. in einem Zug bei Hamm. Bei der Festnahme erscheint die 36-Jährige "abgehetzt, bleich, hohlwangig, mit zittriggelben Nikotinfingern", schreibt "Der Spiegel" damals.

Prozess in Köln: Giftmörderin zum Tode verurteilt

Im April 1949 startet schließlich am Kölner Landgericht der Prozess gegen Irmgard S. Ein viel beachteter Prozess, die Presse spricht von einem der "sensationellsten Kriminalfälle der Nachkriegszeit". Im Gerichtssaal ist es immer voll, mehr als 200 Zeugen befragt das Gericht, dazu viele Sachverständige.

Schwarz-weiß-Aufnahme von Irmgard S. beim Prozess gegen sie vor dem Kölner Landgericht, sie steht auf der Anklagebank

Zum Tode verurteilt: Irmgard S. auf der Anklagebank

Der letzte Tag im Prozess ist der 7. Mai 1949. "Der Saal kochte", erzählt damals ein Augenzeuge, "nachdem die Zuschauer diese ganzen Schweinereien und fürchterlichen Dinge da gehört hatten, waren sie empört, und teilweise schrien sie schon vor der Urteilsbegründung: 'Aufhängen!'"

Das Gericht kommt schließlich zum Urteil: "Die Angeklagte hat in allen Fällen heimtückisch gehandelt. Sie hat die Arglosigkeit und das Vertrauen der Opfer ausgenutzt, um sie zu der Einnahme der todbringenden Lösung zu bringen. Die Angeklagte wird zum Tode verurteilt."

Irmgard S. entkommt der Guillotine

Was den Beteiligten zu diesem Zeitpunkt wohl nicht klar ist: Es ist ein historisches Urteil. Denn es ist das letzte Todesurteil in Westdeutschland. Nur einen Tag später, am 8. Mai 1949, stimmt der Parlamentarische Rat über das neue Grundgesetz ab. Das sagt in Artikel 102 kurz und knapp: "Die Todesstrafe ist abgeschafft."

Es ist die Kehrtwende im Fall Irmgard S. "Ganz höchstwahrscheinlich muss es so gewesen sein, dass Rechtsmittel eingelegt worden sind", sagt der Kriminologe Frank Neubacher von der Uni Köln. "Solange diese Rechtsmittel noch nicht durch die höhere Instanz abgearbeitet sind, ist das Urteil eben noch nicht rechtskräftig und kann noch nicht vollstreckt werden."

Irmgard S. und ihre Verteidigung gewinnen entscheidende Zeit. Denn zwei Wochen später tritt das Grundgesetz in Kraft. Die Todesstrafe auf westdeutschem Boden ist nicht mehr möglich, Irmgard S. bleibt die Guillotine erspart. Das Todesurteil wird in eine lebenslange Haft umgewandelt.

Die Giftmörderin sitzt am Ende 37 Jahre lang im Gefängnis. 1986 wird sie vom damaligen NRW-Ministerpräsidenten Johannes Rau begnadigt. Zwei Jahre lebt sie noch in Freiheit, kommt unter anderem Namen in einem Altersheim bei Aachen unter. 1988 stirbt sie schließlich an Herzversagen. Ihr Fall aber lebt in der deutschen Rechtsgeschichte weiter.

Sendung: Lokalzeit.de, Das letzte westdeutsche Todesurteil: Die Giftmörderin Irmgard S., 18.03.2026, 06.52 Uhr.

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