Symbolbild: Eine Frau hält ein kleines Kind auf dem Arm steht auf einem Feldweg im gelben Gegenlicht eines Sonnenuntergangs, daneben ein Kinderwagen

Alleinerziehende in NRW Die große Angst vor den Sommerferien

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Sechs Wochen schulfrei - für viele Alleinerziehende ist das eine große Herausforderung.

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Portraitbild von Cordula Krell
Cordula Krell

"Ich will ja, dass mein Kind schöne Ferien hat. Die Sommerferien liefen früher das ganze Jahr im Kopf mit", erinnert sich Esther König an die Zeit, als ihre Tochter Mona noch kleiner war. Die Bochumerin ist alleinerziehende Mutter. Beide heißen in Wirklichkeit anders, zum Schutz der Tochter möchte König ihren richtigen Namen nicht im Internet lesen.

Wie bei vielen alleinerziehenden Müttern und Vätern ist auch bei der heute 51-Jährigen das Geld knapp. Neben dem Unterhalt war sie zeitweise auf Grundsicherung angewiesen. Für die Ferienerlebnisse ihres Kindes musste sie deswegen schon Monate im Voraus sparen. "Dann darf aber die Waschmaschine nicht kaputtgehen", sagt sie.

Für Alleinerziehende bleibt Urlaub oft nur ein Wunschtraum

Ihr oberstes Ziel: Mona sollte von den Geldsorgen nichts mitbekommen. "Dafür hab ich alle Hebel in Bewegung gesetzt." Fast die Hälfte aller Alleinerziehenden konnte es sich im Jahr 2025 nicht leisten, eine Woche in den Urlaub zu fahren und abzuschalten. Das zeigen aktuelle Zahlen vom Landesamt für Statistik.

Dabei haben gerade Alleinerziehende wegen der hohen psychischen Belastung eine Auszeit bitter nötig. Denn sie "tragen die Verantwortung für Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung und Haushalt allein - Aufgaben, die sonst auf zwei Personen verteilt sind"- so fasst es der aktuelle Familienbericht.NRW zusammen.

"Man ist immer an der Front." Esther König, alleinerziehende Mutter aus Bochum

Ex-Partner sind oft unzuverlässig

Der Organisationsmarathon, den viele alleinerziehende Eltern bewältigen müssen, kann in letzter Minute scheitern, wenn Beteiligte sich nicht an Absprachen halten. Das erlebt Dr. Eva Brockmann immer wieder. Die Sozialpädagogin leitet seit zehn Jahren die Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche der Caritas in Paderborn und kennt die Probleme der Alleinerziehenden.

Spontan fällt ihr ein Beispiel aus ihrer Praxis ein: Ein Junge sollte in den Ferien mit seinen Freunden in ein Fußballcamp fahren. Mit dem getrennt lebenden Vater hatte die alleinerziehende Mutter vereinbart, dass dieser sich zur Hälfte an den Kosten beteiligt. Aber: Der Vater ließ sich so viel Zeit mit dem Bezahlen, bis die Anmeldefrist um war. "Der Junge musste zu Hause bleiben und die Mutter hatte plötzlich ein Betreuungsproblem und bekam dadurch auch noch Ärger mit ihrem Arbeitgeber. Nach den Ferien konnte der Junge natürlich auch nicht mitreden." Der Fall sei typisch, sagt Brockmann.

Das Portrait einer Frau mit langen Haaren, sie trägt einen schwarzen Blazer und eine hellbraue Bluse

Dr. Eva Brockmann von der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche der Caritas in Paderborn.

"Viele freuen sich auf die besondere Zeit mit ihren Kindern. Aber es hängt immer das Damoklesschwert darüber: Hoffentlich klappt das alles." Dr. Eva Brockmann, Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche der Caritas, Paderborn

Bundesregierung will Unterhaltsvorschuss ab 16 Jahren streichen

Die Pläne der Bundesregierung, den Unterhaltsvorschuss für Jugendliche ab 16 Jahren zu streichen, würden die Lage vieler alleinerziehender Mütter und Väter verschlimmern, fürchtet Brockmann. Der Staat springt beim Unterhaltsvorschuss ein, wenn der andere Elternteil keinen oder zu wenig Unterhalt zahlt. So stehen die Alleinerziehenden nicht völlig ohne Geld da.

Diese Bedenken teilt auch Ute Zimmermann. Sie vertritt die Interessen Alleinerziehender beim Verband alleinerziehender Mütter und Väter e. V. in Essen (VAMV). In den vergangenen Jahren seien außerdem die Lebenshaltungskosten gestiegen und alles teurer geworden. Das hätte bei vielen die ohnehin angespannte finanzielle Situation verschärft.

Der VAMV hat deswegen eine Petition gegen die geplante Kürzung beim Unterhaltsvorschuss eingeleitet.

Symbolbild: Ein Kind spielt mit Plastikfahrzeugen im Sand eines Strandes, man erkennt das Kind nicht

Spielen am Strand - für viele Kinder Alleinerziehender ein unbekanntes Erlebnis

Betreuung "logistischer Riesenaufwand"

Zurück zu der alleinerziehenden Mutter Esther König: Als Mona elf Jahre alt ist, arbeitet König wieder Vollzeit, als Bürofachkraft - wie 36 Prozent aller Alleinerziehenden. Ihre finanzielle Situation wird besser, aber jetzt kommt ein anderes Problem: Zeit. Die Ferien der Tochter werden logistisch zum "Riesenaufwand".

Die übliche Anzahl an Urlaubstagen deckt die Ferien nicht ab. Glück hat, wer einen verständnisvollen Arbeitgeber hat, der die Notsituation seiner alleinerziehenden Arbeitnehmer sieht und zum Beispiel einen flexiblen Umgang mit Überstunden erlaubt, sagt Sozialpädagogin Brockmann. "Die Mitarbeiter danken das. Ich habe noch nie erlebt, dass das ein Mitarbeiter ausgenutzt hätte.

Hilfe und Unterstützung durch Familie und Freunde

Bei Königs in Bochum springt immer wieder die Großmutter ein, fährt mit Mona mal in den Tierpark oder ins Museum. Freunde der Familie nehmen das Mädchen mit in den eigenen Campingurlaub. Außerdem hält König lange vor den Sommerferien Ausschau nach geeigneten und günstigen Freizeitangeboten. "Das ist nichts, was man mal eben macht."

Nicht-Mitreden-Können nach den Ferien

Wenn die Freunde in den Sozialen Medien von vermeintlich tollen Urlaubsorten posten, ist das für die Kinder, die notgedrungen zu Hause bleiben müssen, hart. Nach den Ferien ist geht das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, weiter. Etwa, wenn die Kinder nach ihren Urlauben gefragt werden, sagt Brockmann.

Ein junges Mädchen sitzt auf einem Geländer und blickt aufs Handy, das Gesicht ist nicht zu erkennen

Viele Jugendliche können nicht mitreden, wenn die Freunde ihre Urlaubserlebnisse in den Sozialen Medien posten.

Das werde oft noch unbewusst von den Lehrerinnen und Lehrern gefördert: zum Beispiel wenn die Kinder von ihren schönsten Ferienerlebnissen erzählen sollen. "Wenn sie dann vom herrlichen Picknick mit Mama im Park schreiben, und andere Kinder von der tollen Flugreise nach Kanada, wird ihnen ihre Armut gespiegelt." sagt Sozialpädagogin Brockmann.

Erinnerungsmomente schaffen

In diesen Fällen sagt Brockmann den betroffenen Alleinerziehenden: "Es geht nicht um die tollsten Urlaube, es geht um qualitativ wertvolle Zeit, die Sie mit dem Kind verbringen." Die meisten Kinder würden ein paar Jahre später die Bemühungen ihrer Eltern anerkennen und sehr wertschätzen, so ihre Erfahrung. "Lassen Sie ihr Kind lang aufbleiben, verbringen Sie das Wochenende bewusst miteinander."

Tipps für Ferien zu Hause

Viele Städte und Kommunen bieten einen Familienpass an. Damit gibt es zum Beispiel günstigeren Eintritt für Schwimmbäder, Zoos und andere Freizeitangebote.

Es gibt auch viele Angebote in den Städten und Kommunen, die Kinder und Jugendlichen kurzfristig und ohne Anmeldung nutzen können. Infos gibt es auf den Internetseiten.

Eine Möglichkeit für einen günstigen Tapetenwechsel könnte auch Wohnungstausch oder Couchsurfing sein. Dafür gibt es spezielle Plattformen im Internet.

Esther Königs Tochter Mona ist mittlerweile 17 Jahre alt und freut sich auf die Ferienfreizeit mit der Gemeinde. Ihre Mutter blickt auf die früheren Jahre zurück: "Ich sehe heute meine Tochter und weiß: Es war alle Anstrengungen wert."

Die große Angst vor den Sommerferien

WDR 17.07.2026 01:29 Min. Verfügbar bis 16.07.2028

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Unsere Quellen:

  • Familienbericht NRW
  • WDR-Gespräch mit Dr. Eva Brockmann, Caritas Paderborn
  • WDR-Gespräch mit Ute Zimmermann, VAMV
  • WDR-Gespräch mit Esther K., alleinerziehende Mutter
  • WDR-Gespräch mit Heidi Thiemann von der Stiftung Alltagsheld:innen
  • Statistisches Landesamt
  • Webseite Familienportal.NRW
  • bisherige WDR-Berichterstattung

Sendung: WDR.de, Die große Angst vor den Sommerferien, 17.07.2026, 15:08 Uhr

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