Wenn die Bundesrepublik in die Krise gerät, ist es häufig Herbst. "Es ist eigentlich interessant, wie oft die Epoche deutscher Herbst in der Terminologie der deutschen Geschichte fällt und dass es keinen einzigen deutschen Sommer und keinen einzigen deutschen Frühling gibt", sagt Regisseur Christopher Rüping. Den Begriff "Deutscher Herbst" assoziieren viele vermutlich mit dem Jahr 1977: ein Krisenjahr der Bundesrepublik, geprägt durch die terroristischen Anschläge der RAF. In seinem Stück überträgt Rüping den "Deutschen Herbst" in andere Zeiten: den Herbst 1946 und die deutsche Geschichte, die danach folgte.
Unbequeme Fragen nach dem Krieg
Im Herbst 1946 reist der junge schwedische Autor Stig Dagerman durch das zerstörte Deutschland und schreibt seine Erfahrungen in seinem Reisebericht "Deutscher Herbst" auf. Er findet Orte zwischen Hunger und Ruinen und stellt unbequeme Fragen. Die Lektüre hat Regisseur Rüping sehr beeindruckt. "Dagermann beginnt seine Reise zum Ruhrgebiet und er trifft Leute in bitterster Not", erinnert er sich. "Der Krieg ist vorbei, was gut ist. Das Naziregime ist beendet, was gut ist, aber er reist mit der Frage durch Deutschland: Sind die Deutschen eigentlich im Kern Nazis oder waren das Opfer eines faschistischen Regimes?"
Im Theaterstück "Deutscher Herbst" spielt der gleichnamige Reisebericht eine zentrale Rolle. Rüping greift die Perspektive Dagermans auf und erweitert sie durch die deutsche Geschichte, die danach folgte. Dabei steht eine junge Frau im Mittelpunkt, deren Vater an Demenz leidet. Der Vater wurde 1941 geboren und versucht sich jetzt an die vergangene Zeit zu erinnern. "Es ist zu spät, Fragen zu stellen, weil er sich selber nicht mehr erinnert", so Hauptdarstellerin Wiebke Mollenhauer über ihre Figur. Was folgt, ist eine eigenartige, musikalische Traumreise der Hauptfigur durch deutsche Seelenlagen.
Bühnenbild spiegelt Schwindel wider
Die Figur von Wiebke Mollenhauer beginnt das Stück mit einem Monolog.
Bildquelle: Caroline SeidelDie Bühne in Bochum ist 80 Meter tief, an ihren Seiten wachsen rosa Poolnudeln aus den Wänden, in der Mitte steht ein einsames Klavier. Zu Beginn des Stücks beginnt die Figur von Wiebke Mollenhauer ganz leise den Abend. "Jedenfalls war ich ja jetzt eine Weile nicht hier", so ihr Monolog zu Beginn. "Ich bin aufgewacht und mir war schwindelig. Wie wenn man lange keinen festen Boden unter den Füßen hatte." Dieser Schwindel wird im Laufe des Stücks immer stärker. Seltsame Gestalten gesellen sich zu ihr. Jemand, der aussieht wie Caspar David Friedrich und ein Volkslied singt. Eine Gruppe grölender Jugendlicher, die ein Lied von der Punkband Böhse Onkelz spielt.
Ist dieses Land zur Freiheit bereit?
Dazwischen geistert immer wieder der schwedische Autor Stig Dagerman durch das Stück und erzählt aus seinem Reisebericht von 1946. Zwischen dem kriegszerstörten Deutschland und seinen Menschen stellt er die Frage: Ist dieses Land zur Freiheit bereit?
"Die deutsche Jugend befindet sich in einer tragischen Situation. Die ältere Generation möchte das Schicksal nicht in die Hände dieser Jugend geben. Die wie man sagt, im Schatten des Hakenkreuzes aufgewachsen ist. Diese Jugend werde die ungebildetste der Welt sein, hatte der junge Amtsarzt aus Essen gesagt." Protagonist Stig Dagerman im Stück "Deutscher Herbst" von Christopher Rüping
Gemeint ist der Herbst 2026
Für Christopher Rüping verbindet dieser Ritt durch die deutsche Geschichte eines: Die Frage nach Schuld, Angst und Verantwortung. Es ist eine Frage, die auch heute noch aktuell ist. "Wir meinen mit unserem Stück 'Deutscher Herbst' den Herbst 2026", so Rüping. "Es wird kälter, man guckt auf die Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt. Man macht sich Gedanken darüber, wie kalt es wirklich wird. Und ausgehend von dieser Beobachtung fragen wir uns, wie viel der vorangegangenen deutschen Herbste im Herbst 2026 stecken."
Der Schwindel, von dem die Hauptdarstellerin am Anfang ergriffen wird, ist für ihn vor allem ein Symbol. Das Symbol eines Rutschens, einer Orientierungslosigkeit, die uns ergriffen hat und die zum neuen Aufstieg der Rechten führt. "Dieser Schwindel, der ist eine Manifestation der Angst", so Rüping. "Das hängt damit zusammen, dass wir uns nicht mehr sicher sind in der Welt, in der wir leben. Und die Antwort für viele ist dann eben im Festklammern an identitären Begriffen."
Die Zuschauer von "Deutscher Herbst" erfahren erst im Laufe des Stücks, dass sie sich gemeinsam mit der Hauptfigur in ihrem riesigen Ohr befinden. Ein Ohr, das den Gleichgewichtssinn verloren hat und Schwindel verursacht. Und dazu auffordert genau zuzuhören, was zurzeit mit der Gesellschaft passiert.
Ruhrtriennale "Deutscher Herbst" von Christopher Rüping
Bildquelle: Emma Lou HerrmannWestart . 12.09.2026. 3 Min. 54 Sek.. UT. Verfügbar bis 12.09.2028. WDR. Von Max Burk.
Unsere Quellen:
- Probenbesuch und Vorbericht von WDR-Reporterin Dorothea Marcus
Sendung: WDR, Westart, 17.09.2026, 12:36 Uhr