Polizeischutz beim CSD & Live-Schalte CSD Berlin | Aktuelle Stunde
3 Min. 40 Sek.. Verfügbar bis 26.07.2027.
Warum der Christopher Street Day in diesem Jahr anders ist
Stand:
Veranstalter und Besucher erlebten die CSD-Paraden am Samstag mit einer Mischung aus Zuversicht und Anspannung. Gute Gründe gibt es für beide Gefühlszustände.
In Berlin und in NRW gingen heute bei Paraden zum Christopher Street Day tausende Menschen für Toleranz und Freiheit auf die Straßen. Die Berliner Parole lautete "Nie wieder still", in Solingen "Frei, bunt, laut" - die Demonstranten geben sich kämpferisch und selbstbewusst.
Doch es herrscht auch Unsicherheit in der queeren Community. Die ausgelassen wirkenden CSD-Feiern stehen häufig in starkem Gegensatz zu dem, wie zurückhaltend manche queere Menschen im Alltag leben. Dahinter steckt die Furcht vor Anfeindungen, wenn sie sich zum Beispiel offen schwul oder lesbisch zeigen. Viele Paraden finden in diesem Jahr unter verstärktem Polizeischutz statt, weil rechtsextreme Gruppen dagegen Stimmung machen.
Angst und Kampfgeist
Zwar gebe es "viel Solidarität und Kampfgeist", sagte Thomas Hoffmann vom CSD Berlin über die queere Community und ihre Unterstützer, aber zugleich sei die Lage ernst: "Die Stimmen derjenigen, die sich gegen uns erheben, werden wieder lauter und selbstbewusster." Viele queere Menschen hätten Angst und seien verunsichert.
Debatte um Regenbogenfahne
Zur Verunsicherung beigetragen hatte auch die Debatte um das sichtbar prominente Hissen der Regenbogenflagge vor dem Bundestag. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) hatte entschieden, dort keine Regenbogenfahne wehen zu lassen - und bekam dafür Unterstützung von Bundeskanzler Merz. 2022 war die bunte Flagge erstmals auf dem Reichstagsgebäude gehisst worden.
Die Entscheidung hatte für Betroffenheit und Proteste gesorgt - von den Grünen und der Linken im Bundestag bis zum Verdi-Gewerkschaftschef Frank Werneke, der von einem inakzeptablen gesellschaftspolitische Rückschritt sprach - und von einem "Einknicken vor rechten Tendenzen".
Anders als der Bundestag hisste der Bundesrat heute zum Berliner CSD die Regenbogenflagge vor seinem Gebäude. Auch der Berliner Bürgermeister Kai Wegner (CDU) lief demonstrativ auf dem "Berlin Pride" mit.
Mehr queerfeindliche Straftaten
Der CSD ist nicht nur eine bunte Feier, sondern auch eine Mahnung. "In einer Zeit, in der die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte infrage gestellt werden und die Angriffe auf die queere Community zunehmen, bleibt der Protest auch in diesem Jahr unverzichtbar", heißt es von den Veranstaltern des Berlin Pride.
Und die Sorge ist berechtigt. Nicht nur verbale Anfeindungen - auch registrierte Straftaten nehmen zu. Das zeigen offizielle Zahlen des Bundeskriminalamtes. Demnach haben sich Straftaten aus dem Bereich sexuelle Orientierung und geschlechtsbezogene Diversität seit 2010 nahezu verzehnfacht. Das zeigt ein neues Lagebild des BKA.
Verschärftes Sicherheitskonzept in Düsseldorf
CSD in Düsseldorf: Tausende Demonstrierende zogen durch die Stadt
Auch in NRW machte sich in letzter Zeit bei CDS-Demos Unsicherheit breit. So wurde in Düsseldorf im Februar ein Demonstrationszug des Vereins Christopher Street Day abgesagt, weil es einen besorgniserregenden Facebook-Post gegeben hatte.
Das Sicherheitskonzept in Düsseldorf war in diesem Jahr verschärft worden. Regulär kümmern sich Ehrenamtler tagsüber um die Sicherheit der Demonstrierenden. In diesem Jahr waren es Tag und Nacht professionelle Sicherheitsleute.
"Ich mache mir keine Sorgen, wir werden hier schon gut beschützt", sagte ein Teilnehmer in Düsseldorfer dem WDR. "Wir stehen hier und setzen ein Zeichen dafür, dass wir hier offen und frei leben können, ohne Angst zu haben", ergänzte eine andere Teilnehmerin.
Unsicherheit und Absagen auch in NRW
Wegen einer "abstrakten Bedrohungslage" hatten die Organisatoren des CSD auch in Gelsenkirchen im Mai ihr Event ebenfalls kurzfristig abgesagt. In Mönchengladbach hatten Gegendemonstranten im Juli den Christopher Street Day gestört. Sie versuchten, CSD-Besucher mit Sitzblockaden zu hindern. Gruppierungen aus dem rechtsextremen Spektrum hatten zu der Gegendemo aufgerufen. Seitens der Polizei gab es daraufhin Ermittlungen und Strafanzeigen.
Haltung statt Pinkwashing
Aber noch etwas hat in diesem Jahr die CSD-Veranstalter getroffen. Einige große Firmen haben sich aus dem Sponsoring zurückgezogen - vor allem US-Firmen, weil sie sich an Donald Trumps queer-feindlicher Politik orientieren.
Doch der Rückzug könnte auch etwas darüber aussagen, wer eigentlich wirklich hinter der queeren Community steht. Dieses als Pinkwashing genannte Prinzip bezeichnet Marketingkampagnen von Unternehmen, die sich zwar mit den Regenbogenfarben schmücken, es aber, wenn es drauf ankommt, nicht ganz so ernst mit der Unterstützung meinen.
"Wir wollen nun Unternehmen finden, die das nicht nur als Marketinginstrument nutzen, sondern auch bereit sind, mit uns gemeinsam Haltung zu zeigen, in einer politischen Situation, in der es viel Gegenwind gibt", sagt dazu Marcel Voges vom CSD Berlin. Es zeige sich nun, wer wirklich an der Seite der queeren Community stehe.
NRW zeigt Flagge
Regenbogenflagge vor NRW-Landtag
In Solingen, Duisburg und Siegen gingen an diesem Samstag ebenfalls etliche Menschen beim CSD auf die Straße, um gegen Diskriminierung zu protestieren. Unterstützung gab es dabei aus auch anderen Städten. CSD-Teilnehmerin Cynthia zum Beispiel war extra aus Frankfurt angereist. "Queere Rechte stehen immer weiter auf der Kippe. Es ist wichtig, dass sie gefestigt und erweitert werden", sagte sie.
Regenbogenfahnen waren in NRW kein Streitthema. Nachdem zum CSD in Düsseldorf bereits das Landtagsgebäude bunt beflaggt wurde, hisste am Samstag in Duisburg der Bürgermeister selbst die Fahne vor dem Rathaus.
Unsere Quelle:
- BKA-Lagebericht zur Sicherheit von LSBTIQ
- WDR-Reporter vor Ort
- Interview mit Marcel Voges im WDR5 Morgenecho vom 26.07.2025
- Nachrichtenagentur AFP
- Pressemitteilung des Bundesrats
- Homepage zum Berlin Pride