Plastikabkommen gescheitert: Was heißt das?
Aktuelle Stunde . 15.08.2025. 19 Min. 16 Sek.. Verfügbar bis 15.08.2027. WDR. Von Bo Hyun Kim.
Scheitern von Abkommen: Helfen EU-Regeln gegen weltweiten Plastikmüll?
Stand:
Ein weltweites Plastikabkommen ist gescheitert. Die EU hat für ihren Bereich aber schon Regeln aufgestellt. Was bringen sie?
Es sollte der große Wurf werden: Zehn Tage lang haben 180 Staaten in Genf über ein weltweites Abkommen gegen Plastikmüll verhandelt. Am Freitag (15.8.25) ist es vorerst gescheitert, die UN-Staaten konnten sich nicht einigen. Die Interessen lägen noch immer weit auseinander.
Dabei geht es vor allem um die Forderung der Europäischen Union (EU) und kleiner Inselstaaten, die Herstellung von neuem Plastik zu begrenzen. Erdölproduzierende Länder und die USA lehnen dies bislang ab.
Plastik-Rückstände in menschlichen Organen
Für den Kampf gegen Plastikverschmutzung ist das ein herber Rückschlag. 460 Millionen Tonnen Plastik werden jedes Jahr weltweit produziert. Nur ein ein kleiner Teil davon wird recycelt, der Rest landet auf Deponien, wird verbrannt oder verschmutzt Böden, Flüsse und Meere.
Die Rückstände sind auch für Menschen gefährlich: Kleinste Partikel werden vermehrt in Organen und auch im Gehirn gefunden. Die Nano- und Mikroplastik-Partikel beeinträchtigen laut Studien das Immunsystem, können sich in Arterien absetzen und fördern Entzündungen.
EU-Verbot von bestimmten Einweg-Produkten: Aus für Strohhalme und Einweg-Besteck
In der Europäischen Union gelten mehrere Verordnungen und Richtlinien: Seit 2021 gilt ein EU-Verbot von bestimmten Einwegprodukten: Der Verkauf von Strohhalmen, Einwegbesteck, Einwegtellern und Wattestäbchen aus Plastik ist seitdem verboten. Deutschland ist noch darüber hinausgegangen: Hier gilt seit 2022 auch ein Verbot für Supermärkte und andere Läden, Plastik-Einkaufstüten anzubieten.
Laura Griestop, Expertin für Verpackungen beim WWF Deutschland, sagt im WDR-Gespräch, dass es richtig sei, "bei schnelllebigen Produkten mit Verboten voranzugehen". Sie erlebe aber weiterhin Probleme bei der Umsetzung: So seien immer noch zu viele Plastikstrohhalme in Umlauf.
Bald noch weitere Einschränkungen in der EU
Die EU hat inzwischen entschieden, dass ab 2030 weitere Einweg-Plastikverpackungen verboten sein werden: Dazu zählen Ketchup-Tütchen im Restaurant und Shampoo-Tütchen im Hotel. Obst und Gemüse darf ab 2030 im Supermarkt nur noch in Ausnahmen verpackt angeboten werden.
Dünne Tüten für den Transport von Äpfeln und anderem Obst werden verboten. Produkte wie Cornflakes und Süßigkeiten dürfen nicht mehr in unnötig großen Plastikverpackungen im Regal stehen.
Kritik von der Deutschen Umwelthilfe an der EU-Vorgabe
Die Umsetzung der Verbote ab 2030 in Deutschland wird im Moment im Bundesumweltministerium vorbereitet. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hatte Anfang des Jahres kritisiert, dass es zahlreiche Unklarheiten in der EU-Vorgabe gebe. DUH-Geschäftsführerin Barbara Metz sagte: "Wir fordern von der neuen Bundesregierung deshalb, die Handlungsspielräume der Verordnung zu nutzen und Mehrweg konsequent zu fördern."
Mit dem Verbot von Einweg-Plastik bei Verpackungen will die EU ihrem Ziel näherkommen, bis 2040 mindestens 15 Prozent an Verpackungsmüll einzusparen - verglichen mit dem Basiswert aus dem Jahr 2018.
Plastikmüll-Menge steigt
Auf jede Bürgerin und jeden Bürger in der EU kommen pro Jahr durchschnittlich 190 Kilogramm Verpackungsmüll. Ohne zusätzliche Maßnahmen könnte die Müllmenge Experten zufolge bis 2030 auf mehr als 200 Kilogramm steigen.
Die Deutschen liegen schon jetzt über diesem Wert: In der Bundesrepublik fallen pro Einwohnerin und Einwohner jährlich im Durchschnitt etwa 225 Kilogramm an Verpackungsabfall an.
Weniger Verpackungs-Verbrauch: EU will Mehrweg und Recycling voranbringen
Doch die EU hat nicht nur ein Verbot weiterer Einweg-Plastikverpackungen ab 2030 beschlossen: Darüber hinaus sollen alle EU-Staaten ein Mehrwegsystem einführen. Die Verpackungs-Industrie soll in Zukunft verpflichtende Mehrweg-Quoten einhalten. Das gilt zum Beispiel für Getränke-Verpackungen: Hier sollen 10 Prozent ab 2030 und 40 Prozent ab 2040 als Mehrweg-Verpackungen angeboten werden.
Außerdem soll es mehr Recycling geben: Verpackungen, die zu weniger als 70 Prozent recyclingfähig sind, gelten ab 2030 nicht als recycelbar und dürfen nicht mehr in Umlauf gebracht werden. Ab 2038 gilt dies für Verpackungen mit weniger als 80 Prozent Recyclingfähigkeit. Damit würden nach heutigem Stand beispielweise Getränkekartons verboten.
"Plastikdeckel an Getränkeflaschen sind wie Gurtpflicht"
Die anstehenden Regeln für Mehrweg und Recycling werden nicht nur für Plastik, sondern auch für Papier und andere Verpackungsstoffe gelten. Die Vorgaben werden erst noch in den Mitgliedsstaaten umgesetzt. WWF-Expertin Griestop befürwortet, dass die EU die Regeln aufgesetzt hat. Es sei richtig, dass Vorgaben zur Müllreduktion und zu Mehrwegquoten gemacht wurden.
"Unser Verpackungsverbrauch in Europa ist sehr hoch." Laura Griestop, Expertin für Verpackungen beim WWF
Der größte Aufreger zuletzt waren wohl die Plastikdeckel, die inzwischen an den Plastik-Getränkeflaschen befestigt sein müssen - eine Vorgabe der EU. Griestop unterstützt das: "Denn diese Deckel wurden wirklich häufig in der Umwelt gefunden." Sie vergleicht den fest angeschlossenen Plastikdeckel mit der Gurtpflicht im Auto: "Man hat sich am Anfang dagegen gewehrt und irgendwann ist es absolute Normalität geworden. Und genauso ist es beim Deckel an der Flasche: Im ersten Moment stört es beim Trinken, aber irgendwann hat man sich daran gewöhnt."
Gespräche über weltweites Plastik-Abkommen sollen fortgesetzt werden
Die EU hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Maßnahmen gegen das Plastikproblem auf den Weg gebracht, in den Griff bekommen wird man es wohl aber nur mit einem weltweiten Vorgehen. EU-Umweltkommissarin Jessika Roswall sagte dazu nach dem Scheitern der Verhandlungen: "Wir brauchen dringend eine Einigung." Die Gespräche über ein weltweites Abkommen sollen laut UN fortgesetzt werden.
Unsere Quellen:
- ARD Brüssel
- Europäische Union
- Science Media Center Germany
- Interview mit Laura Griestop, Expertin für Verpackungen und Kreislaufwirtschaft beim WWF
- Deutsche Umwelthilfe
Über dieses Thema berichten wir auch im Radio: In den Nachrichten bei WDR 2 und im Tag um sechs bei WDR 2, WDR 4 und WDR 5.