Wieder normal essen

WDR 03:16 Min. Verfügbar bis 16.07.2028

Leben mit Bulimie Zwei junge Frauen kämpfen sich zurück ins Leben

Stand:

Bulimie hätte Rachel fast das Leben gekostet. Akazia, eine Therapieeinrichtung für essgestörte Mädchen in Aachen, hat ihr den Weg in ein neues Leben ermöglicht. Gemeinsam mit Lea, die ebenfalls betroffen ist, erzählt sie von Therapie, Rückfällen und dem Druck durch soziale Medien. Ihre Gesichter wollen die beiden Frauen nicht zeigen - wohl aber ihre Geschichten erzählen.

Von
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Claudia Becker

Rachel steckt voller Lebenslust. Die 22-Jährige erzählt begeistert von ihrem Studium der Sozialen Arbeit, von ihrer Familie, ihren Freunden und vom Boxtraining. Unter dem langen dunkelblonden Haar strahlt ein Gesicht, das vor Vitalität und Tatendrang nur so sprüht. Dass dieselbe junge Frau sechs Jahre zuvor lebensgefährlich an Bulimie erkrankt war, ist heute kaum vorstellbar.

Bulimie: Wenn Essen zum Feind wird

Mit 16 ist sie extrem abgemagert. Ihre Periode bleibt aus, überall auf ihrer Haut wächst dichter Flaum - der verzweifelte Versuch ihres Körpers, sich warm zu halten. Trotzdem friert sie bis auf die Knochen, selbst im Hochsommer.

"Das ist ein Frieren - das hat nichts mehr mit Gänsehaut zu tun. Das tut am ganzen Körper entsetzlich weh." Rachel, 22 Jahre

Als Rachel schließlich Blut erbricht, wird sie in die Aachener Uniklinik eingewiesen. Dort bleibt sie zehn Monate lang. Dass sie damals nicht künstlich ernährt werden musste, grenzt aus ihrer Sicht heute an ein Wunder. Langsam begreift Rachel, was sie sich angetan hat. Das Ende einer Talfahrt, die drei Jahre zuvor begonnen hatte.

Der Weg in die Krankheit Bulimie

"Ich war in der Grundschule ein pummeliges Kind. Ich bin jetzt nicht gemobbt worden oder so, aber Sprüche gab es schon. Das hat dann auch weh getan." Mit 13 fasst Rachel einen Entschluss: Sie will abnehmen. Von diesem Moment an kreisen alle Gedanken nur noch darum, dünner zu werden. Sie trifft sich nicht mehr mit Freunden, denn die hätten ja merken können, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Mutter und Bruder in ständiger Angst

Ihre Familie lebt jahrelang in permanenter Angst um sie. Ständig gibt es Streit zu Hause. "Meine Mutter hat mich mehrmals am Tag gefragt, was ich gegessen habe, hat beobachtet, ob ich danach auf die Toilette verschwunden bin. Manchmal habe ich sie damals richtig gehasst." Heute ist Rachel ihrer Familie unendlich dankbar.

"Familien dürfen nicht wegsehen. Und sie müssen sich einmischen. Auch wenn sie dafür erstmal nicht gemocht werden." Rachel, 22 Jahre

Nach der Klinik wird sie an Akazia vermittelt, eine Therapieeinrichtung des diakonischen Netzwerks Wabe in Aachen. Dort werden Mädchen und junge Frauen auf ihrem Weg aus der Essstörung begleitet.

Psychische Erkrankung - Der Weg aus der Bulimie

Ein Jahr lang bekommt Rachel zu Hause Besuch von einer Sozialarbeiterin. Sie erhält einen festen Speiseplan und wird regelmäßig gewogen.

Gina Duyster im Gesräch mit ihrer Klientin

Gina Duyster hat Rachel jahrelang betreut.

Ganz langsam kommt ihre Lebensfreude zurück. "Essen ist Geselligkeit, egal ob mit der Familie oder mit Freunden. Das macht doch Spaß! Das musste ich erstmal wieder für mich entdecken."

Lea kämpft denselben Kampf

Rachel ist eine von vielen. Die 24-jährige Lea studiert ebenfalls Soziale Arbeit und engagiert sich politisch. Sie war zehn Jahre alt, als sie anfing zu erbrechen. Ihre Eltern hatten sich gerade getrennt. Außerdem hat sie eine Missbrauchserfahrung gemacht, über die sie nicht näher sprechen möchte.

Zwei junge Frauen in schwarzen Houdies von hinten

Lea und Rachel reden über ihre Essstörung - zeigen wollen sie sich aber nicht.

Bulimie war ihr Weg, damit umzugehen. Auch Lea landet irgendwann in einer Klinik und später bei Akazia in Aachen - weit weg von ihrer Familie in Frankfurt.

Akazia Aachen: Ein Zuhause auf Zeit

Eine Tafel, auf der der Wochenplan der Wohngruppe steht

In der Wohngruppe gilt ein strenger Menüplan

Sie zieht in ein großes Gründerzeithaus, das Akazia in Aachen unterhält. "In der Klinik haben die gesagt: Du kannst nicht nur ein bisschen wegziehen. Du musst richtig weg." Zehn Mädchen und junge Frauen mit Essstörungen leben hier zusammen. Sie kochen gemeinsam mit den Sozialarbeiterinnen, essen gemeinsam und lernen Schritt für Schritt wieder einen Alltag, in dem die Krankheit nicht mehr alles bestimmt.

Zwischen den stuckverzierten Altbauwänden fühlt sich Lea seit langer Zeit wieder zu Hause. Gleichzeitig beginnt für sie ein streng geregelter Alltag. Sechsmal am Tag wird gemeinsam gegessen - unter Beobachtung. Nach den Mahlzeiten bleibt die Toilette verschlossen, damit sich die Mädchen nicht erbrechen.

"Ich brauchte diese ständige Kontrolle. Ohne die hätte ich es nicht geschafft." Lea, 24 Jahre

Leiterin Gina Duyster erlebt jeden Tag, wie schwer es Familien fällt, ihren Töchtern allein zu helfen. "Die Familien sind oft viel zu nah dran. Das kann nicht funktionieren." Nach ihren Worten könnte Akazia zwei weitere Wohngruppen eröffnen und hätte trotzdem nicht genügend Plätze für alle Mädchen, die Hilfe brauchen. "Manche haben ihre Nächte stehend verbracht, um Kalorien zu verbrennen."

Gina Duyster zu ihrer Arbeit mit Mädchen mit Esstörung

WDR 03:30 Min. Verfügbar bis 17.07.2028

Der Druck der sozialen Medien

Lea ist überzeugt, dass soziale Medien ihre Essstörung zusätzlich befeuert haben.

"Da gibt es selbst ernannte Gesundheitsgurus auf Instagram, die zehn- oder elfjährigen Mädchen erzählen, 1.200 Kalorien am Tag seien gesund. Wenn ich mich dem kaum entziehen kann, wie sollen die das dann schaffen? Das ist so krank!" Lea, 24 Jahre

Sorgen macht ihr noch etwas anderes: die Abnehmspritze. "Wenn Erwachsene, Stars und Influencer sich dünn spritzen und das dann auf Instagram posten - was tut das mit sehr jungen Menschen?" Sie schweigt einen Moment. "Und ich bin ehrlich: Ich hätte die Spritze manchmal auch gern." Lea steckt gerade mitten in den Uni-Prüfungen. Der Stress löst einen Rückfall aus. Innerhalb von vier Wochen verliert sie sechs Kilo. "Ich habe das jetzt wieder im Griff. Aber es ist nicht einfach".

"Ganz weg geht das nie"

Zurück zu Rachel. Ist sie heute geheilt? Rachel überlegt kurz. "Ich gönne mir heute mal eine leckere Pizza. Aber am nächsten Tag verzichte ich dann schon auf Kohlenhydrate, esse mehr Proteine. Also: Ganz weg geht das nicht."

Die Krankheit Bulimie

Bulimie ist eine psychische Erkrankung und laut Therapienetz Essstörung eine Ess-Sucht in Kombination mit Angst vor Gewichtszunahme. Typisch sind Gegenmaßnahmen wie Erbrechen, Abführmittel, Sport oder Hungern. Mehr Informationen findet ihr auf den Infoseiten des Therapienetzes: www.tness.de

Unsere Quellen:

  • WDR-Gespräche mit Rachel und Lea
  • WDR-Gespräch mit der Leiterin Gina Duyster
  • Beobachtungen der WDR-Reporterin vor Ort
  • Therapienetz Essstörung e.V.

Sendung: WDR.de, Bulimie: Zwei Frauen berichten von ihrem Kampf, 16.07.2026, 16:20 Uhr

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