Wie die Flut beinahe seine Existenz zerstörte
WDR. 14.07.2026. 03:20 Min.. Verfügbar bis 14.07.2028.
Wenn Josef Mütter aus dem Fenster in der ersten Etage über seiner Buchhandlung schaut, blickt er direkt auf die frisch renovierte Fußgängerzone in Bad Münstereifel. Optisch erinnert hier kaum etwas an die Flut vor fünf Jahren. Aber dieser Anblick ist für Mütter mit schlimmen Erinnerungen verknüpft.
"Ich sah wie das Wasser immer schneller stieg und hatte Todesangst", sagt er und blickt dabei noch einmal auf die Videos, die er damals von hier oben in der ersten Etage aufgenommen hat. Darauf zu sehen ist auch, wie die Wassermassen ein Auto wie Spielzeug durch die Innenstadt treiben. "Ich spürte wie das Haus wackelte und dachte, wenn es jetzt einstürzt, dann bin ich weg", so Mütter weiter.
Josef Mütters Handyaufnahme der Flut 2021
Hochwasser schließt den Buchhändler ein
Die Wassermassen schließen Josef Mütter damals ein. Er muss die Flutnacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 in seinem Büro, im ersten Stock seines Hauses, verbringen. Erst am nächsten Tag kann er zurück ins Erdgeschoss, zurück in seine völlig zerstörte Buchhandlung. "Überall lagen umgestürzte Regale und hunderte Bücher im braunen Schlamm. Mir wurde schnell klar, hier kann ich nichts mehr retten", erinnert sich Mütter heute.
So wie ihm geht es vielen Händlern in der Innenstadt von Bad Münstereifel. Die Wassermassen zerstören im Juli 2021 nicht nur die Geschäfte, sondern auch die Straße der Fußgängerzone. An vielen Stellen klaffen metertiefe Krater, darin abgebrochene Abwasserrohre. Neben der Innenstadt trifft das Hochwasser auch die mehr als 50 Ortschaften von Bad Münstereifel ähnlich hart.
Der Buchladen am Morgen nach der Flut
Ladengeschäft durch Flutschäden unbrauchbar
Direkt nach der Flutkatastrophe beginnt, mit viel Unterstützung von ehrenamtlichen Helfern, der Wiederaufbau. Während in der Innenstadt viele Geschäfte schon im ersten Jahr nach der Flut wieder öffnen können, sieht das bei Buchhändler Josef Mütter ganz anders aus.
Die Wassermassen haben das mehr als 500 Jahre alte Haus besonders hart getroffen. Die gesamte Statik des Hauses muss aufwendig geprüft und erneuert werden. Das Ladengeschäft wird zur Langzeitbaustelle, die Situation für Josef Mütter zum Kampf um seine Existenz.
Lesung von Bestseller-Autorin Caroline Wahl
Josef Mütter kämpft. Von zuhause aus belieferte er, in den ersten Jahren nach der Flut, Stammkunden mit Büchern und hält sein Geschäft so am Laufen. Nach drei Jahren Überlebenskampf gelingt es ihm dann, die Bestseller-Autorin Caroline Wahl (u.a. 22 Bahnen) für eine Lesung auf seiner Baustelle zu gewinnen.
Für den Buchhändler das erste Event nach der Flut, das ihm wichtige Einnahmen bringt. Es soll ein weiteres Jahr dauern, bis Mütter mit seinem Buchladen zurück in sein altes, nun frisch renoviertes Ladengeschäft ziehen kann.
Wiederaufbau in Bad Münstereifel stockt
Entlang der Einkaufsstraße erinnert heute nichts mehr an die Flut. Straßen, Wege und Mauern sind wieder komplett hergestellt. Der Tourismus ist in die Stadt zurückgekehrt. Aber: "Das Niveau vor der Flut, und nicht zu vergessen vor Corona, ist noch nicht ganz erreicht“, so Johannes Mager von der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Bad Münstereifel. Doch schaut man hinter die Einkaufswelt des Outlets, zu dem viele Geschäfte in der Innenstadt gehören, entdeckt man noch immer Flutschäden und Baustellen.
Von insgesamt 369 einzelnen Baumaßnahmen seien nur 20 Prozent komplett abgeschlossen, so die Stadt. Dies beinhaltet nicht nur die Baumaßnahmen, sondern auch die Abrechnung und Prüfung der Verwendungsnachweise durch die Fördermittelgeber. Der Bau alleine ist bei rund 18 Prozent der Maßnahmen abgeschlossen.
Fünf Jahre nach der Flut: Baustelle vor dem Bahnhof in Bad Münstereifel
Personalmangel als Grund für den stockenden Wiederaufbau
Die Stadt Bad Münstereifel erklärt den schleppenden Wiederaufbau vor allem mit Personalmangel. Die Verwaltung müsse sich nicht nur um Wiederaufbau, sondern vor allem auch um das Tagesgeschäft kümmern:
"Dadurch haben schon viele Mitarbeiter extrem viele Überstunden geleistet." Johannes Mager, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Bad Münstereifel
Geld für neue Stellen sei nicht da. Weder aus der eigenen kommunalen Kasse, noch aus dem Wiederaufbaufonds von Bund und Ländern. Denn Personalkosten dürfen nicht aus dem Fonds bezahlt werden. Deshalb wolle das Land NRW im Haushalt 2027 zusätzlich 15 Millionen Euro für die besonders betroffenen Städte zur Verfügung stellen.
Ein Schritt, den Bad Münstereifels Bürgermeister Sebastian Glatzel begrüßt: "Es ist schon lange der Wunsch der betroffenen Kommunen, dass sie bei der Finanzierung des Personals, das zusätzlich benötigt wird, um den Wiederaufbau zu stemmen, finanziell unterstützt werden." Glatzel weiter: "Wir sind dankbar, dass das nun erhört wurde und das Land dafür Finanzmittel einplanen will."
Nur knapp ein Viertel des Wiederaufbaugelds abgerufen
So konnten bisher nur rund 47 von insgesamt 203,9 Millionen Euro des Wiederaufbaufonds genutzt werden. Denn die Baumaßnahmen seien "sehr komplex und zeitintensiv". Unter anderem müssten Gutachten und Genehmigungen eingeholt und alle Projekte erst einmal ausgeschrieben werden.
Buchhändler rüstet sich für die Zukunft
Heute, fünf Jahre nach der Flut, steht auch Josef Mütter wieder in seiner Buchhandlung. "Ich empfinde gerade unendliche Dankbarkeit", sagt er und empfängt die nächste Kundin. Seinen Laden sollen nun besonders starke Fenster schützen. Diese mussten in allen Geschäfte in der Innenstadt eingebaut werden. Auch wenn es noch eine ganze Zeit dauern wird, bis Mütter alle Schulden wieder abbezahlt hat, blickt er optimistisch in die Zukunft: "Ich bin sicher, dass ich das auch noch schaffe!"
Seinen Frieden mit der Situation hat er heute ausgerechnet an dem Ort gefunden, der ihn vor fünf Jahren fast das Leben und seine Existenz gekostet hat: Die Erft.
Josef Mütter zurück in seiner Buchhandlung
Hinweis der Redaktion vom 17.07.2026, 18:45 Uhr: In einer vorherigen Version des Textes haben wir geschrieben, dass rund 20 Maßnahmen der Stadt in Bau und Planung wären. Das ist nicht korrekt. Es sind 20 Prozent (15 Prozent im Bau und 5 Prozent in der Planung) der 369 Baumaßnahmen. Wir haben das im Text korrigiert. Des Weiteren ist die Stadt sinngemäß aus einem Telefonat zitiert worden mit: "Das kostet viel Zeit, als Privat-Person ist man da viel schneller". Das ist wörtlich so nicht gesagt worden und wurde daher als Zitat aus dem Text gelöscht.
Alle Beiträge über "Fünf Jahre nach der Flutkatastrophe" findet ihr hier:
Unsere Quellen:
- Stadt Bad Münstereifel
- Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen
- Interview mit Josef Mütter, Touristen und Bauarbeitern vor Ort
- Beobachtungen des WDR-Reporters vor Ort
Sendung: WDR.de, Hochwasser in Bad Münstereifel: Wie die Flut beihnahe seine Existenz zerstörte, 14.07.2026, 5:01 Uhr
