5 Jahre danach: Die Flutkatastrophe in Rheinbach

WDR 02:07 Min. Verfügbar bis 14.07.2028

Vergessene Orte nach der Flut 2021 "Ist denn mein Verlust weniger wert?"

Stand:

Das Ahrtal hat durch das Hochwasser 2021 traurige Berühmtheit erlangt und auch die Abbruchkante in Erftstadt hat jeder direkt vor Augen. Doch was ist mit den Orten, die medial weniger präsent waren und trotzdem mit Millionenschäden durch die Flut zu kämpfen haben?

Von Verena Köplin

Ein Auto liegt auf dem Dach, mitten auf einer Brücke. Der Kofferraum steht offen, die Türen verbeult. In der Fußgängerzone liegen Spielsachen, die durch die Wassermassen aus einem Geschäft geschwemmt wurden. Am Ufer eines eigentlich ganz unscheinbaren Flusses, ist die komplette Außenwand eines Wohnhauses aufgerissen. Wie eine klaffende Wunde gibt das Loch
den Blick auf das darin liegende Wohnzimmer und die Küche frei.

Flutschäden und Folgen in Schleiden

Diese Bilder aus dem Juli 2021 sind nicht etwa im Ahrtal entstanden. Sie stammen aus Schleiden in der Eifel. Denn auch hier hat die Flutkatastrophe immensen Schaden angerichtet. Neun Menschen sind durch die Flut ums Leben gekommen, rund 3.000 Haushalte erleiden direkte Schäden durch das Hochwasser. Tausende Menschen tragen körperliche oder seelische Verletzungen davon.

Ingo Pfennings, der Bürgermeister von Schleiden, steht in schwarzem T-Shirt in einem Garten vor Bäumen

Ingo Pfennings, der Bürgermeister von Schleiden

"In den ersten anderthalb Jahren haben wir eigentlich nichts anderes gemacht, als Krisenmanagement", so Bürgermeister Ingo Pfennings, als er bei unserem Interview durch den sattgrünen Garten des Rathauses schlendert. Die Flutkatastrophe fühlt sich hier heute sehr weit weg an. Pfennings sagt, er habe schnell gemerkt, dass es für einige Schäden keine schnelle Lösung geben wird.

"Die Zerstörung sah in Teilen schlimmer aus als nach dem zweiten Weltkrieg" Ingo Pfennings, Bürgermeister von Schleiden

Auch jetzt, fünf Jahre nach der Katastrophe, hat Schleiden noch viel Wiederaufbau vor sich. Dass das so wenig im Blick der Öffentlichkeit steht und in Bezug auf die Flut oft nur vom Ahrtal die Rede ist, sei für die Anwohner in Schleiden sehr schmerzhaft, so Pfennings. "Weil man einfach die Frage gestellt hat: Ist denn mein Schaden oder mein Verlust, gerade wenn ich Angehörige verloren habe, weniger wert als der von da unten? Das ist ein hochemotionales Thema, wo du auch mit einem Wort schon was falsches sagen kannst."

Die Fassade eines Hauses an einem Fluss ist komplett aufgerissen, drinnen sieht man eine Treppe, ein Wohnzimmer und eine Küche

Aufgerissene Hausfassade nach der Flutkatastrophe in Schleiden

Einer, der dieses Gefühl, nicht gesehen zu werden, gut kennt, ist Martin Rick. Er ist einer von vielen Hinterbliebenen. Rick hat bei der Flut 2021 seinen Vater verloren - 50 Kilometer östlich von Schleiden, in Rheinbach. Denn auch hier hat die Flutkatastrophe im Juli 2021 gewütet und insgesamt fünf Todesopfer gefordert. Auch zahlreiche Gebäude - darunter der Campus der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, mehrere Schulgebäude, Vereinsheime, das Rathaus und Einrichtungen der Feuerwehr - werden massiv getroffen.

Rheinbach nach der Flut in Vergessenheit geraten?

Ricks Vater, Josef Schwark, ist 64 Jahre alt geworden. Ein herzlicher Mensch, wie sein Sohn sagt - vor allem im Umgang mit Kindern. Jahrelang hat er als Betreuer bei der Jugendfeuerwehr gearbeitet. Als die Flut 2021 kommt, wird er von den Wassermassen in seinem Keller überrascht.

Martin Rick meint, dass der Drang, etwas zu ändern, direkt nach der Flutkatastrophe sehr viel größer war als heute. "Je länger das Ereignis weg ist, desto mehr gerät sowas in Vergessenheit", sagt er. Dann würden Maßnahmen auf morgen verschoben, und aus Morgen, da werde übermorgen. Er glaubt: Weil die Betroffenheit einfach nicht mehr so stark brennt wie am Anfang. Auch, weil die politischen Protagonisten sich ändern.

Martin Rick und seine Partnerin stehen vor einem Gedenkaltar mit zwei Schwarz-weiß-Fotos vor einem Fenster

Martin Rick und seine Partnerin trauern um seinen Vater

So weit ist der Wiederaufbau in Rheinbach

Daniela Hoffmann, die erste Beigeordnete der Stadt Rheinbach, erzählt, dass die Stadt rund 60 Millionen Euro für den Wiederaufbau braucht. 38 davon sind als Fördergelder bewilligt, aber nur sieben bisher ausgegeben. Das habe allerdings nichts damit zu tun, dass in der Verwaltung etwas in Vergessenheit gerate - ganz im Gegenteil. Auch Hoffmann berichtet, wie anstrengend es sei, immer wieder in Erinnerung rufen und deutlich machen zu müssen, dass der Wiederaufbau ein bis heute andauernder Kraftakt sei - insbesondere mit 10 Millionen Euro Haushaltsdefizit und sehr überschaubarem Personal.

"Wenn es akut ist und das Blaulicht durch die Straßen fährt, dann nimmt es jeder wahr. Der Schock ist dann groß, da ist dieses Gefühl, helfen zu müssen. Wenn diese Situation dann erstmal bewältigt ist, dann sieht keiner mehr, wieviel vom Marathonlauf noch übrig ist." Daniela Hoffmann, erste Beigeordnete der Stadt Rheinbach

Und der steht zusätzlich noch unter jeder Menge Zeitdruck. Das Förderprogramm zum Wiederaufbau läuft bis 2030. Bis dahin müssen die Maßnahmen umgesetzt und abgerechnet sein. Und das sei gar nicht so leicht. "Bauprojekte, die komplex zu planen und umzusetzen sind, hat man nun mal nicht in einem halben Jahr fertig", so Hoffmann.

Schleiden kann letzte Container-Kita schließen

Allerdings - da ist man sich in Rheinbach und in Schleiden einig - gibt es auch schon viele Wiederaufbau-Projekte, auf die die Kommunen stolz sein können. "Was mich besonders freut, ist, dass in diesem Sommer ein großer Kindergarten fertig wird", sagt Schleidens Bürgermeister Ingo Pfennings. Schleiden habe damals den Fokus auf Kinder gesetzt, weil die durch eine Brandserie und die darauffolgende Coronapandemie, bereits vor der Flut sehr viel ertragen haben müssen.

Wiederaufbau in Schleiden nach der Flut 2021

WDR 14.07.2026 00:47 Min. Verfügbar bis 14.07.2028

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"Deswegen war uns wichtig, als erstes Sporthallen, Schulen und Kindergärten wieder in Betrieb zu setzen - und wenn es mit Containerlösungen ist", so Pfennings. Dass davon die letzte im September geschlossen werden kann, sei für Schleiden ein Meilenstein, Pfennings weiter.

In Rheinbach ist die Sanierung des Rathauses abgeschlossen, kürzlich ist das modernisierte Dienstgebäude des Betriebshofs wieder in Betrieb gegangen. Außerdem gibt es seit diesem Jahr eine erste Hochleistungspumpe, die insbesondere den Ortsteil Flerzheim besser vor Starkregenfällen schützen soll. "Wir sind noch nicht über die Halbzeit", so Hoffmann. "Für die Zukunft würden wir uns mehr Vertrauen in die Kommunen vor Ort, schlankere Prozesse und eine schnellere Bewilligung der notwendigen Mittel wünschen. Es ist noch viel zu tun."

Unsere Quellen:

  • Deutschland Museum DM GmbH
  • Rhein-Voreifel-Touristik e.V.
  • Stadt Rheinbach
  • Stadt Schleiden
  • Interview mit Ingo Pfennings, Bürgermeister Stadt Schleiden
  • Interview mit Daniela Hoffmann, erste Beibeordnete der Stadt Rheinbach
  • Interview mit Martin Rick, Hinterbliebener

Sendung: WDR.de, 5 Jahre danach: Die Flutkatastrophe in Rheinbach, 14.07.2026, 5:01 Uhr
Sendung: WDR.de, Wiederaufbau in Schleiden nach der Flut 2021, 14.07.2026, 5:01 Uhr

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