Streit um den Bundeswehr-Ausbau in Aachen
Bildquelle: WDR / imago images/Noah Wedel / Montage: WDRWDR. 4 Min. 8 Sek.. Verfügbar bis 21.09.2028.
Zuletzt kamen rund 4.000 neue Soldaten innerhalb eines Jahres dazu. Die Bundeswehr soll schlagkräftiger werden und wächst. Das zeigt sich auch in Aachen: Die Leo-Löwenstein-Kaserne am Kornelimünsterweg und drei weitere Kasernen in der Umgebung profitieren von Investitionen des Bundes. 1,2 Milliarden Euro sollen so nach Aachen und Eschweiler fließen. In allen vier Kasernen gibt es Standorte der Technischen Schule des Heeres.
Diese eigentlich gute Nachricht wird jetzt zum Streitpunkt. Der Grund: Die Löwenstein-Kaserne im Aachener Süden soll wachsen - und dafür müsste das Landschaftsschutzgebiet Beverau zumindest teilweise weichen. Für die Gegner besonders bitter: Rein rechtlich könnte die Bundeswehr auf der Beverau bauen - ob Stadt und Bewohner das gut finden oder nicht.
Klimaschutz: Beverau Wichtige Kaltluftschneise für Aachen
Die Beverau ist letztlich eine große Wiese, direkt angrenzend an die Leo-Löwenstein-Kaserne. Wenn hier in den nächsten Jahren Bagger anrollen sollten, könnte aus der noch naturbelassenen Wiese ein militärisches Gelände werden. Für Anwohner und die "Bürgerinitiative zum Schutz der Beverau" ist die Bebauung dieses Grüngürtels ein No-Go.
Diese Grafik zeigt die Frischluftschneise in der Beverau
Bildquelle: WDRJeanette McGrath von der Bürgerinitiative erklärt, dass dieser Grüngürtel seit Jahrhunderten besteht und aus guten Gründen nie angetastet wurde. Auf der Aachener Stadtkarte ist das Geände direkt als großer, grüner Fleck erkennbar. Dieser unbebaute Flecken diene als Frischluftschneise für Aachen. Damit wäre, wenn hier gebaut würde, Schluss.
"Wenn man hier nach oben kommt - von unten aus dem Frankenberger Viertel, dann merkt man das direkt. Der Wind weht durch die Haare und es ist viel kühler." Jeanette McGrath, Bürgerinitiative zum Schutz der Beverau
Technische Schule des Heeres: Marode Bundeswehr in Aachen
Die Bundeswehr wird in den kommenden Jahren personell weiter wachsen, das betrifft auch die Ausrüstung. Und weil die vier Kasernen die Standorte der Technischen Schule des Heeres sind, sind die Gelände zumindest aus Sicht der Streitkräfte unverzichtbar. Schulkommandeur Stephan Kurjahn erklärt, dass an den Standorten für die gesamte Bundeswehr Soldaten in der Wartung ausgebildet werden: "Wie setze ich einen Panzer instand, wie setze ich ein Radfahrzeug instand? Das geht vom Panzer bis zum Stromerzeuger."
"Aachen ist einzigartig in der Bundeswehr" Stephan Kurjahn, Brigadegeneral und Schulkommandeur
Heißt: Ohne Aachen wüsste in der Bundeswehr also kein Soldat, wie sie ihre Ausrüstung reparieren oder wieder instand setzen sollten. Dazu kommt: In Aachen sollen zukünftig auch Grundwehrdienstler ausgebildet werden. Bisher stünden die noch vor zu kleinen und in die Jahre gekommenen Gebäuden.
Kaserne der Bundeswehr: Mehr Soldaten und baufällige Hallen
Eine Mammutaufgabe, die der Bund in den kommenden Jahren mit 1,2 Milliarden Euro meistern möchte. Zuallererst geht es dabei um Modernisierung oder Neubau der alten Hallen. Viele sind aus den 1960er und -70er Jahren. Die wurden damals mit einer geplanten Lebenszeit von 30 Jahren hochgezogen.
Mittlerweile verhindern vielfach nachgerüstete Stützen und Balken, dass die Dächer nicht einstürzen. Das Problem: In diese Hallen passt kein modernes Fahrzeug mehr. Eine Ausbildung an größerem technischem Gerät ist damit nicht möglich. Selbst Gebäude, die äußerlich noch einen guten Eindruck machen, sind nicht mehr für die neuen modernen Waffensysteme geeignet.
"Wir brauchen dringend neue Infrastruktur." Jens Grabowski, Oberst
Der stellvertretende Schulkommandeur Jens Grabowski erklärt das in einer Halle, in der bis jetzt an der Technik des Kampfpanzers Leopard II geschult wird: "Die Deckenhöhe oder die Durchfahrtsbreiten von den Toren sind limitiert. Wir kommen teilweise mit dem neuen Gerät da nicht durch." Schon jetzt bleibe an den Einfahrtstoren nur wenige Zentimeter Luft, wenn der Kampfpanzer Leopard durchfahren muss. Auch der installierte Hallenkran wird den gewachsenen Anforderungen nicht mehr gerecht: Die Traglast reiche nicht aus.
Oberst Jens Grabowski (rechts im Bild) in einer baufälligen Halle in der Lützow-Kaserne
Bildquelle: WDRDas Problem: In dem Moment, in dem neu gebaut wird, soll die Ausbildung der Soldaten anderswo stattfinden. Darum benötigt die Bundeswehr nach eigenen Angaben schnell mehr Fläche. Spätestens mit dem Ausbau von derzeit 186.400 auf bundesweit 260.000 Soldaten wird dann jeder Quadratmeter gebraucht.
Die Schulung von Soldaten in der Wartung der Geräte und Fahrzeuge erfolgt seit vielen Jahren in der Lützowkaserne. (Archiv)
Bildquelle: Rainer Jensen/dpaAachen und die Bundeswehr: Die Stadt sitzt auf der Zuschauerbank
Die Stadt Aachen ist per Gesetz quasi auf die Zuschauerbank gesetzt worden. Sie darf nur eine Stellungnahme abgeben. Aber die ist ziemlich eindeutig, sagt Aachens Oberbürgermeister Michael Ziemons (CDU): "Die Bundeswehr selber hat auf ihrer Internetseite im Verteidigungsministerium Flächen identifiziert, die sie reserviert hat für einen möglichen Ausbau der Bundeswehr. Und das ist auch öffentlich einsehbar und das steht für unsere Region Camp Astrid in Eschweiler drin. So dass wir natürlich sagen, wenn ihr diese Fläche noch reserviert habt, ja dann nutzt sie doch und nicht hier bei uns Flächen, die wir für das Klima in unserer Stadt brauchen."
Klimaschutz in Aachen: Stadt und Bürger sind sich einig
Auch für die Bürgerinitiative ist klar: Wenn es Alternativen zur Beverau gibt, dann sollten die auch in die engere Wahl kommen. Denn für das Stadtklima ist diese Grünfläche wichtig, was wissenschaftliche Untersuchungen bestätigt haben. Die Entscheidung liegt aber letztlich beim Bundesverteidigungsministerium.
Landschaftsschutzgebiet Beverau
Bildquelle: WDRGesetzliche Hintergründe
Seit Oktober 2025 regelt das Baugesetzbuch:
§37: "Handelt es sich dabei um Vorhaben, die dienstlichen Zwecken der Bundeswehr oder der verbündeten Streitkräfte, (...) dienen, (...) entscheidet das zuständige Bundesministerium (...)."
Im Klartext heißt das: Verweigert eine Gemeinde ihr Einvernehmen für ein militärisches Bauprojekt im Gemeindegebiet, kann sie faktisch überstimmt werden. Es entscheidet die höhere Verwaltungsbehörde im Rahmen eines reinen Zustimmungsverfahrens. Die Gemeinde muss laut §37 lediglich vorher angehört werden.
Unsere Quellen:
- Stadt Aachen
- Bundeswehr Technische Schule des Heeres in Aachen
- Bürgerinitiative zum Schutz der Beverau
- Internetseite Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz
- Pressemitteilung Bundesverteidigungsministerium
- Baugesetzbuch
- Eindrücke des WDR-Reporters vor Ort
Sendung: WDR.de, Streit um Bundeswehr-Ausbau in Aachen, 21.09.2026, 12:23 Uhr
