Silvia Johnen aus Simmerath ist neben einem Kriegsgefangenlager aufgewachsen.
Bildquelle: Sabine Rieck / WDR2 Min. 44 Sek.. Verfügbar bis 24.09.2028.
„Da sagte meine Mutter zu mir: Da ist schon wieder einer gestorben.“ Silvia Johnen ist heute 88 Jahre alt. Sie war etwa vier Jahre alt, als sie das Kriegsgefangenenlager neben dem Garten ihrer Eltern wahrnahm. Damals verstand sie nicht, was dort geschah. Die Bilder und Worte ihrer Mutter sind geblieben.
NS-Lager in Simmerath-Strauch: Ein ganzes Dorf schweigt
Etwa 200 polnische, sowjetische und französische Kriegsgefangene wurden während des Zweiten Weltkriegs in Strauch festgehalten. Sie mussten unter anderem Kartoffeln ernten und schwere Waldarbeiten verrichten. Mehr als 76 Menschen starben im Lager, zwischen 1941 und 1943.
Zu Zeiten des Kriegsgefangenenlagers war Silvia Johnen vier Jahre alt.
Bildquelle: WDRViele der überwiegend sowjetischen Gefangenen, aus der Ukraine und Russland, wurden nach ihrem Tod in Granatlöcher geworfen oder im Wald verscharrt. Auch Hunger und Kälte hat Silvia Johnen nicht vergessen. Ihre Mutter versuchte, den Gefangenen heimlich etwas zu essen zu geben.
Meine Mutter hat ihnen heimlich Butterbrote gemacht. Die waren dick geschnitten. Silvia Johnen, Zeitzeugin
"Wir kriegten immer die dünnen Brote. Meine Mutter sagte: Ich darf denen nicht was zu essen geben. 'Sag das keinem!'“ Silvia Johnen schwieg. Und mit ihr lange Zeit viele andere im Dorf. Selbst in der schrifltichen Dorfchronik wurde das Lager kaum erwähnt.
Mahnmal für NS-Gefangene: Erinnerung wird sichtbar
Erst jetzt haben sich Geschichtsinteressierte im Dorf mit dem Lager beschäftigt. Zeitzeugen wurden befragt, Historiker recherchierten. Eine Arbeitsgruppe setzte sich schließlich für ein Mahnmal ein.
Ein Mahnmal und eine Info-Tafel erinnern an das ehemalige Kriegsgefangenlager in Strauch.
Bildquelle: Sabine Rieck/WDRHeute stehen am ehemaligen Lagerplatz grafische Darstellungen der Baracken aus Stahlblech. Eine Informationstafel erzählt von den Gefangenen und ihrem Schicksal. "Dort, wo das Mahnmal jetzt zu sehen ist, standen die Baracken", erklärt Ortsvorsteher Daniel Scheen-Pauls berührt.
Unser heutiger Dorfplatz war der Appellhof des Lagers. Daniel Scheen-Pauls, Ortsvorsteher
Für Silvia Johnen ist das Mahnmal mehr als ein Zeichen im Dorf. Es macht öffentlich, worüber lange geschwiegen wurde. „Ich habe mich ehrlich gefreut darüber. Das Lager soll nicht in Vergessenheit geraten.“
Unsere Quellen:
- WDR-Gespräche mit Dorfbewohnern
- WDR-Gespräch mit Zeitzeugin Silvia Johnen
- WDR-Gespräch mit Ortsvorsteher Daniel Scheen-Pauls
Sendung: WDR.de, NS-Lager in Simmerath: Ein ganzes Dorf hat geschwiegen, 24.09.2026, 17 Uhr
