Simone Borsten verlässt den Weißen Ring
WDR. 04:00 Min.. Verfügbar bis 24.06.2028.
Manche der Fälle kann Simone Borsten nicht vergessen. Will sie auch nicht vergessen. In den sechs Jahren, die sie beim Opferschutz tätig war, waren es so viele tragische Geschichten von Menschen, denen Schlimmes angetan wurde. Zwei davon, die sie im Auftrag des Weißen Rings betreut hat, haben sich ihr besonders eingebrannt.
Neben einem Sexualdelikt an einem kleinen Kind geht es auch um einen Tötungsdelikt. Zu den Hinterbliebenen hat sie immer noch Kontakt. Sie versucht weiter zu helfen. Mit Tipps, Ratschlägen und damit, immer ansprechbar für die Betroffenen zu sein.
"Es war ein Full-Time-Job"
Das ist für sie auch der zentrale Punkt, wenn es um gute Arbeit im Opferschutz geht. Wie viele Fälle sie in ihrer Zeit tatsächlich begleitet hat, sagt sie nicht. Es gehe nicht um Statistik, es gehe immer um Menschen, denen geholfen werden soll. Es war ein Full-Time-Job.
"Der direkte, menschliche Kontakt bleibt in Notsituationen unersetzlich." Simone Borsten
Simone Borsten (r.) hat Stalking-Opfer Tinka in ihrer Notsituation Kraft gegeben.
Wie tief die Schicksale gehen, zeigt der Fall von Tinka, einem von Simone Borsten betreuten Stalkingopfer. Ihr Fall steht exemplarisch für viele Betroffene, die sich vor Gericht oder auf der Flucht oft völlig alleingelassen fühlen. Simone Borsten hat mit Tinka ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Das zeige, so Borsten, die Notwendigkeit von Nähe.
Rat in der Not: Stalking-Opfer am Telefon
Tinka erzählt von ihrer Flucht vor dem Stalker: In einem Vorgarten versteckte sie sich. Mehrmals ruft sie die Polizei an. Doch die müssen sie vertrösten. Andere Fälle sind gerade wichtiger. In der Situation war es Simone Borsten, die ihr über das Telefon die Kraft gab, ruhig auszuharren und nicht in Panik zu verfallen.
"Opfer sind vielfach hilflos, wenn man sie alleine lässt." Tinka (betroffenes Stalkingopfer)
Der Opferschutz in Deutschland und in NRW wird stetig ausgebaut, aber für Simone Borsten stimmt die Richtung nicht mehr. Für sie rückt der direkte Austausch mit den Opfern immer weiter in den Hintergrund. Laut ihr einer der Gründe, sich aus der Opferschutz-Arbeit mit dem Weißen Ring zurückzuziehen.
Der Weiße Ring: Hilfe seit mehr als 50 Jahren
Der Weiße Ring gilt seit fünfzig Jahren als zentrale Anlaufstelle für Kriminalitätsopfer und schult seine rund 3.000 ehrenamtlichen Helfer intensiv an der hauseigenen Akademie. In Aachen sitzt eine von rund 400 Außenstellen in Deutschland.
Auch Simone Borsten hat hier gelernt, sich durch den rechtlichen Dschungel zu kämpfen, die richtigen Anträge auszufüllen und die passenden Ansprechpartner zu finden. Kein Opfer einer Straftat sei geschult worden. Opfer hätten weder die Zeit noch die Kraft, sich mit diesem Opferschutz-System auseinander zu setzen.
Die Zusammenarbeit mit der Polizei lobt Simone Borsten. Auch wenn die nicht immer da sein können, wenn man sie braucht. Kritisch schaue sie auf die hohen bürokratischen Hürden und die starren Strukturen im System.
Ein Abschied, aber kein Ende der Hilfe
Das Justizzentrum Aachen
Die Kritik ist nicht neu. Schon die ehemalige Opferschutzbeauftragte von NRW bemängelte, dass Richter und Staatsanwälte Opfer oft nur als bloße Zeugen und nicht als Menschen sehen, denen tiefes Unrecht geschehen ist.
Zudem belegen Dunkelfeldstudien des Bundeskriminalamtes das Ausmaß des Problems: Bei häuslicher Gewalt werden schätzungsweise nur fünf Prozent der Fälle angezeigt. Wer den Weg durch die Instanzen wählt, erlebt den Prozess wegen mangelnder Sensibilität oft als zweite traumatische Belastung - eine sogenannte sekundäre Viktimisierung.
Opferschutz muss menschlich bleiben
Vieles wird beim Weißen Ring online oder über anonyme, zentrale Servicenummern abgewickelt. Für Borsten geht damit genau das verloren, was sie für wichtig hält - die ständige Erreichbarkeit und der direkte, menschliche Kontakt in akuten Notsituationen.
Unsere Quellen:
- Treffen mit Simone Borsten und Tinka
- Polizei Aachen
- Internetrecherche
Sendung: WDR.de, Simone Borsten verlässt den Weißen Ring, 25.06.2026, 7:03 Uhr