Seit Jahren kämpfen Kirchen- und Wohlfahrtsverbände, Vereine, Fachleute für Psychiatrie und Privatpersonen dafür, dass die Müngstener Brücke abgesichert wird. Denn das Wahrzeichen des Bergischen Landes gilt gleichzeitig als Ort, an dem es immer wieder zu Suiziden kommt. Das wurde in den vergangenen Wochen einmal mehr deutlich, als sich mehrere Menschen das Leben genommen haben.
Radar soll Gefahr erkennen, bevor sie entsteht
Schon vor Betreten der Brücke werden Fußgänger mit großen Schildern gewarnt. "Achtung Lebensgefahr! Betreten verboten! Dieser Bereich wird von der Polizei überwacht" steht darauf, außerdem zwei Telefonnummern der Telefonseelsorge. Wer trotzdem weitergeht, hört über Lautsprecher eine weitere Warnung. Auch die Notfallleitstelle der Deutschen Bahn wird informiert.
Darüber hinaus sollte automatisch eine Information an die Bundespolizei und Feuerwehr rausgehen. Auf WDR-Anfrage bestätigt die Bahn, dass an dieser Funktion derzeit gearbeitet wird. In Kürze solle sowohl der Fahrdienstleister in Remscheid gewarnt werden, damit die Gleise direkt gesperrt werden können, als auch die Behörden informiert werden. Ein Bahnsprecher betont aber auch, dass die Anlage offizielle Kommunikationswege mit Polizei und Feuerwehr weder ersetzen könne noch dürfe.
Müngstener Brücke: Ort mit dringendem Bedarf an Suizidprävention
Stefan Böhm hat schon mehrfach Menschen im Park unterhalb der Brücke gefunden
Bildquelle: Inke KösterBald sollen also auch die Behörden durch die Anlage informiert werden. "Und selbst wenn", sagt Stefan Böhm, "bis die hier sind, ist es doch längst zu spät." Böhm ist Besitzer des Kiosks und der Minigolfanlage am Fuße der Brücke. Schon mehrfach hat er Suizidenten im Müngstener Brückenpark aufgefunden. So wie auch diese Woche. Am Abend desselben Tages habe sich dann noch eine weitere Person das Leben genommen, berichtet er. Die Polizei bestätigt beide Fälle, insgesamt zählt sie sechs Fälle alleine in diesem Jahr.
"Die bisherige Technik bietet offensichtlich keinen ausreichenden Schutz", resümiert Stefan Böhm in seinem offenen Brief an die Deutsche Bahn, sowie an die Oberbürgermeister von Solingen und Remscheid - die Städte, die durch die Müngstener Brücke miteinander verbunden werden. Er verlangt "eine öffentliche Stellungnahme und das Aufzeigen konkreter Lösungswege".
Schutzmaßnahmen frisch installiert
Fabian Christoph von der Bahntochter DB InfraGO zeigt im Frühjahr das Warnschild auf der Müngstener Brücke
Bildquelle: DB AG, Dirk PohlmannErst im Frühjahr hatte die Deutsche Bahn als Eigentümerin der Brücke ihre neue bundesweit einmalige Radaranlage präsentiert, überzeugt davon, dass sich damit Suizide zukünftig verhindern lassen. "Wir sammeln jetzt Erfahrungen", sagte Fabian Christoph von der Bahntochter DB InfraGO, die für die Schieneninfrastruktur und damit auch für die Müngstener Brücke tätig ist, damals.
Bündnis "Suizidprävention Müngstener Brücke" fordert weitergehende Maßnahmen
In den vergangenen Jahren waren Schutzmaßnahmen rund um die Brücke immer wieder Thema. Vor einem guten Jahr hatte sich eigens das Bündnis "Suizidprävention Müngstener Brücke" gegründet.
Immer wieder versucht das Bündnis mit Aktionen für die Suizid-Problematik an der Müngstener Brücke zu sensibilisieren
Bildquelle: WDR/Inke KösterDarin vertreten sind unter anderem betroffene Angehörige, Wohlfahrts- und Kirchenverbände, die Telefonseelsorge sowie Fachleute der Psychiatrie und Einzelpersonen. Das Bündnis hatte die neue Radar-Anlage der Deutschen Bahn zwar begrüßt, war aber skeptisch, ob diese Maßnahme ausreichen würde.
Die Verantwortlichen wünschen sich nach wie vor weitergehende Maßnahmen, zum Beispiel Auffangnetze ähnlich derer an der Golden-Gate-Bridge in den USA. Nach den jüngsten Ereignissen sehen sie sich in ihrer Skepsis bestätigt.
Sorge auch über unbeteiligte Menschen
Stefan Böhm, ebenfalls Mitglied im Bündnis, sorgt sich außerdem, dass irgendwann auch Unbeteiligte verletzt oder sogar getötet werden könnten. "Da führt ja ein Weg unter der Brücke entlang. Auf der Wiese unter der Brücke picknicken Familien. Da muss nur mal jemand am helligten Tag springen."
Die Deutsche Bahn betont auf WDR-Anfrage, dass solche Auffangnetze "aus Gründen der Statik, der Windlasten und der Wartung der Brücke" nicht möglich seien. Auf Remscheider Seite sei allerdings schon ein Zaun errichtet, der noch diesen Monat auch auf Solinger Seite der Brücke aufgestellt werden soll.
Simone Henn-Pausch ist Notfall-Seelsorgerin in Solingen
Bildquelle: Inke KösterSimone Henn-Pausch, Notfall-Seelsorgerin in Solingen und ebenfalls Mitglied im Bündnis "Suizidprävention Müngstener Brücke" hat eine andere Vermutung. "Die Brücke ist mit Netzen vielleicht weniger schön zu fotografieren und dann auch weniger gut zu vermarkten. Im Hinblick auf die Bewerbung für das Weltkulturerbe ist das natürlich schlecht."
Die Städte Remscheid und Solingen haben am Dienstagabend, 11. August, mit einer Pressemitteilung reagiert. Darin heißt es, die Städte würden den offenen Brief "sehr ernst" nehmen. Den Oberbürgermeistern Flemm und Wolf sei die gemeinsame Verbesserung der Prävention vor Ort ein "tiefes, persönliches Anlegen". Daher begrüße man ausdrücklich, dass die Bahn ihre Schutznahmen weiterentwickle.
Hier gibt es Hilfe bei Suizidgedanken
Wer sich mit Suizidgedanken trägt, empfindet seine persönliche Lebenssituation als ausweglos. Doch es gibt eine Fülle an Angeboten zur Hilfe und Selbsthilfe, auch anonym.
Telefonseelsorge
Die Telefonseelsorge ist unter den Rufnummern 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 sowie 116 123 rund um die Uhr erreichbar. Sie berät kostenfrei und in jeder Hinsicht anonym. Der Anruf hier findet sich weder auf Ihrer Telefonrechnung noch im Einzelverbindungsnachweis wieder.
Menschen muslimischen Glaubens können sich an das muslimische Seelsorgetelefon wenden. Es ist ebenfalls kostenfrei und anonym 24 Stunden am Tag unter der Rufnummer 030/44 35 09 821 zu erreichen.
Chat der Telefonseelsorge
Die Telefonseelsorge bietet Betroffenen auch die Möglichkeit an, sich Hilfe per Chat zu holen. Dazu meldet man sich auf deren Webseite an.
E-Mail-Beratung der Telefonseelsorge
Menschen mit Suizidgedanken können sich auch an die E-Mail-Beratung der Telefonseelsorge wenden. Der E-Mail-Verkehr läuft über die Webseite der Telefonseelsorge und ist deshalb nicht in Ihren digitalen Postfächern zu finden.
Anlaufstellen für Opfer von häuslicher Gewalt
Das Hilfetelefon ist anonym, kostenfrei und rund um die Uhr unter 08000 116 016 erreichbar.
Der Weiße Ring bietet ebenfalls einen anonymen Telefondienst unter 116 006 sowie eine Online-Beratung.
Überblick auf Hilfsangebote
Darüber hinaus hat die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention (DGS) zahlreiche Informationen zu Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen und sozialpsychiatrischen Diensten aufgelistet, an die sich Suizidgefährdete und Angehörige wenden können, um Hilfe zu erhalten. Entsprechende Informationen finden Sie unter nachfolgendem Link.
Unsere Quellen:
- Offener Brief von Stefan Böhm
- Gespräch mit Stefan Böhm
- Gespräch mit Simone Henn-Pausch, Notfallseelsorgerin und Mitglied im Bündnis für Suizidprävention Müngstener Brücke
- Polizei Wuppertal
- Deutsche Bahn
- Vorherige WDR-Berichterstattung
Sendung: WDR 2, WDR 2 für das Bergische Land, 11.08.2026, 16:30 Uhr