Preis für inklusive Mode geht an Bielefelder Studentin
Bildquelle: Tilo Guétard-IsoreWDR. 15.09.2026. 4 Min. 2 Sek.. Verfügbar bis 15.09.2028.
Passgenaue Sportkleidung für eine Rollstuhl-Mannschaft, hergestellt aus alten Fußballtrikots: Damit ist die HSBI-Studentin vor vier Jahren zum ersten Mal in die Schlagzeilen geraten. Diesmal hat sie High-Fashion im Astronauten-Look für Menschen mit und ohne Behinderung entworfen. Und verdient sich damit einen hochkarätigen Pariser Modepreis.
Wie hat sich das angefühlt, den Preis entgegenzunehmen, Frau Niemann?
"Das war total aufregend und super spannend für mich. Ich wusste ja gar nicht, was mich erwartet. Das war auch das erste Mal, dass ich meine Prototypen mitgenommen habe, um etwas aus meiner Kollektion öffentlich zu zeigen. Ich habe mich darüber total gefreut. Vor allem auch nach Paris eingeladen zu werden, ins Zentrum der Modewelt."
Die Ironie des Schicksals: Ausgerechnet zur Preisverleihung für inklusive Mode sind Sie wegen einer Verletzung selbst mit Krücken angereist. Nehmen Sie aus der Erfahrung etwas für Ihre eigene Arbeit mit?
"Ich war vor allem erstmal aufgeregt, ob das trotz der Gehhilfen alles klappen würde. Da habe ich mir vorher ein bisschen einen Kopf gemacht, aber vor Ort hatte ich zum Glück ganz viel Hilfe. Zum Beispiel dabei, die Kollektion aufzuhängen oder auch einzelne Teile nochmal zu bügeln."
Ihren Preis nimmt Isabel Niemann (links) auf Krücken entgegen.
Bildquelle: Tilo Guétard-Isore"Meine Arbeit basiert ja schon viel auf Beobachtungen und auch auf Selbst-Erfahrung. Als ich mit der inklusiven Mode angefangen habe, habe ich mal bei einem Rollstuhl-Fußballteam mitgespielt. Dadurch habe ich gemerkt, wie unangenehm sich zum Beispiel die Nähte von normalen Hosen in die Haut drücken, wenn man im Rollstuhl sitzt."
"Solche Erfahrungen sind super wichtig für mich. Und da kommt man nur ran, wenn man selbst Dinge ausprobiert oder erlebt. Jetzt in der Zeit, in der ich die Krücken und die riesige Bandage am Fuß hatte, musste ich mich plötzlich fragen, wie ich überhaupt vernünftig eine Hose anziehe oder wie ich gut Dinge transportieren kann. Dann ist man immer wieder auf Hilfe angewiesen."
Wie fühlt es sich an, jetzt schon als Studentin einen solchen Preis zu gewinnen, dafür dass man Mode gestaltet, die solche Lebenslagen berücksichtigt?
"In erster Linie habe ich mich einfach gefreut, dass es überhaupt einen Preis gibt, der inklusive Mode so wertschätzt. Und dass es Menschen in der Branche gibt, denen das wichtig ist."
Den Modepreis erhielt Isabel Niemann für ihre Bachelor-Kollektion.
Bildquelle: Hochschule Bielefeld / P. Pollmeier"Den Preis zu gewinnen ist natürlich eine tolle Bestätigung für meine eigene Arbeit. Ich hab mich da wirklich sehr wertgeschätzt gefühlt. Das motiviert mich natürlich auch, da weiter dranzubleiben."
Welche Rolle spielt Inklusivität denn generell in der Modewelt?
"In den letzten Jahren hat sich da einiges getan. Es gibt mittlerweile mehr Angebote und mehr Möglichkeiten konkret nach Mode und Kleidung zu suchen, die zum Beispiel für Menschen im Rollstuhl konzipiert wurde. Und immer mehr Modeschaffende denken das auch mit."
"Aber die Branche macht definitiv noch nicht genug. Vor allem im Bereich Fast Fashion wird ja fast nur für standardmäßige Konfektionsgrößen produziert. Die sind ja nicht mal auf die verschiedenen Körperformen ausgerichtet, die es gibt. Geschweige denn auf die Bedarfe von Menschen mit Behinderung.
Und selbst wenn bei Werbekampagnen dann Menschen mit Behinderung in den Foto-Shootings auftauchen, wurden sie oft bei der Entwicklung der Mode überhaupt nicht einbezogen."
Bei ihrer Sportkollektion für Rollstuhlfahrende hat sie eng mit dem Team zusammengearbeitet.
Bildquelle: Hochschule Bielefeld / Sarah Jonek"Wenn man das richtig machen will, steckt da viel Aufwand hinter: Dinge ausprobieren und wieder verwerfen, immer wieder Feedback einholen, Lösungen finden und wirklich Neues wagen. Das kostet natürlich Zeit und man muss sich darauf einlassen können."
Genau das haben Sie für Ihre preisgekrönte Kollektion getan. Warum überhaupt?
"Ich habe in der ganzen Zeit total eng mit meinen Models zusammengearbeitet. Alle meine Ideen haben wir in der Praxis getestet und geschaut, ob die Stücke wirklich gut sitzen, ob sie einen funktionalen Mehrwert bieten und nicht nur auf dem Foto gut aussehen."
"Dabei sind dann auch experimentellere Sachen entstanden. Eins meiner Models nutzt ein Exoskelett, um gehen zu können. Das wollte ich gern in Szene setzen und habe deshalb eine Hose entworfen, die sich daran anpasst. Die Hose haben wir viel getestet, indem er in der Hochschule über die Flure gelaufen ist und mir dann gesagt hat, wie es klappt."
Die Kollektion im Astronauten-Look berücksichtigt Menschen mit und ohne Behinderung.
Bildquelle: Hochschule Bielefeld"Ich möchte Mode machen, die einen langfristigen Mehrwert hat und nicht nur einer kleinen privilegierten Gruppe zugutekommt. Inklusive Mode gibt es einfach noch nicht so häufig, aber ich habe gemerkt, dass es da ganz viele Menschen gibt, die natürlich auch tolle Kleidung haben wollen, die gut aussieht und ihren Bedürfnissen entspricht."
Unsere Quellen:
- Interview mit Isabel Niemann
- Hochschule Bielefeld
Sendung: WDR.de, "Die Branche macht noch viel zu wenig", 15.09.2026, 05:02 Uhr
