Mit Grundsicherung zurück ins Leben

3 Min. 30 Sek. Verfügbar bis 09.09.2028

Grundsicherung mit 20 "Ich wusste nicht, ob ich den nächsten Tag überlebe"

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Monatelang war Alexandra Riepe obdachlos. Heute lebt die 20-Jährige von Grundsicherung und kämpft sich zurück ins Leben.

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Iman Uysal

Kopfhörer rein, Musik aufs Ohr und dann ein paar Schritte am Düsseldorfer Rheinufer entlang - für Alexandra Riepe ein Weg, den Kopf freizubekommen. Wenn alles zu viel wird, kommt die 20-Jährige nach Golzheim.

Die junge Frau bezieht Grundsicherung. Ohne die Leistung, sagt sie, hätte sie kaum eine Chance gehabt, wieder Fuß zu fassen. Noch vor einem Jahr wusste Riepe oft nicht, wo sie die nächste Nacht verbringen würde. "Man wusste gar nicht: Überlebe ich den nächsten Tag? Wo bekomme ich etwas zu essen? Wo bekomme ich etwas zu trinken? Das zieht einen runter, weil man keinen festen Platz hat", erzählt sie.

Dabei sah ihr Leben nach dem Realschulabschluss zunächst ganz anders aus. Riepe beginnt eine Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten. Zwei Jahre lang zieht sie es durch, dann verschlechtert sich ihr psychischer Zustand dramatisch.

Wegen einer schweren Depression kann sie immer seltener zur Arbeit gehen, verliert schließlich ihren Ausbildungsplatz und wird später in einer Klinik behandelt. "In der Klinik wurde damals schon festgestellt, dass ich nicht arbeiten kann, weil es mir da schon sehr schlecht ging", erzählt sie.

Mit 19 Jahren wohnungslos

Während ihres Klinikaufenthalts habe sich gleichzeitig das Verhältnis zu ihren Eltern verschlechtert. Schließlich sei der Kontakt vollständig abgebrochen. Alexandra verliert nicht nur ihre Familie, sondern auch ihr Zuhause. Mit gerade einmal 19 Jahren ist sie plötzlich auf sich allein gestellt. Nach eigenen Angaben lebt sie acht bis zehn Monate auf der Straße und übernachtet immer wieder in Notschlafstellen. Dort bekommt sie zwar nachts ein Bett. Tagsüber muss sie die Einrichtung wieder verlassen.

"Man fühlt sich sehr allein gelassen. Man fühlt sich hoffnungslos, weil man nicht weiß, was jetzt Sache ist, was als Nächstes passiert. Man hat keine elterliche Unterstützung mehr und muss sich plötzlich alles alleine aufbauen." Alexandra Riepe

Während dieser Zeit versucht die 20-Jährige, staatliche Unterstützung zu beantragen. Doch die Bürokratie überfordert sie. Mit Depressionen, ohne festen Wohnsitz und ohne Unterstützung schafft sie es zunächst nicht, alle Anträge auszufüllen und die nötigen Unterlagen einzureichen.

Erster Schritt aus der Wohungslosigkeit: Übergangswohnheim

Seit März lebt Riepe im Icklack, einem Übergangswohnheim für wohnungslose Frauen in Düsseldorf. Bis sie dort einziehen konnte, verging ein halbes Jahr. Während der Wartezeit muss sie sich jede Woche melden, damit ihr Platz auf der Warteliste bestehen bleibt.

Alexandra Riepe steht in ihrem Zimmer

"Hier fühle ich mich wirklich wohl": Alexandra Riepe in ihrem Zimmer

Bildquelle: WDR/ Iman Uysal

Ihr Zimmer ist ihr Rückzugsort. An der Wand hängen viele Anhänger, die sie sammelt. "Hier fühle ich mich wirklich wohl. Ich habe endlich einen Ort, wo ich schlafen kann und wo ich hin kann. Mein Leben hat sich ins Positive verändert", erzählt Riepe und lächelt.

Im Icklack sind rund 30 wohnungslose Frauen untergekommen. Die Bewohnerinnen können dort in der Regel zwei bis drei Jahre bleiben. Neben einem eigenen Zimmer gibt es Unterstützung im Alltag: Hilfe bei Behörden, Bewerbungen und der Wohnungssuche. In Werkstätten werden Seifen oder Schmuck hergestellt, eine Kochgruppe sorgt für gemeinsame Aktivitäten. Auch kleine Arbeitsaufgaben wie der Telefondienst gehören dazu. Sie sollen helfen, wieder Struktur und Selbstvertrauen aufzubauen.

Als Alexandra Riepe im März dieses Jahres ins Icklack einzieht, beantragt sie mit Unterstützung der Sozialarbeiterinnen erstmals erfolgreich Bürgergeld, heute Grundsicherung. Die finanzielle Hilfe gibt ihr Stabilität. Gleichzeitig unterstützen die Mitarbeiterinnen sie bei Bewerbungen und der Jobsuche.

Überblick: Wie aus Hartz IV die Grundsicherung wurde

Seit dem 1. Juli heißt das Bürgergeld Grundsicherung. Sie richtet sich an Menschen, die grundsätzlich arbeiten könnten, ihren Lebensunterhalt aber nicht aus eigenem Einkommen oder anderen Leistungen bestreiten können. Die meisten Minderjährigen, die Unterstützung bekommen, erhalten die allerdings nicht wegen eigener Arbeitslosigkeit. Sie leben in Familien, die ihren Lebensunterhalt nicht ohne staatliche Hilfe bestreiten können und deshalb auf die Grundsicherung angewiesen sind.

Mit der Einführung von Hartz IV im Jahr 2005 wurden Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe für erwerbsfähige Menschen zu einer Leistung zusammengeführt. Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit erhalten Betroffene meist nur noch die Grundsicherung. Die Leistungen sind an Bedingungen geknüpft: Wer bei der Jobsuche nicht mitwirkt, kann Sanktionen erhalten. Zudem werden eigenes Einkommen und Vermögen sowie das des Lebenspartners bei der Berechnung berücksichtigt.

Mit dem Regierungswechsel 2021 rückte das Bürgergeld in den Mittelpunkt der Sozialpolitik von SPD, Grünen und FDP. Es ersetzt ab dem 1. Januar 2023 die Regelungen von Hartz IV. Es steht dabei nicht mehr die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit im Vordergrund, sondern der Fachkräftemangel. Deshalb soll die Qualifizierung von Arbeitssuchenden stärker gefördert werden, statt sie möglichst schnell in irgendeine Beschäftigung zu vermitteln. In der ersten Zeit des Leistungsbezugs werden die Kosten für Miete und Heizung vollständig übernommen. Zudem wurden die Sanktionsmöglichkeiten entschärft, auch als Reaktion auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2019.

Nach langen Verhandlungen der schwarz-roten Bundesregierung wird das Bürgergeld 2026 durch eine neue Grundsicherung ersetzt. Dabei werden die Sanktionen für Leistungsbeziehende wieder verschärft. Gleichzeitig setzt die Reform auf neue Maßnahmen, etwa eine stärkere Bekämpfung von Schwarzarbeit und mehr Verantwortung für Arbeitgeber. Ziel ist es, Menschen schneller in Beschäftigung zu bringen und Missbrauch im System einzudämmen.

Aktuelle Statistik aus Düsseldorf

Wie Alexandra Riepe bekommen in Düsseldorf viele weitere junge Menschen die neue Grundsicherung. Nach Angaben des Jobcenters erhalten derzeit rund 46.000 Menschen die Leistung. Etwa 6.500 der erwerbsfähigen Leistungsbeziehenden von ihnen sind unter 25 Jahre alt.

Jobcenter-Leiter Ingo Zielkowsky an seinem Schreibtisch.

Jobcenter-Leiter Ingo Zielkowsky

Bildquelle: WDR/ Iman Uysal

Wer längere Zeit krank gewesen sei, eine Ausbildung abgebrochen habe oder psychisch belastet sei, brauche häufig zunächst etwas anderes als einen Job. "Wenn der Ausbildungsabbruch schon länger her ist, müssen wir erst wieder die Nähe zum Arbeitsmarkt herstellen. Da geht es vielleicht auch darum, erst einmal wieder eine Tagesstruktur herzustellen und Motivation für eine Arbeitsaufnahme zu schaffen.", sagt Jobcenter Leiter Ingo Zielkowsky

Vorurteile gegenüber Menschen, die Grundsicherung beziehen, könne er aus seiner täglichen Arbeit nicht bestätigen. "Die Menschen, die zu uns kommen, ob alt oder jung, wollen in der weit überwiegenden Mehrheit tatsächlich auch wieder arbeiten."

Statistik zur Grundsicherung

Im Juni 2026 bezogen bundesweit rund 5,1 Millionen Menschen Bürgergeld. Darunter waren 2,7 Mio unter 25 Jahren

Bildquelle: WDR

Nach Angaben des Jobcenters ist die Zahl der Menschen, die in Düsseldorf auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, zuletzt sogar zurückgegangen. Nach dem Anstieg infolge des Ukraine-Kriegs sei die Entwicklung in den vergangenen drei Jahren wieder rückläufig.

Riepe schmiedet Zukunftspläne

Vor wenigen Monaten hätte Alexandra Riepe sich kaum vorstellen können, wieder Pläne für die Zukunft zu machen. Heute sucht sie einen Teilzeitjob, am liebsten in einer Buchhandlung.

Langfristig möchte sie Erzieherin werden. "Ich möchte bald eine schulische Ausbildung zur Erzieherin starten. Parallel dazu mein Abitur machen und später Sozialpädagogik studieren." Auch eine eigene Wohnung stehe ganz oben auf ihrer Wunschliste. Arbeit bedeutet für sie dabei weit mehr als nur Geld.

"Mir ist es wichtig, weil man dann nicht mehr abhängig vom Staat ist und was Eigenes verdient", sagt sie. Das stärke auch ihr Selbstbewusstsein.

Unsere Quellen:

  • Bundesagentur für Arbeit
  • Statistik Bundesagentur für Arbeit
  • Jobcenter Düsseldorf
  • Interview mit Alexandra Riepe
  • Interview mit Icklack
  • Interview mit Jobcenter-Leiter Ingo Zielkowsky

Sendung: WDR.de, Mit Grundsicherung zurück ins Leben, 10.09.2026, 06:37 Uhr

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