Der Herr der Tafel hört auf - Jörg Sartors letzter Tag

WDR 03:22 Min. Verfügbar bis 22.05.2028

Nach 21 Jahren Ehrenamt Chef der Essener Tafel hört auf

Stand:

Jörg Sartor hat mehr als die Essener Tafel geprägt. Er hat im Ruhrpott-Stil polarisiert und politische Kontroversen angestoßen.

"Meine Zeit hier als Vorsitzender ist vorbei. Ich höre auf". Jörg Sartor steht im Warteraum der Tafel und informiert die Bedürftigen, die sich an diesem Tag mit Lebensmitteln eindecken. Sein Blick entschlossen, aber im Inneren berührt. Einige der Tafelkunden erfahren erst jetzt, dass der Tafelchef geht und sind sichtlich geschockt.

"Dass er geht, ist schon ein bisschen hart für mich", sagt eine Frau. "Er hat sich immer für die Hilfsbedürftigen eingesetzt. Auch wenn man Probleme hatte, konnte man zu ihm hingehen." Ein Mann neben ihr sagt: "Als ich damals zum ersten Mal zur Tafel kam und meinen Berechtigungsschein bekam, meinte Sartor: 'Komma, such dir ein Hemd aus.' Ich war perplex, eine tolle Geste".

Ära bei der Essener Tafel geht zu Ende

21 Jahre lang hat sich Sartor bei der Essener Tafel engagiert und sie zu dem gemacht, was sie heute ist: Eine Anlaufstelle für 5.000 Bedürftige, die gespendete Lebensmittel und Kleidung erhalten. Auch zahlreiche Kitas und Grundschulen werden von der gemeinnützigen Hilfsorganisation jeden Tag mit Lebensmitteln beliefert.

Vier Männer stehen in Bergarbeiterkluft einem Förderschacht, darunter Jörg Sartor

Jörg Sartor war früher Bergmann (2. von rechts)

Sartor ist ein Macher, ein Malocher. Bevor er bei der Tafel anfing, war er Bergmann, 32 Jahre lang auf Zeche, auch Zollverein. Als er mit Ende 40 in Rente geschickt wurde, wollte er nicht zuhause sitzen, sondern was machen. So ist er bei der Tafel gelandet, hat sie aufgebaut. Für ihn mehr als ein Ehrenamt. Sieben Tage die Woche war er im Einsatz.

"Ich hab Tafel gemacht, weil es mir Spaß gemacht hat, die Organisation und das Team. Nicht weil ich der Gutmensch bin, der Versorger, der Menschen vor dem Verhungern rettet". Jörg Sartor, Chef der Essener Tafel

Essener Tafelchef sorgte für Eklat

So ist er. Ein Mann der klaren Worte, der mit seiner offenen und direkten Ruhrpott-Schnauze immer wieder aneckt und polarisiert. Im Februar 2018 dann der Eklat, der ihn weit über die eigentliche Arbeit bei der Tafel hinaus "berühmt" machte. Denn er entschied, vorübergehend keine "Ausländer" mehr aufzunehmen.

Er begründete das damit, dass sich ältere Kunden, vor allem "die deutsche Oma" durch dominant auftretende Migranten verdrängt gefühlt hätten. Zwei Drittel der Tafelkunden waren damals Zugewanderte und das fand er ungerecht.

Symbolfigur für politische Debatten

Die Entscheidung löste bundesweit eine Debatte aus über Migration und Integration, Armut in Deutschland und die Frage, ob Herkunft bei sozialer Hilfe eine Rolle spielen darf. Medien aus ganz Deutschland berichteten, sogar die New York Times.

Jörg Sator steht neben Klaus Hahn in den Räumen der Essener Tafel

Jörg Sartor mit Klaus Hahn: 20 Jahre lang ein ehrenamtliches Team

Es habe ihn auch ein bisschen stolz gemacht, plötzlich in aller Munde zu sein, gibt Sartor rückblickend zu. "Ich habe mich schon gebauchpinselt gefühlt, als plötzlich die Dame von der New York Times bei mir im Büro saß". Auch Politiker bis hin zu Bundesministern äußerten sich dazu. Für die einen war er jemand, der Probleme offen anspricht, für die anderen jemand, der Menschen pauschal ausgrenzt.

"Ich bin nicht ausländerfeindlich, mir geht es um Gerechtigkeit"

Auch heute noch steht Sartor zu seiner Entscheidung von damals. "Es hatte nichts mit Ausländerfeindlichkeit zu tun. Es ging mir um eine gerechte Verteilung. Mein Ziel war es immer, zu versuchen, gerecht zu sein". Trotzdem sind damals eine Handvoll Mitarbeiter wegen dieser umstrittenen Entscheidung gegangen.

Der Großteil habe allerdings hinter ihm gestanden, auch tausende Mails und Zuschriften von Befürwortern habe er bekommen, das habe ihm in dieser schwierigen Zeit den Rücken gestärkt.

Viel Lob für sein Engagement

Sartor hat ein Team von 130 ehrenamtlichen und fünf fest angestellten Kollegen aufgebaut. Klaus Hahn ist einer der Mitarbeiter, die am längsten im Team sind. "Jörg war äußerst engagiert, für ihn gab es nur Tafel, Tafel, Tafel", sagt er und überreicht ihm eine Flasche Sekt. Auch Peter Renzel, Sozialdezernent der Stadt Essen, findet warme Abschiedsworte.

Er sei eine große Unterstützung für die Stadt Essen gewesen, er habe mit Jobcenter und anderen Partnern gut zusammengearbeitet, auch in der Flüchtlingskrise und während Corona. "So ein Altsteiger weiß, wie es geht. Bergleute haben ne freche Schnauze, aber das Herz am richtigen Fleck".

Es gibt noch ein Leben nach der Tafel

Jetzt ist Sartor fast 70 Jahre alt und für ihn ist das der richtige Zeitpunkt, um abzutreten. Schließlich habe er fünf Enkel, "ins Bergfreie werde ich nicht fallen". In seine Fußstapfen tritt der ehemalige Lufthansa-Kapitän Bernd Jungk, der sich seit vier Jahren ehrenamtlich bei der Tafel engagiert.

Der Essener Tafel-Chef Jörg Sartor steht neben seinem Nachfolger Bernd Jungk

Jörg Sartor übergibt sein Amt an seinen Nachfolger Bernd Jungk

Und der alte "Herr der Tafel" Sartor will nach seinem Rückzug als erster Vorsitzender noch ein paar Stunden die Woche im Lager mit anpacken. Denn so ganz loslassen fällt ihm dann doch schwer.

Unsere Quellen:

  • Beobachtungen und Gespräche der WDR-Reporterin vor Ort
  • Tafel Essen
  • Sozialdezernent der Stadt Essen

Sendung: WDR.de, Der Herr der Tafel hört auf - Jörg Sartors letzter Tag, 22.05.2026, 6:12 Uhr

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