18-jähriges Unfallopfer klagt auf Schmerzensgeld
Bildquelle: WDR/Carmen Krafft-DahlhoffWDR. 2 Min. 40 Sek.. Verfügbar bis 08.09.2037.
Nach der Gerichtsverhandlung am Amtsgericht Essen-Steele ist Nico Poßner gerührt. Er sitzt im Rollstuhl, seine Klassenkameraden vom Berufskolleg Essen-Mitte sind nach dem Unterricht gekommen. Sie wissen, für den Mechatroniker-Azubi ist es ein wichtiger Tag. "Wir möchten, dass Du bald wieder bei uns in der Schule bist", sagt Colm (18). Mitgefühl ist das, was Nico am dringendsten zu brauchen scheint.
Beim Abbiegen die Vorfahrt genommen
Nach dem schweren Unfall auf dem Weg zum Ausbildungsplatz im November 2025 wird Nico vor Gericht heute zum ersten Mal die Unfallverursacherin treffen. Sie ist Lehrerin und wegen fahrlässiger Körperverletzung angeklagt. Sie hat eingeräumt, dass sie den Unfall verursacht hat. Laut Ermittlungen hatte sie ihm als Autofahrerin beim Abbiegen vom Parkplatz auf die Straße die Vorfahrt genommen.
Unfallopfer Nico Poßner, sein Rechtsanwalt und ein Vertreter der Staatsanwaltschaft Essen heute am Amtsgericht Essen.
Bildquelle: WDR/Carmen Krafft-Dahlhoff"Es tut mir leid. Ich habe ihn einfach nicht gesehen", versichert sie vor Gericht. "Ich möchte das alles ungeschehen machen." Später wagt sie einen verstohlenen Blick zu Nico. Der kämpft sich seit Monaten zurück ins Leben und wurde nach eigenen Angaben 15 Mal operiert.
Er ist täglich in der Reha, wird wohl noch lange brauchen, bis er irgendwann wieder laufen kann. Im rechten Fuß spürt er bislang nichts. Heute wünscht er sich eine direkte Entschuldigung. Seine Ausbildung musste er unterbrechen.
Entschuldigungsbrief kam zu spät
Im März - Monate nach dem Unfall - hatte ihm die Unfallverursacherin einen Brief geschrieben, sich entschuldigt. Nico: "Mir ging es wochenlang sehr schlecht", sagt Nico der Frau auf der Anklagebank. "Ich lag lange im Koma, habe halluziniert. Sie haben sich damals nicht gemeldet", wirft Nico ihr vor.
Direkt nach dem Aufwachen aus dem künstlichen Koma wird Nico mobilisiert.
Bildquelle: Carmen Krafft WDRDie Lehrerin sagt, dass es ihr schwer gefallen sei, sich mit dem Unfall auseinanderzusetzen. Sie selbst sei in Therapie. Erst bei den letzten Worten schaut sie den 18-Jährigen direkt an. Sie muss laut Urteil 1500 Euro an eine Opferschutz-Organisation zahlen.
Ganze Berufsschulklasse bei Verhandlung dabei
Nico ist enttäuscht. Er ist dem Menschen begegnet, um den seine Gedanken oft gekreist sind. Und hat eine Frau getroffen, die mit sich selbst beschäftigt zu sein scheint - so nimmt Nico es wahr. Beschäftigt mit den Folgen des Motorrad-Unfalls für sich persönlich. Aber dann steht draußen Nicos ganze Berufsschulklasse. Sie nehmen ihn nacheinander in den Arm.
Irgendwie scheint dies das Wichtigste zu sein. Das Mitgefühl der Freunde, die auch nach einem Dreiviertel Jahr jede Unterrichtsstunde an ihn denken. Wenn alles gut geht, ist er in einem Monat und dem Fädenziehen nach der letzten Operation wieder bei ihnen. "Ich hab ja meine Prüfung im Winter", sagt Nico. An seinem Traumberuf Mechatroniker möchte er festhalten. Seine Klasse drückt ihm die Daumen.
Unsere Quellen:
- Eindrücke der WDR-Reporterin vor Ort
Sendung: WDR Fernsehen, WDR Lokalzeit Ruhr, 08.09.2026, 19:30 Uhr
