Kein Kind: Immer weniger haben einen Kinderwunsch
Bildquelle: dpa / Patrick PleulAktuelle Stunde . 02.09.2026. 25 Min. 15 Sek.. UT. Verfügbar bis 02.09.2028. WDR. Von Carsten Upadek.
Ist es die Klimakrise, die Wohnungsnot oder finden wir einfach nicht mehr die richtigen Partner? In ganz Europa geht die Geburtenrate zurück - auch in Deutschland.
Die neuen Zahlen wurden am Mittwoch vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) vorgestellt. Demnach brach in den europäischen Ländern die Geburtenrate seit 2021 deutlich ein. In Deutschland fiel sie von 1,58 Kindern pro Frau auf 1,32. Damit liegen wir Deutschen ungefähr im Mittelfeld der EU. Das alles aber heißt auch: Nie bekamen die Europäer weniger Kinder als derzeit.
Der Kinderwunsch ist noch da, aber nicht mehr so ausgeprägt
Während die Kinderwünsche in Deutschland bis Anfang 2024 konstant geblieben sind, ging nun auch diese Zahl zurück. Als Grund geben die Forschenden die verschiedenen Krisen an: Zukunftssorgen wegen eines möglichen Krieges, Angst vor einer geschwächten Demokratie, auch der Klimawandel und das fehlende Wohnungsangebot spielen laut Studie eine Rolle. Im Osten ist der Kinderwunsch dabei übrigens noch weniger ausgeprägt als im Westen.
Prof. Dr. Martin Bujard
Bildquelle: IMAGO/Panama Pictures/ Christoph Hardt"Es gibt eine große Verunsicherung bei jungen Menschen", sagt Dr. Martin Bujard, Soziologe und stellvertretender Direktor des BiB in Wiesbaden im Gespräch mit dem WDR. Der Kinderwunsch sei zwar weiterhin höher als die Geburtenrate. Durch die hohe Verunsicherung würden die Geburten aber aufgeschoben werden. "Das heißt, wenn Paare 30, 32 Jahre alt sind und eigentlich loslegen könnten, dann wird noch mal gewartet und irgendwann sind sie 35, 37 und dann ist es oft schon zu spät oder es geht nur noch ein Kind, obwohl sie sich mehrere gewünscht haben", so Bujard.
Zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Haben wir keinen Platz mehr für Kinder?
Im Job funktionieren, eine bezahlbare Wohnung haben - ist da einfach kein Platz mehr für ein Kind? Experte Bujard sieht da schon ein Problem: Wohnraum spiele eine Rolle, das sei in den letzten Jahren schwieriger geworden.
Er nimmt aber auch den Staat und die Arbeitgeber in die Pflicht: Arbeitgeberbetriebe sollten sich an Familien anpassen, nicht umgekehrt. Da müsse einfach mehr Rücksicht genommen werden: "Dass man vielleicht in dieser Lebensphase ein bisschen weniger arbeitet, in späteren Phasen wieder mehr, da gibt es ganz viel Luft nach oben", erklärt er. Zu sehr müssten sich Familien und Eltern gegenwärtig dem Druck am Arbeitsmarkt anpassen. Und dann?
"Dann sind die jungen Leute in der Rush-Hour des Lebens überfordert." Dr. Martin Bujard, stellv. Direktor des BiB
Kinderlose Menschen, die mit ihren Wohn- und Arbeitsbedingungen vor Ort zufrieden sind, äußern laut BiB häufiger den Wunsch, innerhalb der nächsten drei Jahre ein Kind zu bekommen.
Schließlich sei die Geburtenrate in den 2010er-Jahre angestiegen und zwar aufgrund des Ausbaus der Kinderbetreuung und auch des Elterngeldes, wie Bujard erläutert. Entscheidend aber sei, "ob junge Menschen mit Zuversicht auf ihre persönliche und gesellschaftliche Zukunft blicken. Politik, Medien und gesellschaftliche Institutionen prägen solche Zukunftserwartungen mit", so der Experte.
Die Pressesprecherin der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung in Fürth erklärte im Gespräch mit dem WDR, dass schon Heranwachsende oft betonten, in diese Welt keine Kinder setzen zu wollen. Aber ohne Kinder keine Zukunft - das ist klar. Der Staat steht somit vor einer großen Aufgabe, sonst werden Probleme wie Rente, Pflege und Fachkräftemangel nur noch größer.
Unsere Quellen:
- Pressemitteilung Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB)
- WDR5-Interview mit Dr. Martin Bujard, stellv. Direktor des BiB
- Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e.V
- Agentur Reuters
Sendung: WDR5, Morgenecho, 02.09.2026, 09:05 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 02.09.2026, 18:45 Uhr
