Kölner schreibt mit 88 sein erstes Buch
Bildquelle: WDR/Martin HenningWDR. 3 Min. 18 Sek.. Verfügbar bis 09.09.2028.
Wahrsagerin prophezeite Zukunft : Kölner schreibt mit 88 sein erstes Buch
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Vom Kriegsgebiet und Leben in bitterer Armut zur erfolgreichen Karriere als Arzt in Köln: Mohamed Zarini führt das Schicksal über Palästina und Saudi-Arabien in die Domstadt. Mit 88 Jahren erzählt er seine bewegende Geschichte erstmals in einem Buch.
Ein heißer August-Tag verändert Mohamed Zarinis Leben für immer. Der 15-Jährige kühlt sich gerade in den Räumen seines Elternhauses ab, als es an der Tür klopft. Eine Frau bittet um etwas Geld und bietet dafür an, die Zukunft vorherzusagen.
"Sie hatte ein schönes Gesicht mit schwarzen Augen und dunkelrot gefärbten Lippen. Das Kleid reichte bis zu den Füßen", beschreibt Zarini sie. Fasziniert von ihrer Erscheinung, fragt der Jugendliche bei seiner Mutter um Erlaubnis und lässt sich auf das Angebot ein.
Die Rabiha (arabisch für Wahrsagerin) schüttelt zehn Muscheln in ihren Händen, wirft sie vor seine Füße und trifft zwei Voraussagen. Erstens: Zarini werde ein angesehener Bürger in einem fremden Land sein. Und zweitens: In diesem Land werde er auch seine zukünftige Frau finden.
Vorne hockt der junge Mohamed. Dahinter von links: Schwägerin Taman, Mutter Hasna, Schwester Fatima und Vater Yusuf.
Bildquelle: WDR/Martin HenningEine Odyssee nach Köln
73 Jahre später sitzt Zarini am Küchentisch seines schicken Hauses in Köln - neben ihm seine Ehefrau Erika, mit der er seit 53 Jahren verheiratet ist. Nach einer langen, erfolgreichen Karriere als Herzchirurg und Allgemeinarzt ist er vor kurzem in den Ruhestand gegangen. "Alles, was die Wahrsagerin vorausgesagt hat, ist eingetroffen", sagt Zarini. "Wahnsinn. Wenn ich daran denke, muss ich zittern."
Doch der Weg zum Ziel ist eine Odyssee, die ihn von Palästina über Jordanien und Saudi-Arabien bis nach Köln führt. Über sein Leben hat er ein Buch geschrieben. "Die Prophezeiung der Muscheln" ist sein Debütroman - mit 88 Jahren.
Familie flüchtet barfuß nach Jordanien
1937 wird Zarini im heutigen Palästina geboren. Der Sohn eines Straßenbauers und einer Hausfrau wächst in großer Armut auf. Während der politischen Unruhen und Kriege im Nahen Osten gerät sein Vater zwischen die Fronten: Einheimische Widerstandskämpfer werfen ihm vor, mit den britischen Besatzern zusammenzuarbeiten. Als Mohamed Zarini zehn Jahre alt ist, flieht die Familie barfuß nach Jordanien.
"Mein Vater hat gesagt: Deine Sandalen musst du für die Schule aufsparen, wenn du nach Palästina zurückkommst." Mohamed Zarini, pensionierter Arzt und Buchautor
Bildung ist seinen Eltern sehr wichtig. Denn er soll es später besser haben als sie. Sein Vater kratzt das wenige Geld zusammen, um ihn auf eine Privatschule zu schicken. "Ich war das einzige Flüchtlingskind in einer Privatschule voller Jordaner."
Früh hat der junge Mohamed den Traum, Arzt zu werden. Ihm imponiert ein Doktor, der seinen Vater behandelt. "Der Mann ist eine halbe Stunde zu Fuß zu uns gelaufen, hat meinen Vater gespritzt und ihm damit geholfen." Auch Zarini will Menschen helfen. Doch weil seine Familie bitterarm ist, scheint sein Berufswunsch unerreichbar.
Freundschaft mit einem Sklaven
Auf dem Weg in eine bessere Zukunft hilft ihm Fleiß und Hartnäckigkeit. Doch in einigen Fällen kommt auch eine große Portion Glück dazu. Einmal kann die Familie wegen Überfüllung nicht in einen Reisebus steigen. Kurze Zeit später stürzt genau dieser Bus von einer Brücke, alle Insassen sterben. Als Schüler demonstriert Zarini gegen die jordanische Regierung und entgeht nur knapp einer Gefängnisstrafe.
Mohamed Zarini als Privatlehrer in Saudi-Arabien
Bildquelle: WDRNach seinem Abitur bekommt er über Kontakte einen Job als Privatlehrer für einen Scheich in Saudi-Arabien. In dieser Zeit freundet er sich mit einem Sklaven namens Ahmed an, der ein vielversprechender Torwart ist. Doch weil er ein Leibeigener ist, kann sich Ahmed den Traum vom Profifußball nicht erfüllen. "Ich wollte studieren, aber hatte kein Geld. Er wollte frei werden, aber durfte nicht", sagt Zarini über die Schicksalsgemeinschaft.
Liebe im Kölner Karneval gefunden
Durch den Job beim Scheich spart er genug Geld, um ein Medizinstudium in Europa beginnen zu können. Über Umwege kommt er nach Köln. Sofort schließt er die Stadt und seine Menschen ins Herz.
Doch die Suche nach seiner Herzensdame läuft immer wieder in eine Sackgasse - bis er ausgerechnet an Karneval Erika kennenlernt. "Ich wusste, das ist die Frau, die die Wahrsagerin beschrieben hat", sagt Zarini. "Aber ich hatte Angst, dass sie nicht mit mir tanzen will und ich eine Abfuhr bekomme. Also habe ich mich mit einer anderen Frau warm getanzt und als ich fertig war, hatte ich den Mut, sie zu fragen", sagt er lächelnd.
Gucken skeptisch, sind aber immer noch glücklich: Mohamed und Erika Zarini bei ihrer Hochzeit.
Bildquelle: WDR/Martin Henning56 Jahre ist das her - und die beiden sind seitdem zusammen. Das Paar bekommt vier Kinder. Mohamed Zarini wird als Arzt so erfolgreich, dass er noch bis ins hohe Alter von 85 Jahren arbeitet.
Köln ist seine Heimat geworden. Und die Prophezeiung der Rabiha ist wahr. "Sie hat mich motiviert und mir die Hoffnung gegeben, dass ich irgendwann am Ziel bin", sagt Zarini. "Ich habe eine tolle, glückliche Familie. Alle verstehen sich sehr gut und sind weit gekommen. Glücklicher kann kein Mensch sein."
Unsere Quellen:
- WDR-Gespräch mit Mohamed Zarini
Sendung: WDR.de, Kölner schreibt mit 88 sein erstes Buch, 09.09.2026, 11.57 Uhr.
