Jürgen Deerhake bekommt im Alter von 54 die Diagnose Demenz.
Bildquelle: WDR/ Dominik HamersAn der Tür hängt ein Feuerwehrauto aus Pappe. Auf dem Fahrersitz - so lässt das aufgeklebte Foto vermuten - sitzt Jürgen Deerhake. Freunde haben es für ihn gebastelt. Freunde, die aus dem früheren Leben geblieben sind. Viele seien das aber nicht mehr, sagt seine Schwester Margret Gödecke.
Demenz bestimmte früh den Alltag
In seinem früheren Leben, das sich erst schleichend, dann schlagartig veränderte, sei er ein unheimlich hilfsbereiter Mann gewesen. Einer, der immer zur Stelle war, wenn jemand Hilfe brauchte. Ohne Ausrede.
Heute braucht der 67-Jährige selbst Hilfe, rund um die Uhr.
Das Feuerwehrauto aus Pappe mit Jürgen Deerhake als Fahrer.
Bildquelle: WDR/ Dominik HamersMehr als 100.000 Demenzkranke unter 65 Jahren
Es ist ein ungewöhnlicher Zeitpunkt für diese Diagnose. Noch immer ist Demenz ein Problem des höheren Alters. Aber: Etwas mehr als 100.000 Menschen in Deutschland sind schon vor dem 65. Lebensjahr daran erkrankt.
Wann die ersten Symptome bei Jürgen Deerhake aufgetreten sind, lässt sich nicht mehr genau sagen. Er habe nie etwas bemerkt, sagt er. Doch für Außenstehende gab es erste Anzeichen. Er wurde vergesslich, war leichter reizbar, schaffte es nicht mehr, sich um seinen Haushalt zu kümmern, sich Essen zu machen.
Allein leben mit Demenz? "Ich wusste, dass es nicht mehr geht."
Deerhake hatte immer allein gelebt, so blieb vieles davon unbemerkt. Möglicherweise wäre die Krankheit bei dem Münsteraner noch länger unentdeckt geblieben, wenn seine Schwester nach einem Unfall ihres Bruders nicht auf einer Untersuchung und einem Gutachten bestanden hätte. Das alte Leben, das schleichend zu einem neuen wurde, änderte sich mit der Diagnose schlagartig.
Auch für Angehörige, wie Margret Gödecke ist eine Demenz-Diagnose schwierig.
Bildquelle: WDR/ Dominik HamersPlötzlich Pflegefall - Heimplatz statt eigener Wohnung
Raus aus der Wohnung, die Suche nach einem Heimplatz: Deerhake war zum Pflegefall geworden. Als Gödecke das erzählt, blickt ihr Bruder sie lächelnd an. "Ihr habt das schon alles richtig gemacht", sagt er knapp. Aber er gibt auch zu, dass es ihm schwer gefallen sei, sich von seiner eigenen Wohnung zu trennen. "Ich wusste aber, dass es nicht mehr geht."
"Ich hätte keine ruhige Nacht mehr gehabt, wenn er da geblieben wäre." Margret Gödecke, Schwester des Betroffenen
Sich der möglichen Diagnose zu stellen - viele jüngere Menschen schrecken davor zurück, heißt es bei der Alzheimer Forschung Initiative: "Sei es, weil sie sich nicht krank fühlen, sei es, weil sie aus Angst vor der Diagnose das Arztgespräch meiden."
Demenz als schwierige Diagnose für Erkrankte und Angehörige
Als die Diagnose da war, sei es schwierig gewesen, ihrem Bruder klarzumachen, was das bedeutet, sagt Gödecke. Ein Jahr habe es gedauert, bis er es akzeptiert habe. Und nun? "Ich fühle mich hier wohl", sagt Deerhake und grinst.
"Ich liebe Abwechslung. Die hatte ich in meiner Wohnung nicht mehr." Jürgen Deerhake, 67, erkrankte früh an Demenz
Immer wieder gibt es heitere Momente, wenn Jürgen Deerhake erzählt. Auf die Frage, woher er diese gute Laune nimmt - schließlich gibt es für Demenz keine Heilung - sagt er fest: "Ich bin ein optimistischer Mensch."
Jürgen Deerhake ist seit mindestens dreizehn Jahren an Demenz erkrankt.
Bildquelle: WDR/ Dominik HamersSeine Schwester ist die ganze Zeit dabei - sie ist seine Betreuerin. Mehrmals in der Woche besucht sie ihn. Dann lachen die beiden, spielen Brettspiele, sprechen über die gemeinsame Kindheit. Über ihr Leben, das irgendwann anders wurde. Gödecke: "Wir können nur jedem, der diese Diagnose bekommt, wünschen, dass er jemanden hat, der da ist." Deerhake nickt.
Unsere Quellen:
- Eindrücke des WDR-Reporters vor Ort
- Alzheimer Forschung Initiative e.V.
Sendung: WDR.de, WDR 3 Zwischenruf: Weltalzheimertag, 21.09.2026, 05:10 Uhr
Sendung: WDR 2, WDR 2 für das Münsterland, 21.09.2026, 07:30 Uhr
