An Vaters Kühlschrank häufen sich die Merkzettel. Den wichtigen Arzttermin heute Morgen hat er trotzdem verpasst. Stattdessen erzählt er mir jetzt zum wiederholten Male, wie er als kleines Kind aus Merkzetteln Papierflieger gebastelt hat.
Wenn Eltern Demenz erkennen lassen
Es sind Erlebnisse wie diese, die viele Angehörige machen, wenn ihre Eltern alt werden. Es sind Momente, die stutzig machen, vor allem dann, wenn sie sich häufen. Ist das bloß Altersvergesslichkeit? Oder schon Demenz? Wie erkennt man bei seinen Eltern erste Anzeichen von Alzheimer? Was sollte man dann tun? Und wo finden Angehörige in NRW Beratung und Unterstützung?
Fragen und Antworten aus Anlass des Welt-Alzheimer-Tags, der jährlich am 21. September begangen wird. Ins Leben gerufen wurde der Aktionstag von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Organisation Alzheimer's Disease International. Zugleich ist er in Deutschland Auftakt der "Woche mit Demenz" mit zahlreichen Veranstaltungen auch in NRW.
Die Fragen im Überblick:
- Demenz und Alzheimer: Was ist der Unterschied?
- Demenz in NRW: Wie viele Menschen sind betroffen?
- Demenz-Symptome: Wie können Angehörige sie erkennen?
- Demenz-Verdacht bei Eltern: Was ist der nächste Schritt?
- Demenz-Beratung in NRW: Wo finden Angehörige Hilfe?
- Welt-Alzheimer-Tag und Woche mit Demenz: Was findet in NRW statt?
Demenz und Alzheimer: Was ist der Unterschied?
Demenz ist ein Sammelbegriff für verschiedene Erkrankungen des Gehirns. Sie haben den fortschreitenden Verlust geistiger Fähigkeiten zur Folge. Betroffen sind vor allem Gedächtnis, Orientierung, Sprache, Urteilsvermögen und Alltagskompetenzen wie Körperpflege oder gesunde Ernährung.
Eine Demenz kann viele Ursachen haben. "Alzheimer ist mit einem Anteil von 60 bis 70 Prozent die häufigste Erkrankung, die zu einer Demenz führt", teilt die Deutsche Alzheimer Gesellschaft mit. Bei einer Alzheimer-Erkrankung sterben Nervenzellen im Gehirn unumkehrbar ab.
Demenz in NRW: Wie viele Menschen sind betroffen?
In Nordrhein-Westfalen leben etwa 350.000 an Demenz erkrankte Menschen, heißt es vom Landesverband der Alzheimer Gesellschaften NRW. Der Großteil der Betroffenen ist über 80 Jahre alt.
Die Zahl der Demenz-Erkrankten wird in Zukunft zunehmen. Denn die Lebenserwartung steigt und die geburtenstarken Jahrgänge, die sogenannten Babyboomer, kommen langsam ins höhere Alter. Für das Rheinland gibt es eine Prognose: Dort wird zwischen den Jahren 2020 und 2060 ein Zuwachs an Demenzerkrankten um mehr als 50 Prozent erwartet, wie eine AOK-Analyse vom Juni zeigt.
In sehr selten Fällen erkranken auch ganz junge Menschen. Mit einer Kinderdemenz lebt zum Beispiel die sechsjährige Isabella, die der WDR in Steckenborn in Simmerath besucht hat. Mehr dazu hier:
Demenz-Symptome: Wie können Angehörige sie erkennen?
Nicht jede Vergesslichkeit ist Anzeichen einer Demenz. Und nicht jede Alzheimer-Demenz zeigt sich vor allem in Vergesslichkeit. Die in Düsseldorf ansässige Alzheimer Forschung Initiative nennt zehn erste Anzeichen für Alzheimer:
- Gedächtnisprobleme / Vergesslichkeit: Das Kurzzeitgedächtnis lässt nach - wichtige Termine werden vergessen, der Herd bleibt an, vieles gelingt nur noch mit Merkzetteln.
- Schwierigkeiten beim Planen und Problemlösen: Rechnen, Rechnungen begleichen, nach bekannten Rezepten kochen oder längere Aufgaben werden auffällig mühsam, die Konzentration lässt nach.
- Probleme mit gewohnten Tätigkeiten: Routinetätigkeiten wie Aufgaben im Haushalt oder Beruf, aber auch bekannte Spiele, bereiten unverhältnismäßig große Schwierigkeiten.
- Räumliche und zeitliche Orientierungsprobleme: Jahreszeit oder Datum gehen verloren, Uhrzeit wird nicht mehr verstanden, man findet sich in vertrauter Umgebung plötzlich nicht mehr zurecht.
- Wahrnehmungsstörungen: Schwierigkeiten beim Erkennen von Bildern, Gesichtern, Farben oder Kontrasten; das räumliche Sehen ist gestört.
- Neue Sprach- und Schreibschwäche: Gesprächsfäden gehen verloren, falsche oder unpassende Wörter werden genutzt, Wortfindungsstörungen und häufiges Wiederholen treten auf.
- Verlegen von Gegenständen: Dinge landen an völlig untypischen Orten (z.B. Schuhe im Kühlschrank) und können gedanklich nicht mehr zurückverfolgt werden.
- Eingeschränktes Urteilsvermögen: Unpassende Kleiderwahl, schlechter Umgang mit Geld, Vernachlässigung der Körperpflege; Entscheidungen wirken unlogisch.
- Verlust von Eigeninitiative / Rückzug: Hobbys, soziale Kontakte und Aktivitäten werden aufgegeben, Betroffene ziehen sich aus Verunsicherung mehr und mehr zurück.
- Veränderungen von Persönlichkeit und Verhalten: starke Stimmungsschwankungen, plötzliches Misstrauen, Aggressivität, starke Unruhe, Traurigkeit oder Hilflosigkeitsgefühle.
Demenz-Verdacht bei Eltern: Was ist der nächste Schritt?
Treten Anzeichen einer Demenz auf, sollte das frühzeitig ärztlich abgeklärt werden. Denn: "Beginnt man früh mit einer medikamentösen Therapie, kann der Krankheitsverlauf hinausgezögert werden", informieren die AOK-Krankenkassen. Außerdem kann sich bei der ärztlichen Abklärung auch herausstellen, dass die Demenz-Symptome womöglich ganz andere Ursachen haben als Alzheimer.
Eine Tochter hilft ihrem Vater die Treppe hoch - Demenz kann viele Ursachen haben.
Bildquelle: picture alliance / photothek / Ute GrabowskyDie Deutsche Alzheimer Gesellschaft gibt einige Beispiele für andere Ursachen, die typische Alzheimer-Symptome verursachen können: Stress, Burn-out, seelische Belastungen, Depressionen, eine Umstellung des Hormonhaushalts wie in den Wechseljahren, eine Unterfunktion der Schilddrüse, ein erhöhter Hirndruck im Alter, ein Tumor oder Nebenwirkungen von Medikamenten.
Um herauszufinden, ob eine Demenz vorliegt und welche Ursache sie hat, wird der geistige und körperliche Zustand der Betroffenen demnach gründlich untersucht. Es gibt zum Beispiel psychologische Tests, um Gedächtnis, Denkvermögen, Sprache und Wahrnehmungsfähigkeit zu prüfen. Zum Ausschluss anderer Erkrankungen gibt es Laboruntersuchungen oder auch Verfahren wie Computer-Tomographie und MRT. Auch das ärztliche Gespräch mit Angehörigen spielt in der Diagnose eine wichtige Rolle.
Demenz-Beratung in NRW: Wo finden Angehörige Hilfe?
Nicht nur für Demenz-Erkrankte selbst, sondern auch für ihre Angehörigen gibt es eine Vielzahl an Beratungs- und Unterstützungsangeboten. Ein erster Kontakt kann zum Beispiel das "Alzheimer Telefon NRW" des Landesverbands der Alzheimer Gesellschaften sein. Es hat die Nummer 0221/240869-10.
Wer eine Beratungsstelle aufsuchen will, findet dazu häufig auch ganz in seiner Nähe ein Angebot. Der Pflegewegweiser NRW bietet dazu eine umfangreiche Datenbank mit Einrichtungen, Öffnungszeiten und Kontaktmöglichkeiten. Dort lässt sich auch speziell nach Demenz-Beratungen suchen. Einen ersten Überblick dieser Angebote bietet diese Karte:
Auch die Deutsche Alzheimer Gesellschaft bietet auf ihrer Website eine Suchmöglichkeit, um Beratungsstellen zu finden. Dort lässt sich auch gezielt nach besonderen Angeboten suchen, zum Beispiel Demenz-Beratungen für Migrantinnen und Migranten, Gruppen für Menschen im frühen Stadium einer Demenz oder Angebote für junge Menschen mit Demenz.
Welt-Alzheimer-Tag und Woche mit Demenz: Was findet in NRW statt?
Viele Veranstaltungen dazu sind auf der Website der Deutschen Alzheimer Gesellschaft zu finden. In Münster zum Beispiel lädt die dortige Alzheimer Gesellschaft Angehörige dazu ein, das "Demenz-Balance-Modell" kennenzulernen. Es hilft, die Perspektive von Erkrankten besser zu verstehen. Die Veranstaltung ist am Donnerstagnachmittag, 24. September. Zur Anmeldung geht es hier.
Im sauerländischen Bad Fredeburg hält Arzt und Demenz-Experte Wilhelm Stuhlmann am Dienstagnachmittag, 22. September, im Haus Seniorenwohnen im Park einen Vortrag zum Thema: "Darf ich Menschen mit Demenz belügen?". Veranstalter ist die Alzheimer Gesellschaft Hochsauerlandkreis. Mehr dazu hier.
In Würselen bei Aachen lädt das Senioren- und Begegnungszentrum Am Haarbach für Mittwochabend, 23. September, zu einer Veranstaltung ein, in der es darum geht, Demenz vorzubeugen. Dabei sollen zehn Maßnahmen vorgestellt werden, um geistig fit zu bleiben. Zur Anmeldung geht es hier. Einige Tipps dazu sind auch in diesem Beitrag zu finden:
Übrigens: Einen leicht verständlichen ersten Zugang zum Thema Alzheimer und Demenz bietet auch eine kleine neue Comic-Broschüre, die die in Köln ansässige Deutsche Gesellschaft für Geriatrie aus Anlass des diesjährigen Welt-Alzheimer-Tags herausgegeben hat. Die vierseitige Broschüre soll in Kliniken und Hausarztpraxen ausgelegt werden und lässt sich auch hier als PDF herunterladen:
Unsere Quellen:
- Informationen des Landesverbands der Alzheimer Gesellschaften NRW
- Informationen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft
- Informationen der Alzheimer Gesellschaft Münster
- Informationen der Alzheimer Forschung Initiative
- Informationen der AOK zu Kinderdemenz
- Comic-Broschüre der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie
Sendung: WDR.de, Welt-Alzheimer-Tag: Wo Angehörige in NRW Rat finden, 21.09.2026, 5:01 Uhr

