Kommunen am Niederrhein suchen Pflegeeltern

Bildquelle: WDR / Torben Wiedenhaupt

WDR 2 Min. 35 Sek. Verfügbar bis 31.08.2028 Von Torben Wiedenhaupt

Pflegeeltern am Niederrhein Zweites Leben für Ashley in Kamp-Lintfort

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Viele Kommunen am Niederrhein suchen Pflegeeltern. Wie die 18-jährige Ashley in Kamp-Lintfort eine zweite Chance fürs Leben bekam.

Von Torben Wiedenhaupt

Inzwischen nennt Ashley ihre Pflegeeltern längst "Mama" und "Papa" und hat deren Familiennamen angenommen. Sogar eine Adoption ist angedacht. Dass die heute 18-Jährige so fest im Leben steht, war lange Zeit nicht absehbar: Als sie klein war, wurde sie von ihren leiblichen Eltern stark vernachlässigt und war unterernährt. Erst mit neun Jahren fand sie bei Birgit (59) und Andree Fritzsche (62) in Kamp-Lintfort ihr neues Zuhause.

Pflegekind: Neuanfang nach schwerer Kindheit

Für Ashley war die Umstellung in den ersten Jahren enorm. Eine der größten Hürden war die Erkenntnis, nie wieder zu ihren leiblichen Eltern zurückzukehren und zusätzlich von der eigenen Schwester getrennt zu leben. Begleitet von Mobbing und Depressionen verpasste sie die ersten Schuljahre dadurch fast komplett. Den verpassten Schulstoff holt sie jetzt an einer freien Gesamtschule in Issum nach.

"Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr merke ich, dass das, was in meiner Kindheit passiert ist, nicht richtig war. Und dass ich hier sehr gut aufgehoben bin und Möglichkeiten habe, die ich damals nicht gehabt hätte." Ashley Fritzsche, Pflegekind

Um das Erlebte zu verarbeiten, schaukelt sie noch heute oft mitten in der Nacht stundenlang im heimischen Garten. Halt findet sie zudem bei der Betreuung der vielen Tiere im Haushalt, beim Zeichnen von Mangas mit Graphit, bei gemeinsamen TV-Abenden mit ihrer Pflegemutter oder bei Radtouren mit ihrem Pflegevater.

Unverhoffter Familienzuwachs am Niederrhein

Vor gut zehn Jahren absolvierten die Fritzsches Vorbereitungskurse für Pflegeeltern und wandten sich an die Stadt Kamp-Lintfort. Nur wenige Monate später stand Ashley vor der Tür. Pflegemutter Birgit bereitete das Kinderzimmer voller Vorfreude mit Prinzessinnen-Bettwäsche vor, während Pflegevater Andree die neue Herausforderung etwas gelassener anging:

Pflegevater Andree Fritzsche im WDR-Interview
"Da gab es zwischendurch schon Höhen und Tiefen. Die Pubertät kam noch dazu, da werden Grenzen ausgetestet. Ich hatte ja vorher schon zwei Kinder. Da muss man schon mal Kompromisse machen. Aber im Nachhinein ist alles sehr gut gelaufen." Andree Fritzsche, Pflegevater

Ashleys Schicksal steht stellvertretend für viele Kinder in der Region: Städte wie Kamp-Lintfort, Kleve und Rheinberg suchen derzeit händeringend nach Menschen, die Kindern in Not einen sicheren Zufluchtsort bieten. Allein in Kamp-Lintfort fehlen aktuell fünf Pflegefamilien.

Voraussetzungen für zukünftige Pflegeeltern

Wenn das Kindeswohl beispielsweise durch physische, psychische Gewalt oder Vernachlässigung gefährdet ist, müssen Kinder aus ihren Familien geholt werden. Kommunen wie Kamp-Lintfort, die derzeit rund 85 Pflegekinder betreuen, geraten bei mehreren neuen Fällen in kurzer Zeit schnell an ihre Grenzen.

Dabei kann grundsätzlich fast jeder Pflegeelternteil werden - unabhängig vom Familienstand oder der sexuellen Orientierung. Die wichtigsten Kriterien laut Kamp-Lintforter Jugendamt sind:

  • Erziehungserfahrungen und die Bereitschaft, sich auf ein neues Kind einzulassen
  • Herzblut und die Akzeptanz des Rucksacks bzw. "Päckchens", das das Kind mitbringt
  • Eine eigene, stabile Lebenssituation
  • Bereitschaft zur engen Kooperation mit dem Jugendamt

Interessierte können sich einfach per Telefon oder E-Mail beim Jugendamt melden. Der folgende, rund vier- bis sechsmonatige Prozess umfasst das Einreichen von Lebenslauf, Führungszeugnis und ärztlichem Attest sowie Hausbesuche, bei denen auch leibliche Kinder und Verwandte einbezogen werden.

Spezielle Schulungen bereiten die künftigen Pflegeeltern anschließend darauf vor, wie sich beispielsweise Konfliktsituationen entschärfen lassen.

Jugendamt: Unterstützung und Abgrenzung zur Adoption

Das Jugendamt begleitet die Familien in der Regel bis zur Volljährigkeit des Kindes, in Einzelfällen auch bis zum 21. Lebensjahr. Die Behörde bietet finanzielle Hilfen - etwa für Schulfahrten oder besondere Maßnahmen wie eine Alpaka-Therapie, die Ashley sehr geholfen hat.

Karin Mannheim vom Pflegekinderdienst des Jugendamtes der Stadt Kamp-Lintfort betont jedoch einen wichtigen Unterschied:

Karin Mannheim vom Pflegekinderdienst des Jugendamtes der Stadt Kamp-Lintfort
"Wenn man den Wunsch nach einem rechtlich eigenen Kind hat, ist eher die Adoption der richtige Weg. Bei einem Pflegeverhältnis besteht die Besonderheit, dass die leiblichen Eltern im Leben präsent bleiben. Es gibt Umgangskontakte, die man einplanen muss." Karin Mannheim, Pflegekinderdienst Stadt Kamp-Lintfort

Birgit Fritzsche hat den Schritt trotz allem nie bereut: Das Leben mit einem Pflegekind sei zwar eine Rund-um-die-Uhr-Aufgabe, die nicht immer einfach sei, aber sie würde sich jederzeit wieder dafür entscheiden.

Unsere Quellen:

  • Interviews mit WDR-Reporter vor Ort
  • Pressemitteilungen der Städte Kamp-Lintfort, Kleve und Rheinberg

Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit Duisburg, 31.08.2026, 19:30 Uhr

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