Rahel Rilling und Oliviero Hassan spielen Violine und Bratsche für die Schülerinnen und Schüler.
Bildquelle: WDR / Cornelia BöckerEs ist ganz still als Oliviero Hassan erzählt. Von seinem Vater, der aus Afghanistan zum Studieren nach Deutschland kam und später zurück gehen wollte. "Dann brach in Afghanistan ein langer Krieg aus, der diese Pläne vereitelt hat". Von seiner Mutter, die in den 70er Jahren aus Chile vor der Militärdiktatur geflüchtet war. Ihre Musik hat ihn schon als kleiner Junge inspiriert. Er beschloss, später Musiker zu werden.
Ein Stück Kultur seiner Mutter
Oliviero Hassan spielt Bratsche, eigentlich in einem Orchester. Aber am Mittwochmorgen spielt er in einem schönen sonnendurchfluteten Klassenzimmer der Gesamtschule Salzkotten - zusammen mit drei anderen Profi-Musikerinnen.
Auf dem Tablet stehen die Noten der Musiker.
Bildquelle: WDR / Cornelia BöckerEr stimmt ein chilenisches Lied an, voller Sehnsucht und Lebensfreude. Ein Stück, das ihn mit der Kultur seiner Mutter verbindet. Und dann erzählt er den Jugendlichen von dem Gefühl, das er hat, wenn ihn Menschen fragen, woher er denn komme. Und dass es für ihn natürlich klar sei, dass er deutsch ist.
"Trotzdem macht es auch ein komisches Gefühl." Oliviero Hassan, Musiker
Er ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, seine Eltern haben beide immer nur Deutsch mit ihm gesprochen. Aber, so erzählt er, "man gerät manchmal ein bisschen in eine Erklärungssituation", weil er sich "als Deutscher fühlt und nicht als Afghane und nicht als Chilene und auch nicht wirklich als etwas dazwischen". Natürlich, verstehe er es, dass andere aus Interesse fragen. Und "trotzdem macht es auch ein komisches Gefühl".
Musik ist eine Sprache
Die vier Profi Musiker und Musikerinnen sind über eine Woche in Schulen unterwegs, in verschiedenen Bundesländern. "Respond in music" heißt der Verein. Mit Musik-Projekten setzen sie sich ein: für Zusammenhalt, Demokratie und Vielfalt.
Verbeugung von links nach rechts: Rahel Rilling (Violine), Oliviero Hassan (Bratsche) Annika Treutler (Klavier), Ayse Deniz Birdal (Violoncello)
Bildquelle: WDR / Cornelia Böcker"Musik ist eine Sprache, die sofort emotional rüberkommt", erzählt Pianistin Annika Treutler. Sie hat das Projekt gegründet. Die Idee kam 2020, rund um den 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz.
Ein fast vergessenes Liederbuch
Mitgebracht haben sie ein altes deutsch-jüdisches Liederbuch von 1912, es war fast vergessen, nur wenige Exemplare überlebten die Zeit des Nationalsozialismus. 2022 wurde es neu aufgelegt. Zusammen mit den Schülerinnen und Schülern singen sie daraus ein Frühlingslied von Felix Mendelssohn Bartholdy, der selbst eine jüdisch-christliche Herkunft hat.
Auch Ayse Deniz Birdal bereichert den Workshop mit ihrem Violincello.
Bildquelle: WDR / Cornelia BöckerDie vier Musiker verknüpfen Musik mit Geschichte, auch mit ihrer persönlichen, und erzählen davon: die Violinistin Rahel Rilling von ihren jüdischen Vorfahren, Ayşe Deniz Birdal, am Violincello von ihren türkischen Wurzeln.
Mut, kulturelle Vielfalt zu leben
Sie kommen mit den Schülerinnen und Schülern ins Gespräch, geben ihnen Raum für ihre eigenen Geschichten. "Ich sehe mich auch als Deutsche", erzählt eine Schülerin, "Aber trotzdem finde ich auch meine Identität in Kasachstan und in Russland, weil ich da auch Familie und Wurzeln habe".
Verschieden und doch irgendwie gleich
Eine 16-Jährige erzählt, sie sei Kurdin und komme aus Syrien. Ihr gefällt, dass "jeder etwas von seiner Kultur erzählt hat" und dass alle Geschichten verschieden waren "und doch waren alle irgendwie auch gleich".
Oliviero Hassan (Bratsche), Rahel Rilling (Violine), Annika Treutler (Klavier), Gunnar Klinge (Oberstufenleiter Gesamtschule Salzkotten), Ayse Deniz Birdal (Violoncello) sorgen für einen Unterrichtstag, den die Schülerinnen und Schüler sicherlich nicht so schnell vergessen werden.
Bildquelle: WDR / Cornelia BöckerFür Oberstufenleiter Gunnar Klinge war es eine besondere Schulstunde. Passend zum Schulmotto: Gemeinsam stark.
Unsere Quellen:
- Recherchen der WDR-Reporterin vor Ort
- Presseinformationen
Sendung: WDR.de, Profi-Musiker erzählen von ihren Wurzeln, 24.09.2026, 11:45 Uhr