Wildnisgebiete in der Egge : Was ist dran am "Nationalpark light"?
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Noch ist nichts beschlossen und schon gibt es viele Meinungen zum Thema Wildnisentwicklungsgebiete. Das Eggegebirge wird als ein möglicher Standort für die Naturschutz-Pläne des Landes gehandelt. Für die einen ist es ein "Nationalpark durch die Hintertür" für die anderen "ein kleiner Schritt in die richtige Richtung."
Wer die Diskussion verstehen will, muss als erstes den Hintergrund kennen: Das Land Nordrhein-Westfalen will 5.000 Hektar Wald in sogenannte "Wildnisentwicklungsgebiete" umwandeln. In diesen Gebieten sollen Bäume alt werden und nicht mehr wirtschaftlich genutzt dürfen.
Die Landesregierung setzt damit die Biodiversitätsstrategie des Bundes um. Deutschland hat sich verpflichtet, zwei Prozent seiner Fläche stillzulegen: Dort soll sich die Natur "wieder nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickeln", heißt es in der Strategie. Bis jetzt gibt es bereits gut 100 solcher Gebiete in NRW. Einige davon auch in der Egge. Demnächst sollen sich mehr als 15 Prozent des Landeswaldes natürlich entwickeln, das sind zwei Prozent der Fläche des Landes.
Stehendes und liegendes Totholz ist Lebensraum für viele Arten.
Bildquelle: WDR / Katharina BöhmerVerein erhebt Vorwürfe: "Nationalpark durch die Hintertür"
"Sukzessive wird in den verschiedenen Regionen das bestehende Netz aus Schutzgebieten für Wälder mit natürlicher Entwicklung erweitert", so eine Sprecherin des Ministeriums für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen. Ob auch die Gebiete in der Egge dazugehören, ist noch nicht beschlossen. Trotzdem regt sich Protest vom Verein "Unsere Egge". Der Verein hatte sich gegründet, um einen Nationalpark im Eggegebirge zu verhindern. Bei einem Bürgerbegehren in den Kreisen Höxter und Paderborn im Jahr 2024 stimmten die Menschen vor Ort gegen einen Nationalpark.
Und hier setzt die Kritik des Vereins an: Es werde versucht, "einen Nationalpark Light durch die Hintertür einzurichten", schreibt der Verein auf seiner Webseite. "Man vermittelt den Leuten damit eure Meinung ist uns egal", sagt Johanna Dreps-Kahl, die Mitglied im Verein ist und ihn berät. Der Verein wirft der Regierung vor, den Wählerwillen zu ignorieren und schreibt provokativ: "Alle Nachteile eines Nationalparks aber keine Vorteile."
Diese Fläche in der Egge Nord könnte nach Einschätzung von Günter Bockwinkel zu Wildnisentwicklungsgebiet werden.
Bildquelle: WDR / Katharina BöhmerKritiker: "Nationalpark light" brächte wirtschaftlichen Schaden
Aber was ist dran an der Kritik? "Es sind zwei unterschiedliche Schutzgebietskategorien und die Nationalpark-Schutzkategorie ist deutlich strenger als Wildnisentwicklungsgebiete. Also ein Nationalpark durch die Hintertür ist es de facto erstmal nicht“, sagt Werner Rolf, Professor für Landschaftsplanung an der TH OWL. Ein Nationalpark sollte 10.000 Hektar umfassen, für Wildnisentwicklungsgebiete gibt es diese strengen Vorgaben nicht.
Schon jetzt gibt es in der Egge verschieden genutzte Flächen.
Bildquelle: WDR / Katharina BöhmerDer Verein "Unsere Egge" befürchtet aber, dass die Wildnisentwicklungsgebiete nur der erste Schritt sind, um dann doch noch einen Nationalpark durchzusetzen. Die Vereinsmitglieder wollen sich weiter frei im Wald bewegen. "Die Menschen wollen auch mal Pilze pflücken oder meine Kinder eine Hütte bauen", sagt Johanna Dreps-Kahl. In Wildnisentwicklungsgebieten gilt das Wegegebot, offizielle Wege dürfen also nicht verlassen werden.
Zum Verein gehören auch viele Forstwirte, die einen wirtschaftlichen Schaden befürchten. Fakt ist: Bäume dürfen in den Gebieten nicht mehr abgeholzt werden."Es passiert leider viel zu häufig, dass wir die ökologischen Ziele gegen die Wirtschaft ausspielen", sagt Professor Werner Rolf. Dabei sei beides wichtig.
Wildnisentwicklung vs. Wirtschaftswald in der Egge
Im Eggegebirge gibt es schon einige Wildnisentwicklungsgebiete, die sind aber klein. Die Landesregierung könnte sie im Zuge der Strategie ausweiten und verbinden, um eine größere zusammenhängende Fläche zu bekommen. Ob sich der Standort dafür grundsätzlich eignet, entscheidet das Umweltministerium.
Der Landesbetrieb Wald und Holz kümmert sich um die Flächen. Auf Anfrage des WDR heißt es von Wald und Holz, man wolle sich aktuell nicht zu der Thematik äußern: "Wald und Holz steht mitten in den Mitte", sagt eine Sprecherin des Landesbetriebs. Das Thema ist politisch aufgeladen. Es scheint schwer zu sein, jemanden zu finden, der keine Meinung zur Wildnisentwicklung hat.
Biologe sieht Vorteile von wilden Wäldern
Diplom-Biologe Günter Bockwinkel ist zwar jetzt im Ruhestand hat aber lange in Bielefeld ein Büro für Landschaftsplanung und ökologische Gutachten geleitet. Er nimmt uns mit in die Egge. Als es 2024 um den Nationalpark ging, war er dafür und auch jetzt wieder.
Biologe Günter Bockwinkel erklärt die Unterschiede.
Bildquelle: WDR / Katharina BöhmerIm Staatswald gibt es schon stillgelegte Flächen, aber genau so Wirtschaftswald. Günter Bockwinkel bewertet die nachhaltige Bewirtschaftung in der Egge positiv: "Das ist überhaupt gar nicht die Frage und die Bewirtschaftung der Wälder sollte so ähnlich, wie sie hier passiert, auch stattfinden. Aber wir brauchen eben auch auf einer kleineren Flächen Wildnis."
Johanna Dreps-Kahl stimmt da zu. Die Kritiker finden aber auch, dass der Landesbetrieb schon genug für den Naturschutz tut und freiwillig weniger Holz erntet, als möglich. Viele private Flächen würden schon nicht mehr bewirtschaftet: "Ich würde mir sehr wünschen, dass wir erst einmal das aufschlüsseln, bevor wir mehr stilllegen."
Wildnis und Wirtschaft im Eggegebirge im Einklang
Gut ein Viertel der Wildnisentwicklungsgebiete des Landes liegt in OWL. Die Gebiete sind aber oft klein und zerschnitten. "Dann ist der Einfluss von draußen viel größer", sagt Günter Bockwinkel und deutet auf die geschotterten Wirtschaftswege. Auch durch Wege sei das Gebiet zerschnitten. Wegen der verdichteten Wege könne Regenwasser schlechter versickern und für viele Kleinarten sei das eine Art Grenze.
In der Egge gibt es viele für LKW befahrbare Wege.
Bildquelle: WDR / Katharina BöhmerDeshalb will auch das Land NRW die bestehenden Gebiete erweitern, ausschließlich im Landeswald. Das hält Professor Werner Rolf für sinnvoll: "Je größer die Fläche desto besser, aber kleiner funktioniert es auch."
Ökologische Vorteile durch wilde Wälder
Die Vorteile von wilden Wäldern sind wissenschaftlich belegt: "Diese Wälder sind resilienter dem Klimawandel gegenüber, sie speichern etwa dreimal soviel Wasser und mit zunehmenden Alter mehr Kohlenstoff", sagt Werner Rolf. Belegt sei auch ein massives Artensterben durch den Menschen: "Die Frage, die wir uns stellen müssen, wollen wir diese Katastrophe verantworten?" Man sehe auch jetzt schon, dass der Klimawandel dem Wald zu schaffen mache.
Förster haben schon neue Bäume geplanzt beovr der Borkenkäfer die alten abstarben.
Bildquelle: WDR / Katharina BöhmerGünter Bockwinkel steht neben einem morschen Stamm: "Hier leben vermutlich hunderte von Arten." Es gebe viele, nämlich die sogenannten Urwaldarten, die genau an diese Bedingungen angepasst seien. Deshalb brauche es eben auch Flächen, in denen Totholz liegen bleibe. Manche Arten siedeln sich erst ab einer Totholzmenge von 50 Kubiukmetern pro Hektar an. Der Durchschnitt im deutschen Wald liege deutlich darunter.
"Der Wald braucht uns Menschen überhaupt nicht. Wir Menschen brauchen den Wald, das ist klar." Günter Bockwinkel, Biologe
Balance zwischen wilden und bewirtschafteten Wäldern
"Ich mecker auf hohem Niveau. Die Förster machen einen guten Job", sagt Günter Bockwinkel und schaut in Richtung des Wirtschaftswalds. Das Argument der Kritiker, die Stillegungen würden zu einem Holzmangel führen, lässt er nicht gelten: "Wir müssten einfach weniger exportieren." Trotzdem kann er die Sorgen auch nachvollziehen. Johanna Dreps-Kahl ist der Meinung, dass der Wald Unterstützung braucht sich an die aktuellen Bedingungen anzupassen.
"Wir sind als Menschen gewohnt alles zu kontrollieren." Werner Rolf, Professor für Landschaftsplanung TH OWL
Für Werner Rolf ist vor allem entscheidend, dass die Vorteile überwiegen: "Der Schutz der biologischen Vielfalt ist kein reiner Selbstzweck sondern nutzt auch dem Menschen." Und auch auf anliegenden Flächen könne man positive Effekte, wie etwa mehr Feuchtigkeit beobachten. Bis das ganze Potenzial von wilden Wäldern sichtbar werde, könne es aber hunderte von Jahren dauern.
Unsere Quellen:
- Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt
- Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen
- Verein "Unsere Egge"
- Werner Rolf, Professor für Landschaftsplanung an der TH OWL
- Gespräch mit Biologe Günter Bockwinkel
- Gespräch mit Forstwirtin Johanna Dreps-Kahl
- Bezirkskonferenz Naturschutz OWL
- Wald und Holz NRW
- Beobachtungen der WDR-Reporterin vor Ort
Sendung: WDR.de, Was ist dran am "Nationalpark light"?, 24.09.2026, 04:58 Uhr
