"Die Gewalt macht auch etwas mit dem Täter"

Bildquelle: WDR

WDR 06:39 Min. Verfügbar bis 19.08.2028

Kriminologin über Gewalt an Pferden Wer verletzt Tiere und warum?

Stand:

In den vergangenen Wochen haben zehn Fälle verletzter Pferde in Ostwestfalen-Lippe für Entsetzen gesorgt. Immer wieder steht der Verdacht im Raum, dass die Tiere absichtlich verletzt wurden. Doch was treibt Menschen zu solchen grausamen Taten an?

Die Angriffe ereigneten sich meistens nachts. Zuletzt wurde eine Stute auf einem Gnadenhof am Hinterlauf verletzt, vermutlich mit einem Schnitt. Ein zweites Pferd auf dem Hof erlitt ebenfalls Verletzungen. Und auf einer nahegelegenen Koppel wurde ein drittes Pferd mit einer tiefen Stichverletzung im Brustbereich gefunden. Die zehn Fälle trugen sich im Kreis Höxter und im Kreis Lippe zu.

Dunja Storp ist Kriminologin und forscht seit 20 Jahren zu menschlichem Gewalt- und Aggressionsverhalten gegenüber Tieren. Im WDR-Interview spricht sie über Täter, Motive und mögliche Strafen.

Frau Storp, was ist Ihrer Meinung nach die Motivation von Menschen, die absichtlich Tiere verletzen?

Dunja Storp: Wir wissen aus der kriminologischen Forschung, dass es nicht den einen spezifischen Tätertypus gibt. Die Motive sind verschieden. Deshalb muss man auch sehr vorsichtig sein, auf Serien zu schließen. Die Tat selbst, also die Brutalität einer Tat, sagt erstmal noch nichts über den Tätertypus aus. Wir kennen Kontrolle, Spannung, Dominanz, sexualisierte Sachen und Aggressionsabbau in unterschiedlichen Bereichen. Ob es ein Täter ist oder eine Tätergruppe, das müssen die näheren Ermittlungen zeigen.

Aber den Schritt zu gehen und ein Pferd zu verletzen, ist das etwas, was für eine spezielle Art Mensch spricht?

Storp: Der Schritt, die Tat auszuüben, hat viele Komponenten. Das Pferd ist ein Fluchttier. Ich muss überhaupt einmal an so ein Tier herankommen. Auch da gibt es Ermittlungsansätze: Waren es besonders zutrauliche Tiere? Man begibt sich ja auch in eine gewisse Gefährdung. Was außerdem völlig verkannt wird: Gewalt gegen ein Tier, ob mit einem Messer oder mit einem anderen Gegenstand, ist eine massive Einwirkung.

Kriminologin Dunja Storp sitzt vor einem weissen Hintergrund
"Das macht etwas mit dem Täter. Mit einem Messer eine Sehne durchzuschneiden, ist nur mit brachialer Gewalt möglich." Dunja Storp, Kriminologin

Gibt es so etwas wie Trittbrettfahrer, die sich vor allem Aufmerksamkeit erhoffen?

Storp: Das Trittbrettfahren oder die Aufmerksamkeit zieht manche Menschen an. Mediale Aufmerksamkeit führt auch dazu, dass sehr schnell etwas in diesen Modus kanalisiert wird. Eine typische Verletzungsart bei Pferden ist auch die Weideverletzung. Man muss also wirklich sehr genau schauen. Und deswegen ist es auch sehr gut von der Polizei, recht restriktiv mit den Informationen umzugehen.

Bis zu drei Jahre Gefängnis können für solche Taten drohen. Ist das Ihrer Meinung nach hoch genug, um Täter abzuschrecken?

Storp: Das Problem liegt auf der emotionalen Ebene: Besonders wenn es um Tiere oder das eigene Tier geht, erscheint keine Strafe zu hoch. Das Problem ist, dass bei solchen Delikten der Strafrahmen kaum ausgeschöpft wird, nicht mal im Ansatz. Sie können sich heutzutage teilweise schon freuen, dass überhaupt eine Bewährungsstrafe ausgesprochen wird und die Tat nicht bloß als eine Ordnungswidrigkeit eingestuft wird. Es ist sehr selten, dass Menschen strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden.

Das Interview führte Lokalzeit-Moderatorin Kristina Sterz.

Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit OWL, 19.08.2026, 19:30 Uhr
Erstveröffentlichung des Artikels am 20.08.2026

Weitere Beiträge aus Ostwestfalen-Lippe

1 / 2