Streit um Entschädigung der ev. Kirche
Bildquelle: picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte3 Min. 19 Sek.. Verfügbar bis 25.08.2028.
Missbrauch in Bielefeld : Streit um Entschädigung der evangelischen Kirche
Stand:
In der evangelischen Kirche von Westfalen stocken Entschädigungszahlungen an Missbrauchsbetroffene. Besonders in Bielefeld wächst der Druck auf die Kirchenleitung: Betroffene sexualisierter Gewalt werfen der evangelischen Kirche vor, die Aufarbeitung zu verschleppen und zugesagte Zahlungen zu verzögern.
"Es reicht", sagt Julian Schellong. Er ist selbst von sexualisierter Gewalt betroffen und Sprecher einer Gruppe Betroffener aus Bielefeld. Schellong tritt als einziger öffentlich auf, die anderen wollen anonym bleiben.
Julian Schellong ist selbst betroffen von sexualisierter Gewalt und Sprecher einer Gruppe aus Bielefeld.
Bildquelle: WDR/Oliver KöhlerDie Gruppenmitglieder wurden als Minderjährige vom Jugendleiter der Dietrich-Bonhoeffer-Kirchengemeinde in Bielefeld sexuell missbraucht. Er ist mittlerweile rechtskräftig verurteilt. Nun wollen die Betroffenen von der evangelischen Kirche von Westfalen endlich Entschädigungszahlungen als Wiedergutmachung.
Vorwurf: Evangelische Kirche wird ihrer Verantwortung nicht gerecht
Die evangelische Kirche trage eine große Schuld, sie würde dieser Verantwortung aber nicht gerecht, sagt der 35-jährige Schellong im Interview mit dem WDR. Versprechen würden gebrochen, Reuebekundungen seien geheuchelt, auf das Wort der Verantwortlichen dieser Kirche sei kein Verlass.
Jetzt greift er die Präses, die Vorsitzende der evangelischen Kirche von Westfalen, direkt an.
Werden Entschädigungen bewusst blockiert?
Präses Adelheid Ruck-Schröder vertritt die evangelische Kirche von Westfalen in der bundesweiten Kirchenkonferenz. Dieses Gremium blockiere seit Monaten eine Regelung zu den Entschädigungszahlungen, behauptet Schellong.
"Die Präses trägt direkt Verantwortung dafür, dass wir diese Zahlung nicht erhalten." Julian Schellong, Betroffener von sexualisierter Gewalt
Der fehlende "Katalog" für Entschädigungen
Hintergrund: Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat unabhängige Aufarbeitungskommissionen eingesetzt. Sie sollen unter anderem die Höhe der jeweiligen Zahlungen bestimmen.
Dies soll eigentlich anhand eines einheitlichen "Katalogs", einer Art Orientierungshilfe, passieren. Darin sollen Fallbeispiele aufgelistet und Summen als Anhaltspunkte genannt werden. Doch dieser "Katalog" lässt auf sich warten. Die Kirchenkonferenz konnte sich offensichtlich noch nicht auf eine Fassung einigen.
So verteidigt sich die evangelische Kirche von Westfalen
Die Präses von Westfalen räumt im Interview mit dem WDR ein, dass es Abstimmungsprobleme zu dem "Katalog" gebe. Viele unterschiedliche Personen müssten bei Änderungswünschen zustimmen. Das Verfahren benötige noch Zeit.
Präses Adelheid Ruck-Schröder will in den Austausch mit Betroffenen gehen.
Bildquelle: WDR/Oliver KöhlerDennoch könnten Betroffene schon jetzt Anträge stellen, sagt Adelheid Ruck-Schröder. Diese würden auch bearbeitet. Niemand müsse Nachteile ohne diesen "Katalog" befürchten. Der sei ohnehin nur ein Anhalt, die unabhängigen Kommissionen würden jeden Fall einzeln prüfen und individuelle Entschädigungsleistungen festlegen.
"Wenn ein Betroffener, eine Betroffene mit mir sprechen möchte, bin ich auf jeden Fall jederzeit dazu bereit." Adelheid Ruck-Schröder, Präses ev. Kirche von Westfalen
Man werde die Internetseiten der evangelischen Kirche von Westfalen demnächst überarbeiten, kündigt Präses Ruck-Schröder an. Betroffene sollen schneller durchfinden und es solle ihnen erleichtert werden, Anträge zu stellen.
Seit 2014 habe die evangelische Kirche von Westfalen bereits 970.000 Euro an Betroffene ausgezahlt: Für die Anerkennung ihres Leids, für juristische Beratungen oder auch therapeutische Maßnahmen.
Enttäuschung und Vertrauensverlust bei Betroffenen
Julian Schellong, der Sprecher der Betroffenen aus Bielefeld ist dennoch enttäuscht. Zu negativ sind seine persönlichen Erfahrungen mit der evangelischen Kirche bei der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt.
Erst habe seine frühere Gemeinde eine Studie lange Zeit verzögert, jetzt sei schon wieder "Sand im Getriebe" bei den Entschädigungen. In dieser Kirche seien alle immer ganz erschüttert, aber zuständig sei irgendwie niemand, so Schellong.
"Mein Vertrauen in die Vertreter dieser Institution ist erschöpft." Julian Schellong, Betroffener von sexualisierter Gewalt
Stand der Aufarbeitung in Bielefeld
Die Studie zur Aufarbeitung des Missbrauchs in der Gemeinde ist seit einigen Monaten beauftragt. Ergebnisse sollen im Sommer 2027 vorliegen. Wann der "Katalog" für die Entschädigungszahlungen vorliegen könnte, ist zurzeit nicht absehbar.
Die Landeskirchen und Diakonien veranstalten im Oktober das dritte Forum für Betroffene sexualisierter Gewalt. Laut der evangelischen Kirche sollen die Treffen einen Austausch auf Augenhöhe zwischen Betroffenen und Institutionen ermöglichen. Vertreterinnen und Vertreter der Kirche informieren auch über aktuelle Entwicklungen und den Stand der Aufarbeitung. Die nächsten Termine sind am 5. Oktober 2026 um 10 Uhr in Koblenz und am 7. November 2026 um 10 Uhr in Haltern am See.
Unsere Quellen:
- Interview mit Julian Schellong, Betroffener
- Interview mit Adelheid Ruck-Schröder, Präses ev. Kirche von Westfalen
- Bericht der unabhängigen Aufarbeitungskommission West
Sendung: WDR.de, Streit um Entschädigung in der ev. Kirche, 25.08.2026, 05:02 Uhr
